Erkennen und helfen Tabuthema "Sexueller Missbrauch von Kindern"

Werden Fälle von Kindesmissbrauch bekannt, steht schnell die Frage im Raum, wie das Geschehene unentdeckt bleiben konnte. Experten fordern mehr Aufmerksamkeit für das Thema - und Kindern genau zuzuhören. Was sind Signale, die auf einen sexuellen Missbrauch hindeuten können? Und wie kann man Kinder stärken, damit es gar nicht so weit kommt?

Eine Mädchen hält schützend ihre Hand vors Gesicht
Viele Fälle von sexuellem Missbrauch bleiben unentdeckt. Wie kann man betroffenen Kindern helfen? Bildrechte: Colourbox.de

Das eigene Kind sexuell missbraucht - für Eltern eine Horrorvorstellung. Zugleich beklagt die Polizei, dass sie Missbrauchs-Tätern meist über IP-Adressen auf die Spur kommt. Hinweise aus der Bevölkerung oder von Eltern betroffener Kinder sind eher die Seltenheit. Und das, obgleich Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge, ein bis zwei Kinder pro Schulklasse in Deutschland bereits sexuelle Gewalt erleben mussten. 

Ihr Leid sieht man den betroffenen Kindern oft nicht an - und doch kann es Signale geben, die auf einen sexuellen Missbrauch hindeuten können.

Was ist unter sexuellem Missbrauch zu verstehen?

Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.

Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.

Die Handlungen, die als sexuelle Gewalt oder Missbrauch bezeichnet werden, weisen eine große Bandbreite auf. Das Problem: Nicht jede sexuelle Gewalt ist strafbar, obgleich sie die betroffenen Jungen und Mädchen verletzt.

sexueller Missbrauch-Mädchen
Nicht jede sexuelle Gewalt an Kindern ist strafbar, obgleich sie die betroffenen Jungen und Mädchen verletzt. Bildrechte: Reinhild Kassing

Wann ist sexuelle Gewalt strafbar?

Um strafbaren Missbrauch handelt es sich, wenn sexuelle Handlungen am Körper des Kindes stattfinden oder der Erwachsene bzw. Jugendliche sich entsprechend anfassen lässt.

Zu den schweren Formen zählen Vergewaltigungen aller Art: vaginal, oral, anal. Es gibt auch Missbrauchshandlungen, die den Körper des Kindes nicht direkt einbeziehen, z.B. wenn jemand vor einem Kind masturbiert, sich exhibitioniert, dem Kind gezielt pornografische Darstellungen zeigt oder es zu sexuellen Handlungen an sich selbst - etwa vor einer Webcam - auffordert.

Was richtet sexueller Missbrauch bei Kindern an?

Ein festes Schema, wie Kinder auf Missbrauch reagieren, gibt es nicht. Die Reaktion der Opfer sei abhängig von ihrem Alter, von der Nähe zwischen Opfer und Täter und der Form und Schwere des Missbrauchs, sagt Professor Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm.

"Das extrem Belastende für Kinder ist, dass über ihre Bedürfnisse hinweg gegangen wird", sagt er. "Viele erleben dabei Todesangst und sind völlig überwältigt." Dazu kommen der massive Vertrauensverlust, wenn Täter aus dem nahen Umfeld kommen, und das Empfinden von Beschädigtsein und Ohnmacht.

Themenbild: Kindesmisshandlung - Eine Puppe liegt im Schmutz auf dem Boden.
Kinder reagieren völlig unterschiedlich auf sexuellen Missbrauch. Bildrechte: colourbox

Körperliche Symptome sexueller Gewalt

Missbrauch kann man Kindern oft nicht ansehen. Experten von Polizei und Opferschutzorganisationen zufolge sind sichtbare Verletzungen eher selten oder bleiben Außenstehenden in der Regel verborgen. Denn meist ist es gar nicht "nötig", dass der Täter bei einem Kindesmissbrauch handgreiflich wird.

Entdecken Sie bei einem Kind folgende Blessuren, sollten Sie in jedem Fall hellhörig werden:

  • Hämatome im Genitalbereich und an der Innenseite der Oberschenkel
  • Blutungen, Risse, Rötungen, Verletzungen an Vagina, After, Penis, Hoden
  • Ungewohnte Dehnungen der Vagina bzw. des Afters
  • Schmerzen im Genital- und/oder Afterbereich
  • Geschlechtskrankheiten (z.B. Pilzinfektionen, Ausfluss)
  • Schwangerschaft

Psychische Symptome sexueller Gewalt

Auch die Signale der Seele sind meist nicht eindeutig: "Es gibt keine spezifischen Symptome die Missbrauch sichtbar machen", sagt Kinderpsychiater Fegert.

Veränderungen im Verhalten können Warnsignale sein, müssen es aber nicht: Einnässen, Rückzug, plötzliche Sprach- oder Schlafstörungen, ein ungewöhnliches Hygiene-Verhalten, Essstörungen, Hauterkrankungen (wie Neurodermitis) oder andere Verhaltensauffälligkeiten können auch auf vergleichsweise banale Sorgen des Kindes zurückgehen.

"Es ist einfach sehr wichtig, dass Erwachsene das gesprochene Wort ernst nehmen und eine Atmosphäre schaffen, in der Kinder sich anvertrauen können", sagt Fegert. "Ich muss ihnen auch vermitteln, dass sie nicht die Verantwortung tragen, für das, was geschehen ist."

Vorsorge: Wie kann man Kinder gegen Missbrauch wappnen?

Die Kampagne "Missbrauch verhindern" von Polizei und der Opferschutzorganisation Weißer Ring gibt Tipps, welche Botschaften für Kinder hilfreich sein können: Dazu gehören kinderstärkende Aussagen wie "Dein Körper gehört dir", "Wehr dich, wenn dir jemand schlechte Gefühle macht", "Auch Kinder dürfen 'Nein' sagen".

Präventionsarbeit in diesem Sinne sei wichtig, habe aber ihre Grenzen dort, wo Kinder in die Fänge organisierter Verbrechensstrukturen geraten, betont Fegert. "Wie soll ein Kind sich da wehren? Da kommen wir um eine ordentliche Arbeit der Strafverfolgungsbehörden nicht drumherum."

Was sollte ich bei einem Verdacht tun?

"Ergibt sich ein vielleicht auch nur vager Verdacht, ist Handeln das Gebot der Stunde. Und das besser einmal zu oft als gar nicht", rät Joachim Schneider, Geschäftsführer beim Programm Polizeiliche Kriminalprävention. "Wenn es falscher Alarm war, kann der Verdacht ausgeräumt werden. Wenn er aber zutrifft, kann unsägliches Leid beendet und dem Kind geholfen werden."

Wichtig sei es, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen und mit anderen das weitere Vorgehen zu besprechen. Verdachtsfälle können rund um die Uhr bei jeder Polizeidienststelle angezeigt werden.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl leicht zugänglicher Beratungs-Hotlines oder Anlaufstellen, an die man sich wenden kann, ohne gleich ein Ermittlungsverfahren anzustoßen. Hier hilft etwa das Hilfeportal sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs.

Zum Thema

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 22. Juni 2021 | 17:15 Uhr

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