Viele Patienten sitzen in einem Wartezimmer einer Landarztpraxis.
Ärztemangel auf dem Land: Ausbaden müssen es die Patienten, mit langen Wartezeiten oder gar keinem Termin. Bildrechte: dpa

Die Landärztin Ärztemangel vs. Behandlungspflicht - was tun?

BRISANT | 02.09.2019 | 17:15 Uhr

Es ist ein echtes Dilemma: Auf dem Land herrscht Ärztemangel, vor allem an Fachärzten. Doch arbeitet ein Arzt über die Maße, die ihm die Kassenärztliche Vereinigung vorschreibt, dann wird er zur Kasse gebeten. Genau so geht es Neurologin Kyra Ludwig aus Ostsachsen. Künftig also Patienten nach Hause schicken oder umsonst arbeiten? Und was bedeutet das für die Kranken?

Viele Patienten sitzen in einem Wartezimmer einer Landarztpraxis.
Ärztemangel auf dem Land: Ausbaden müssen es die Patienten, mit langen Wartezeiten oder gar keinem Termin. Bildrechte: dpa

Kyra Ludwig ist Neurologin, ihre Praxis befindet sich in der Oberlausitz. Neurologen sind hier Mangelware - und ihre Praxis entsprechend voll. Einen Patienten nach Hause zu schicken, das kam für Dr. Ludwig bislang nicht in Frage. Bis ihr eine Regressforderung der Kassenärztlichen Vereinigung über 250.000 Euro ins Haus flatterte.

Plausibilitätsprüfung durch Kassenärztliche Vereinigung

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand.
Wie viele Arbeitsstunden kann ein Arzt leisten? Das prüft die Kassenärztliche Vereinigung. Bildrechte: dpa

Ärzte können nur ein bestimmtes Arbeitspensum leisten - und das rechnen sie nach einer Behandlung ab: und zwar bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Rechnet ein Arzt aus deren Sicht zuviel ab (zeitlich oder auch rechnerisch), dann werden die Abrechnungen geprüft. Das nennt man Plausibilitätsprüfung. War ein Arzt in der Lage, in seiner Arbeitszeit die abgerechneten Leistungen tatsächlich zu erbringen?

Bei Kyra Ludwig hatte die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen ihre Zweifel und fordert nun Geld zurück. Es schien unglaubwürdig, dass Neurologin Ludwig pro Quartal mehr als 780 Arbeitsstunden abrechnet. Denn das sind 12 Stunden Arbeitszeit an fünf Tagen die Woche. Dabei arbeitet Kyra Ludwig tatsächlich deutlich mehr als viele ihrer Kollegen. Weshalb sie das tut? Weil der nächste Neurologe für viele ihrer Patienten deutlich zu weit entfernt ist - und weil Kyra Ludwig nicht auf Privatpatienten setzt, sondern jedem Patienten helfen möchte. Für Fachärzte in ärztlich unterversorgten Gebieten ein echtes Dilemma. Und für die Patienten ebenso.

Behandlungspflicht - wann darf ein Arzt einen Patienten ablehnen?

Vor allem Kassenpatienten haben immer wieder das Problem, keinen Facharzt zu finden, der ihr Leiden behandelt. Aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen gibt es nur sehr wenige Gründe, aus denen ein Arzt einen Patienten ablehnen darf, denn vor allem Kassenärzte unterliegen der sogenannten "Behandlungspflicht". Von der sind sie entbunden, wenn ...

  • kein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt (mehr) besteht.
  • die notwendige Behandlung nicht dem Fachgebiet des Mediziners entspricht.
  • der Patient nach Behandlungsmethoden verlangt, die nicht indiziert und daher unwirtschaftlich sind.
  • der Patient auf Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbruch besteht.
  • der Patient Hausbesuche außerhalb der Praxiszeit verlangt.
  • der betroffene Arzt überlastet ist, weil er bereits eine Vielzahl an Patienten zu behandeln hat, und deren ausreichende Versorgung dann nicht mehr gewährleisten könnte.

Was tun, wenn man keinen Arzt findet?

Ärztemangel auf dem Land
Findet ein Betroffender keinen Arzt, der ihn in seine Patientenkartei aufnimmt, kann er die Kassenärztliche Vereinigung um Hilfe bitten. Bildrechte: colourbox

Bekommt ein Patient keinen (Fach)Arzt-Termin, versprechen die Kassenärztlichen Vereinigungen Abhilfe. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen stellt auf ihrer Website ein Formular bereit, das Patienten bei der Arztsuche unterstützen soll. Im Gegenzug sind Ärzte verpflichtet, der Kassenärztlichen Vereinigung ein vereinbartes Kontingent an Behandlungszeit zur Verfügung zu stellen, damit eben jene Patienten behandelt werden können. Ob das die existierenden Probleme löst?

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 02. September 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. September 2019, 19:13 Uhr

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