Gefährliche Freunde Das sollten Sie über Schmerzmittel wissen

BRISANT | 21.10.2019 | 17:15 Uhr

Auf Schmerzen würden die meisten Menschen wohl gern verzichten. Zum Glück gibt es Schmerzmittel, oft sogar ohne Rezept. Doch Vorsicht: Schmerzmittel können bei längerer Nutzung gefährlich werden.

Kapsel und Tablette auf Kardiogramm
Kapsel und Tablette auf Kardiogramm Bildrechte: Colourbox.de

Wie Schmerzmittel wirken

Schmerzmittel unterdrücken das Schmerzgefühl im Gehirn. Doch der Körper bildet wie zum Ausgleich immer neue zusätzliche Rezeptoren für das Schmerzempfinden. Das heißt: Wird das Medikament abgesetzt, kann das Schmerzempfinden erheblich stärker sein als zuvor. In welcher Form Schmerzmittel eingenommen werden, ist dabei nicht entscheidend. Es kann eine Salbe, ein Gel, es können Tabletten oder ein lösliches Pulver sein. In jedem Fall gelangt der Wirkstoff in die Blutbahn und hat dort Reaktionen zur Folge. In der Regel stört er die Bildung oder Weiterleitung bestimmter Botenstoffe, die für die Meldung eines Schmerzsignals ans Gehirn verantwortlich sind. Aber genau diese Stoffe beeinflussen auch die Arbeit anderer Organe. Werden sie ausgeschaltet, kann es dazu führen, dass Nieren, Magen oder Herz Schaden nehmen.

Herzstillstand-Risiko durch Schmerzmittel erhöht

Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, hat eine Studie der Uniklinik Kopenhagen ermittelt. Dort untersuchte man zwei Wirkstoffe, die es auch in Deutschland rezeptfrei in der Apotheke gibt: "Wir stellten in unserer Studie fest, dass die Einnahme von Diclofenac mit einem um 50 Prozent erhöhten Risiko von Herzstillstand verbunden war und die Einnahme von Ibuprofen mit einem um 31 Prozent erhöhten Risiko von Herzstillstand", so Kardiologin Dr. Kathrine B. Sondergaard.

Schmerzmittel nur bei bekannten Schmerzen

"Schon die erste Tablette kann ein Risiko darstellen, wenn man einen Schmerz unterdrückt, der ein wichtiges Warnsignal darstellt", macht Dr. Rolf Malessa, Chefarzt der Klinik für Neurologie in Weimar, deutlich: "Wenn zum Beispiel ein blitzartig einsetzender Kopfschmerz auftritt, kann er auf eine Hirnblutung hinweisen. Man sollte nur solche Schmerzen mit Schmerzmitteln bekämpfen, die einem bereits gut bekannt sind, wie etwa der Kopf- oder Halsschmerz bei einer Erkältungskrankheit oder der altbekannte Rückenschmerz, der ein bis zweimal im Jahr seit langem immer wieder auftritt".

Bei Schmerzen lieber zum Arzt

Aber selbst dann sei dringend zu raten, die Schmerzmittel nur über wenige Tage einzunehmen. "Bei einer längerfristigen Einnahme drohen immer ernsthafte Nebenwirkungen", so Dr. Malessa. "Wenn die Ursache der Schmerzen unklar ist, wenn Begleiterscheinungen wie Fieber, Lähmungen, ein schlechtes Allgemeinbefinden oder Gewichtsabnahme auftreten, dann sollte auf jeden Fall der Arzt befragt werden."

Schmerztherapie als Alternative

Inzwischen gibt es Möglichkeiten, Schmerzen zu behandeln, ohne auf die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln angewiesen zu sein. An vielen Kliniken in Deutschland gibt es sogenannte Schmerzzentren. Dort behandeln und forschen Mediziner, die sich speziell auf die Bedürfnisse von Patienten spezialisiert haben, die unter dauerhaften Schmerzen leiden. Die Behandlung umfasst unter anderem auch Entspannungstraining, Akupunktur und Verhaltenstherapie.

 ältere Frau mit Kopfschmerzen
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Wege aus der Medikamentensucht

Medikamentenmissbrauch fängt dort an, wo mit Hilfe von Medikamenten versucht wird, das eigene Wohlbefinden zu beeinflussen. Dabei ist der Übergang vom Missbrauch zur Abhängigkeit fließend. Wenn ein Patient ein Medikament zwanghaft einnimmt, sprechen Experten meist von Abhängigkeit. Sollten Sie schon abhängig von Medikamenten sein, gelten folgende Hinweise:

Hilfe suchen

Betroffene können sich an eine Selbsthilfegruppe, Suchtberatungsstelle, einen kompetenten Hausarzt, Psychiater oder Neurologen wenden. Bei einem ersten Gespräch muss der Patient meist offen legen, welche Medikamente er über welche Zeitspanne eingenommen hat und wie seine soziale Situation ist. Dann wird gemeinsam über das weitere Vorgehen nachgedacht. Möglich sind ambulante oder stationäre Behandlungsverfahren.

Entgiftung

Jetzt gilt es, die jeweiligen Medikamente abrupt abzusetzen oder Schritt für Schritt, je nach Substanzklasse. Der Arzt begleitet diese Phase, da es beim Entzug zu gravierenden Problemen kommen kann, wie Angstattacken, Unruhe, Schlafstörungen, Kreislaufzusammenbrüche und Psychosen. Da sich viele Wirkstoffe im Fettgewebe ablagern und in den Nervenstoffwechsel eingreifen, kann es im Einzelfall relativ lange dauern, bis die Wirksubstanzen aus dem Körper entfernt sind. Die Faustregel lautet: Einen Monat pro Einnahmejahr können die Entzugssymptome auftreten, sie müssen aber nicht so lange anhalten.

Entwöhnung

Relativ bald nach der Entgiftung setzt die Entwöhnungsphase ein. Der Abhängige lernt nun, sich auch psychisch von seinem Medikament zu lösen. Hierfür gibt es in den Kliniken gesprächstherapeutische Angebote, kreative Techniken wie Malen sowie Körpertherapie, Entspannungstechniken, Angstgruppen und vieles andere. Diese Entwöhnungstherapie kann auch ambulant erfolgen. Sie dauert 1 bis 1,5 Jahre.

Nachsorge

Im Anschluss an den Klinikaufenthalt oder einen ambulanten Entzug ist eine Nachbetreuung durch eine ambulante Suchtberatungsstelle oder einen niedergelassenen Psychotherapeuten sehr wichtig. In dieser ersten Zeit geht es vor allem darum, das neu erlernte Verhalten unter Alltagsbedingungen zu festigen.

Quellen: red, Hauptsache gesund, Mdr um 4

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 21. Oktober 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 18:56 Uhr

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