Tierwohl Fleisch und Wurst - wie erkennt man eine artgerechte Haltung ohne Tierleid?

Schweine, auf engstem Raum zusammengepfercht, mit Antibiotika gefütterte Hühner, stundenlange Tiertransporte über die Autobahnen: Vielen Menschen ist die Vorstellung zuwider, dass Nutztiere für unseren Genuss leiden müssen. Tierwohl-Label sollen erkennbar machen, welches Fleisch von Tieren aus verantwortungsvoller und artgerechter Haltung stammt. Doch die sind mittlerweile zahlreich. Welche der Kennzeichnungen hält, was sie verspricht?

Ein Demonstrant mit Kostüm Schwein zum Thema Schweinezucht
Immer mehr Menschen sind Massentierhaltung und Billigfleisch zuwider. Bildrechte: IMAGO/Stefan Boness/Ipon

Für Fleisch und andere tierische Produkte gibt es unterschiedliche Label und Siegel von verschiedenen Initiativen. Diese ermöglichen zu erkennen, aus welcher Art von Haltung das jeweilige Produkt stammt. Eine Label-Pflicht gibt es allerdings nicht. Selbst die von der Bundesregierung geplante "Mehr Tierwohl"-Kennzeichnung soll auf Freiwilligkeit setzen. Dem Verbraucher bleibt nichts anderes übrig, als für sich selbst zu entscheiden, welches Label seinen persönlichen Anforderungen gerecht wird - und was er sich leisten kann.

Haltungsform-Label

Eine schnelle Orientierung bietet die Haltungsform-Kennzeichnung, auf die sich große Einzelhändler und Discounter wie Aldi, Edeka und Netto, REWE und Penny, Kaufland und Lidl geeinigt haben. Seit April 2019 sind bei ihnen Frischfleisch-Produkte im Selbstbedienungsbereich hinsichtlich der Haltungsform der Tiere einheitlich gekennzeichnet - von Stallhaltung (Stufe 1) bis Premium (Stufe 4).

  • Stallhaltung (Stufe 1: rot): Die sogenannte Stallhaltung erfüllt gerade mal den gesetzlichen Mindeststandard, d.h. Massentierhaltung in großem Stil. Zum Beispiel müssen sich 26 Puten einen Quadratmeter Platz teilen.
  • Stallhaltung Plus (Stufe 2: blau): Die Stallhaltung Plus erfüllt die Mindestanforderungen der Initiative Tierwohl. Die Tiere haben etwas mehr Platz und Beschäftigungsmaterial. Rinder dürfen nicht in Anbindehaltung stehen, Hähnchen und Puten bekommen Stroh.
  • Außenklima (Stufe 3: orange): Außenklima bedeutet lediglich, dass die Tiere frische Luft bekommen. Nach draußen dürfen die Tiere deswegen noch lange nicht. Ein großes geöffnetes Stallfenster oder eine geöffnete Stalltür reichen aus, um Fleisch mit "Stufe 3" zu kennzeichnen.
  • Premium (Stufe 4: grün): Das Prädikat Premium bedeutet, dass die Tiere tatsächlich ins Freie kommen und im Stall mehr Platz haben. Laut Verbraucherzentrale entspricht das der Haltungsnorm eines EU-Bio-Siegels.


Das Problem der Klassifizierung nach Haltungsform: Wie die Tiere transportiert und geschlachtet werden, darüber geben die Haltungsform-Stufen keinerlei Auskunft. Außerdem ist Fleisch der Haltungsform 4 in den Supermärkten nur selten oder in sehr geringer Auswahl erhältlich.

Tierwohllabel der Initiative Tierwohl auf der Verpackung von Fleisch
Dieses Label kategorisiert die Haltungsformen von Nutztieren. Der Transport oder die Schlachtung von Tieren wird nicht bewertet. Bildrechte: imago images / photothek

"Initiative Tierwohl"

Mitentwickelt worden ist die Haltungsform-Kennzeichnung von der "Initiative Tierwohl", einem Zusammenschluss von Handel, Fleisch- und Landwirtschaft. Ziel der Initiative ist es, möglichst vielen Tieren zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen. Sie unterstützt Landwirte finanziell dabei, wenn sie Maßnahmen zum Wohl von Nutztieren umsetzen, die über gesetzliche Standards hinausgehen. Niedrig sind sie dennoch.

Stammt ein Produkt aus einem teilnehmenden Betrieb, ist es mit dem gelben Label der Initiative Tierwohl gekennzeichnet. Landwirte, die an der "Initiative Tierwohl" teilnehmen, liefern ihre Tiere ausschließlich an Schlachtbetriebe, die von der Initiative Tierwohl zertifiziert sind.

Tierwohllabel der Initiative Tierwohl auf der Verpackung von Fleisch
Sichert eine etwas bessere Haltungsform als die gesetzlich vorgeschriebenen Mindest-Standards zu: "Initiative Tierwohl" Bildrechte: imago images / photothek

Bio-Siegel

Bio-Betriebe haben relativ strenge Richtlinien bezüglich der Tierhaltung. Dennoch ist es wichtig, zwischen deutschen Bio-Anbauverbänden und dem EU-Biosiegel zu unterscheiden. Denn letzteres stellt zum Teil deutlich niedrigere Anforderungen. Beispielsweise schreibt das EU-Siegel nicht vor, wie viel Auslauf Milchkühe und Mastrinder haben sollen, sondern weist lediglich darauf hin, dass ein Maximum an Weidegang zu gewährleisten ist. Es ist auch nicht notwendig, dass die Tiere ausschließlich Bio-Futter erhalten. Auch in Sachen Transport und Schlachtung macht das EU-Bio-Siegel deutlich weniger Vorgaben als das deutsche, u.a. bezüglich der Länge der Transportstrecke und der Transportzeit.

Hausschwein und Rind stehen vor dem Bio Pruefsiegel
WICHTIG! Das deutsche Bio-Siegel hat deutlich strengere Richtlinien als das europäische. Bildrechte: IMAGO

"Neuland"

"Neuland" ist ein Verein, der ein sogenanntes Markenfleisch-Programm aufgelegt hat. Bezüglich der Tierhaltung legt "Neuland" strenge Kriterien an, die denen der deutschen Bio-Anbauverbände ähneln. Dazu zählen freier Auslauf für Hühner und Weidegang für Rinder und Milchkühe. Außerdem bieten die Ställe ausreichend Platz und sind mit Stroh ausgestattet. Ferkel dürfen ausschließlich unter Betäubung kastriert werden und der Transport zum Schlachthof darf nicht länger als vier Stunden dauern.

Anders als bei Bio-Betrieben muss bei "Neuland" das Futter nicht nur aus biologischem Anbau stammen, allerdings wird ausschließlich mit einheimischem und gentechnikfreiem Futter gefüttert. Träger des "Neuland"-Vereins sind unter anderem der Deutsche Tierschutzbund und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Verkauft wird das Fleisch von "Neuland" in ausgewählten Fleischereien sowie in den Hofläden der "Neuland"-Betriebe.

Eine Muttersau mit ihren Ferkeln an einem Neuland Stand.
So, wie man sich artgerechte Nutztierhaltung vorstellt: ein "Neuland"-Stand auf der "Grünen Woche" in Berlin. Bildrechte: imago/Meike Engels

Label "Für mehr Tierschutz"

Auch mit dem Label "Für mehr Tierschutz" des Deutschen Tierschutzbunds werden Produkte tierischen Ursprungs gekennzeichnet, die für einen höheren Tierschutz als den gesetzlichen stehen. Es umfasst zwei Anforderungsstufen: eine Einstiegsstufe und eine Premiumstufe. Die Einstiegsstufe beinhaltet ein größeres Platzangebot und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere. Der Premiumstandard steht für ein noch höheres Platzangebot beziehungsweise einen Außenklimabereich oder Auslaufmöglichkeiten. Außerdem gibt es Auflagen zum Transport von Tieren.

"Tierschutz kontrolliert"

Hinter der Kennzeichnung "Tierschutz kontrolliert" steht die gemeinnützige Tierschutz-Stiftung "Vier Pfoten". Auch hier wird zwischen einer Einstiegs- und einer Premium-Stufe unterschieden, vergleichbar mit denen des Labels "Für mehr Tierschutz". Dafür zertifizierte Betriebe bieten ihren Tieren Beschäftigungsmöglichkeiten und bei der Premium-Stufe auch Auslauf im Freien an und sichern zu, dass die Transporte zum Schlachthof nicht länger als vier Stunden dauern. Zudem erhalten die Tiere ähnlich viel Platz wie bei Bio-Landwirten.

Illustration: Tiermodelle und Staatliches Tiewohllabel
Wann kommt das staatliche Tierwohl-Label? Bildrechte: imago images / Steinach

Quellen: verbraucherzentrale.de, lebensmittelverband.de, bmel.de

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 01. September 2020 | 17:30 Uhr

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