Corona-Krise Häusliche Gewalt - wie kann man helfen?

Fast jeden Tag versucht ein Partner bzw. Ex-Partner, eine Frau zu töten, ein Drittel der Taten gelingt. Für die Zeit der Corona-Krise, die Paare und Familien gemeinsam zu Hause isoliert, erwarten Experten einen Anstieg der häuslichen Gewalt. Jedoch nicht nur gegen Frauen, sondern vor allem auch gegen Kinder. Was tun, wenn man den Eindruck hat, dass Frauen oder Kinder misshandelt werden?

Mann bedroht Frau mit erhobener Faust
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Erkennen und helfen: Gewalt gegen und Missbrauch von Kindern

Bei Misshandlung sind Kinder auf Hilfe von außen angewiesen, da sie sich häufig im sozialen Umfeld abspielt. Wird ein Kind geschlagen oder auf eine andere Weise körperlich misshandelt, so deuten fast immer sichtbare Verletzungen auf eine Gewaltanwendung hin. Einen Hinweis auf solche Verletzungen kann aber auch das Verhalten des Kindes geben.

Psychische Gewalt hinterlässt dagegen fast nie direkt sichtbare Spuren. In allen Fällen von Kindesmisshandlung können Verhaltensänderungen des Kindes Hinweise sein: Zum Beispiel, wenn Kinder besonders aggressiv oder auch still werden und sich aus ihrem sozialen Netz zurückziehen.

Auch Vernachlässigungen können erkannt werden. Zumindest dann, wenn das Kind den Kindergarten oder die Schule besucht: ungepflegtes Äußeres, schmutzige, nicht witterungsgerechte Kleidung, fehlende Arbeitsmaterialien usw.

Was tun bei Verdacht auf Kindesmisshandlung?

  • Greifen Sie beim Verdacht auf Kindesmisshandlung zum Schutz des Kindes rasch ein - das Kind braucht Ihre Hilfe!
  • Nehmen Sie ein Kind ernst, wenn es von Gewalt zu Hause erzählt. Bewahren Sie Ruhe und hören Sie zu, ohne bohrende Fragen zu stellen.
  • Ermitteln Sie nicht selbst, sondern schalten Sie Fachleute von Beratungsstellen, Jugendämtern oder der Polizei ein - notfalls auch anonym.
  • Eine Mitteilung an die Polizei schließt die Hilfe anderer Einrichtungen nicht aus und gewährleistet offizielle, professionelle Ermittlungen. Damit auch die zum Schutz des Kindes notwendigen Maßnahmen getroffen werden können, werden das zuständige Jugendamt oder auch das Familiengericht von der Polizei unterrichtet.
  • Zwar ist die Polizei keine Einrichtung der Opferhilfe, doch gibt es auch hier Spezialisten - etwa die Jugendbeauftragten oder die Jugendsachbearbeiter, die Sie gerne beraten.

Ein Diagramm zu Gewalt gegen Frauen
Gewalt gegen Frauen - leider ein alltägliches Problem Bildrechte: MDR/Max Schörm

Codewort "Maske 19"

Die internationale Frauenorganisation Zonta startet deutschlandweit eine Initiative, um den Opfern eine Brücke zu bauen. Das Codewort "Maske 19" soll Frauen aus dem gefährlichen Schweigen helfen.

Frankreich und Spanien machen es vor. Apotheker und Ärzte in diesen Ländern sind angehalten, die Polizei zu rufen, wenn eine Kundin das Codewort "Maske 19" sagt. Denn gerade in Coronazeiten, Lockdown und Kurzarbeit fehlt oft der nötige Abstand zum gewalttätigen Partner, um sich als Opfer bemerkbar zu machen. Weil der Partner beispielsweise das Handy kontrolliert oder ständig in der Wohnung ist und ein Anruf bei der Polizei, dem Hilfetelefon oder einem Frauenhaus nicht möglich ist.

Apotheker und Ärzte unterliegen zudem der Schweigepflicht. Bietet eine Apotheke, eine Arztpraxis oder Klinik gut sichtbar Informationen zu "Maske 19" an (Poster, Flyer etc.), weiß die Betroffene: Hier muss sie im Notfall nicht warten und sie muss sich auch nicht lange erklären. Das Codewort genügt.

Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

Das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" bietet unter der Telefonnummer 0 8000 116 016 rund um die Uhr, anonym und in 18 Sprachen Beratung und Vermittlung in das örtliche Hilfesystem an.

Häusliche Gewalt - was tun, wie helfen?

Meist sprechen betroffene Frauen mit Vertrauenspersonen aus dem sozialen Umfeld über das Erlebte. Umso wichtiger ist es, dass das Umfeld unterstützend reagiert.

Sensibel und solidarisch reagieren
Beziehen Sie Stellung, Verurteilen Sie die Gewalt und zeigen Sie dem Opfer ihre Solidarität! Zahlreiche Studien belegen, dass es für Betroffene sehr wichtig ist, wie die ins Vertrauen gezogene Person auf die Offenbarung der Gewalterfahrung reagiert. Ihre Reaktion motiviert die Betroffenen, sich weitere Unterstützung zu suchen. Darüber hinaus ist es wichtig, bereits frühe Anzeichen und Warnsignale von Gewalt zu erkennen und als solche wahrzunehmen.

Keine Schuldzuweisungen an Betroffene
Manche Frauen glauben, an der Gewalterfahrung selbst schuld zu sein oder zumindest eine Mitschuld zu tragen. Wichtig: Einzig der Täter oder die Täterin trägt die alleinige Verantwortung!

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey (SPD, l) klebt einen Aufkleber an der Kasse von Kassiererin Kerstin Strasen (r) in einem Supermarkt, um eine bundesweite Zusammenarbeit der Supermärkte gegen häusliche Gewalt zu starten.
Bundesministerin Franziska Giffey wirbt für die bundesweite Zusammenarbeit der Supermärkte gegen häusliche Gewalt. Bildrechte: dpa

Sich anvertrauen
Sich anderen Menschen anzuvertrauen und über das Erlebte zu sprechen, tut gut. Dabei ist es wichtig, Vertrauenspersonen auszuwählen und sich zu überlegen, was man erzählen möchte. Es kann auch sehr hilfreich sein, klar zu kommunizieren, was man an Unterstützung braucht und wie andere helfen können.

Verständnis und Unterstützung seitens des persönlichen Umfelds ist für Menschen, die versuchen, einen Umgang mit erlebter Gewalt zu finden, wesentlich. Angehörige oder Unterstützende sollten deshalb Möglichkeiten schaffen, um über die Ereignisse zu sprechen. Wichtig ist es, die Betroffenen in dem, was sie erzählen, erlebt haben und fühlen, ernst zu nehmen. Zweifel sind fehl am Platz und können zusätzlich belasten. Bestärkung und Unterstützung bedeuten nicht, Betroffene zu Handlungen zu drängen, für die sie sich nicht selbst entschieden haben. Interventionen sollten niemals ohne Absprache oder gegen den Willen der Opfer vorgenommen werden.

Zusätzlichen Stress vermeiden
Gewalterfahrungen sind eine massive seelische und körperliche Belastung. Zusätzlicher Stress sollte tunlichst vermieden werden. Unternehmen Sie angenehme Dinge, die von der Belastung ablenken und achten Sie auf ausreichend Schlaf und Erholung. Ein sorgsamer Umgang mit sich selbst hilft bei der Verarbeitung der Erlebnisse.

Professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen
Viele von Gewalt betroffene Frauen benötigen professionelle Unterstützung. Diese bekommen sie bei Frauenberatungsstellen und Frauennotrufen. Niemand muss allein damit fertig werden. Es ist hilfreich, wenn sich Angehörige über Angebote informieren und den Betroffenen bei der Suche zur Seite stehen. Fachberatungsstellen können zudem über mögliche rechtliche Schritte informieren.

Angelehnt an die Wand sitzt eine junge Frau auf einer Treppe
Viele von Gewalt betroffene Frauen benötigen Unterstützung. Bildrechte: Colourbox.de

Opferentschädigungsgesetz

Wer auf dem Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland Opfer einer vorsätzlichen Gewalttat wird und dadurch eine gesundheitliche Schädigung erleidet, kann einen Anspruch auf Opferentschädigung geltend machen. Dies gilt auch für Hinterbliebene von Personen, die infolge der Gewalttat verstorben sind. Ziel des Gesetzes ist es, die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen solcher Taten zu minimieren.

Partnerschaftliche Gewalt gegen Männer - ein Tabuthema?

Auch Männer werden Opfer partnerschaftlicher Gewalt. Da ihnen mehrheitlich die Täterrolle zugeschrieben wird, bleiben die fast 20 Prozent männlichen Gewaltopfer in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unberücksichtigt. Zumal die Spuren von Gewalt und Misshandlung bei ihnen meist nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.

Denn Frauen - so die Studien - tendieren als Täterinnen zu psychischer Gewalt: dem Kontrollieren der Privatsphäre, dem Unterbinden sozialer Kontakte, der Drohung mit Entzug des Sorgerechts für die gemeinsamen Kinder. Kommt es doch zu physischer Gewalt, ist dem die psychische meist vorausgegangen. Denn wer sich psychisch dominieren lässt, der wehrt sich nicht, wenn die Gewalt körperlich wird.

Frau würgt Mann
Partnerschaftliche Gewalt gegen Männer - ein Tabuthema Bildrechte: Colourbox.de

Hier finden Männer Ansprechpartner und Hilfe:

Das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt an Männern" bietet unter der Telefonnummer 0800 1239900 Beratung und Vermittlung in das örtliche Hilfesystem an. Das Telefon ist Montag bis Donnertag von 9 - 13 Uhr und von 16 - 20 Uhr, sowie Freitag von 9 - 15 Uhr besetzt.

Gewalt in der Partnerschaft: "Verliebt, verlobt, verprügelt" - WDR-Doku in der ARD-Mediathek

Etwa 140.000 Menschen sind in Deutschland im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt in Partnerschaften geworden - schockierende Zahlen, die die polizeiliche Kriminalstatistik offenbart. Die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt. Mehr als 80 Prozent der Opfer sind Frauen. Demnach soll jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt haben. Auf das Jahr gerechnet versucht in Deutschland jeden Tag ein Partner oder Ex-Partner eine Frau umzubringen. Jede dritte Tat gelingt.

Mehrere Gedenk- und Aktionstage weisen mittlerweile auf das Problem "Gewalt gegen Frauen" hin. Unter anderem der "Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen", der jährlich am 25. November stattfindet. Anlässlich dieses Aktionstages hat das Erste eine bewegende Dokumentation ausgestrahlt, die nach wie vor in der ARD-Mediathek zu sehen ist: "Verliebt, verlobt, verprügelt".

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 07. Juli 2020 | 17:15 Uhr

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