Eine schwangere Frau mit Alkohol in der Hand.
Bildrechte: IMAGO/DATA73

Fetales Alkoholsyndrom (FAS) Alkohol in der Schwangerschaft - die unterschätzte Gefahr

BRISANT | 09.09.2019 | 17:15 Uhr

Kurzer Rausch, langer Leidensweg: Alkohol in der Schwangerschaft. Etwa 13.000 Kinder werden jährlich mit dem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) geboren. Doch eine Diagnose erhält nur jeder zehnte Betroffene – mit fatalen Folgen.

Eine schwangere Frau mit Alkohol in der Hand.
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"Mit FAS leben, heißt mit Löchern im Gehirn leben", sagt Grit Wagner. Sie lebt mit dem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) – verursacht durch Alkoholkonsum ihrer Mutter in der Schwangerschaft. Doch diese Diagnose wurde erst gestellt, als sie bereits erwachsen war. Erst seitdem weiß sie, dass sie keine Schuld an ihren vielen Problemen hat – und die fangen bereits beim Frühstück an. Die 47-Jährige sitzt vor ihrer Kaffeetasse, hat einen blauen Tetrapack in der Hand und muss lange überlegen, wie rum sie die Milch eingießen kann. Wäre ihr Nachbar nicht zur Unterstützung da, sie könnte die einfachsten Dinge nicht bewältigen. Grit Wagner weiß nicht, ob eine Viertelstunde lang ist oder ob 100 Meter weit sind. Sie hat Schwierigkeiten Formen und Strukturen wiederzuerkennen.

Eine Frau und ein Mann
Die Probleme fangen für Grit Wagner schon beim Frühstück an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neun von zehn Betroffenen ohne Diagnose

"Es fehlen Gehirnzellen, die durch den Alkohol kaputt gemacht wurden", sagt Grit Wagner. Alkohol, den sie nie selbst getrunken hat. Sie ist kein Einzelfall: Etwa 800.000 Menschen leiden in Deutschland unter der Fetalen Alkoholspektrums Störung (FASD). Doch nur einer von zehn Betroffenen weiß das. Neun bleiben ohne Diagnose – und damit ohne Hilfe.

Ein älterer Mann.
Auf Neurologen und Psychiater kommt eine große Gruppe an Patienten zu, erklärt Prof. Hans-Ludwig Spohr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weit mehr als 90 Prozent mit einem partiellen FAS sind nicht diagnostizert, fallen auf, weil sie klauen, fallen auf, weil sie psychiatrische Störungen kriegen. Sie werden depressiv, sie werden verhaltensauffällig und kein Mensch ordnet sie zu einem Krankheitsbild dazu.

Prof. Hans-Ludwig Spohr | FAS Zentrum Berlin

Löcher im Gehirn bleiben ein Leben lang

Dass ihre leibliche Mutter Alkoholikerin war, erfuhr Grit Wagner von ihren Pflegeeltern erst als Erwachsene. Obwohl sie bereits von klein auf von Ärzten und Psychologen behandelt wurde, fand niemand die wahre Ursache für ihre Probleme. Mit 40 Jahren fuhr Grit Wagner nach Berlin zu Professor Hans-Ludwig Spohr. Er beschäftigte sich in einer Langzeitstudie mit FASD im Erwachsenenalter. Für seine Forschung ist er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Grit Wagner hatte ihre Jugendamtsakte, Krankenberichte und ein Kinderfoto dabei. "Da zeigte sie mir ein kleines Foto, das war schwarz-weiß, war so typisch Alkoholsyndrom", sagt Professor Spohr. Die Diagnose stand für ihn sofort. "Sie haben dieses auffällige Gesicht mit diesem schmalen Gesichtsschädel und den geringen Lidabständen." Nur im Kindesalter sind die äußerlichen FASD-Merkmale so ausgeprägt. Oft verlieren sie sich mit dem Erwachsenwerden. Die "Löcher im Gehirn" aber bleiben ein Leben lang.

SW-Aufnahme eines Kindes
Ein Bild aus der Kindheit von Grit Wagner. Damit stand für den Professor die Diagnose. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kein unterer Schwellenwert für Schädlichkeit von Alkohol

"Die Psychiater und die Neurologen wissen nicht, was das für eine große Gruppe von hilfsbedürftigen Patienten ist, die eigentlich auf sie zukommt", sagt der Forscher. Gefährdet sind aber nicht nur Kinder von Alkoholikerinnen. Es gibt keinen unteren Schwellenwert für die Schädlichkeit von Alkohol in der Schwangerschaft. Dabei sind neueste Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) alarmierend. Demnach geht die größte Gefahr von jungen Frauen aus, die episodisch stark trinken. Ihre Zahl ist etwa drei bis vier Mal größer als die der chronischen Alkoholikerinnen. 

Nur 30 Prozent der Betroffenen können alleine leben

"Das sind junge Mädchen - 16, 18, 19 - die noch zur Schule gehen oder in der Lehre sind und dann am Wochenende die Sau raus lassen", erklärt der Wissenschaftler. Dabei würden diese jungen Frauen intensiv trinken und seien sexuell aktiv. Da könne es sein, dass sie schwanger geworden sind und "es nicht gemerkt haben. Und dann haben das Kind im Wesentlichen schon geschädigt". 

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat FASD zu einem Schwerpunkt erklärt. "Das ist deshalb so wichtig, weil es immer noch Menschen gibt, die denken, das eine oder andere Glas Alkohol schadet nicht", sagt Marlene Mortler. Dabei wisse man bis heute nicht, in welcher Phase der Schwangerschaft der entscheidende Schluck Alkohol getrunken worden ist – mit gravierenden Folgen. 70 Prozent der FASD-Kranken haben keinen Beruf. Viele leben auf der Straße oder in Notunterkünften. Fast die Hälfte landet in der Psychiatrie oder im Gefängnis.

Einfachste FASD-Aufklärung fehlt

Das Problem: Hierzulande gibt es noch nicht einmal die einfachste Form der Aufklärung, einen Warnhinweis für Schwangere auf jeder Flasche Alkohol etwa - so wie es in Frankreich längst üblich ist. Der Austausch mit anderen Eltern in einer Selbsthilfegruppe hilft oft, mit der Situation zurecht zu kommen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 09. September 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2019, 13:00 Uhr

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