Mülltonne mit Lebensmitteln (Symbolbild)
Bildrechte: imago images / viennaslide

Tag der Lebensmittelverschwendung Lebensmittelproduktion für die Tonne? Muss nicht sein!

BRISANT | 02.05.2019 | 17:15 Uhr

Auf den Müll geworfen, weggeschmissen, entsorgt: Mehr als zehn Millionen Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr in Deutschland in der Tonne. Dabei sind Brot, Wurst oder Obst häufig noch genießbar. Das muss nicht sein! Wir stellen Apps und Ideen vor, die helfen sollen, Lebensmittel zu retten.

Mülltonne mit Lebensmitteln (Symbolbild)
Bildrechte: imago images / viennaslide

Die Menge der weggeworfenen Lebensmittel entspricht dem, was zwischen Januar und Mai für Supermärkte, Bäcker, Fleischer und Restaurants produziert wird. Darauf macht zum Tag der Lebensmittelverschwendung der Dachverband der Tafeln in Deutschland aufmerksam und zitiert eine Studie des "World Wide Fund For Nature" (WWF). Der WWF geht von 18 Millionen Tonnen Lebensmitteln aus, die jährlich in Deutschland weggeworfen werden. Laut Bundeszentrum für Ernährung sind die Zahlen etwas niedriger: Dort geht man von elf Millionen weggeworfener Lebensmittel aus.

Was das bedeutet, das verdeutlicht die Tatsache, dass man gerade einmal die Hälfte der Essensmengen bräuchte, die in Europa jährlich auf dem Müll landen, um alle Hungernden weltweit satt zu machen. Auf diesen schier unerträglichen Fakt machte der Filmemacher Valentin Thurn 2011 aufmerksam, als er seinen Film "Taste the Waste" in die Kinos brachte.

Aus der Produktion direkt auf die Deponie

Weggeworfen und aussortiert wird hierzulande in großem Stil - in der Landwirtschaft, in der verarbeitenden Produktion, im Handel und nicht zuletzt von den Verbrauchern. Auch wenn es längst keine EU-Norm für den Krümmungsgrad von Gurken mehr gibt, gelten beispielsweise im Handel restriktive Normen für das Aussehen von Lebensmitteln. Dem Kult der Makellosigkeit und der unerschöpflichen Fülle in den Regalen und Kühlschränken opfern wir Berge von essbarem, erntefrischem Gut. Eine Karotte etwa muss mindestens zehn Millimeter dick und gerade gewachsen sein, damit sie überhaupt in den regulären Handel kommt. Verwachsungen? Auf gar keinen Fall! Was nicht normgerecht ist, wird aussortiert - trotz gleicher Qualität.

Die Landwirte werden viele Lebensmittel gar nicht los. Das heißt: Obst und Gemüse bleibt oft schon auf dem Acker liegen, weil es nicht den Schönheitsidealen entspricht.

Raphael Fellmer | Lebensmittelretter

Welche Bedeutung hat das Mindesthaltbarkeitsdatum?

Ein weiteres Problem: das Mindesthaltbarkeitsdatum. 1981 eingeführt, sorgt es immer wieder für Unsicherheit und Diskussionen. Dieses Datum besagt nämlich gar nix über die Haltbarkeit oder die Genießbarkeit von dem Produkt aus. Es wird von den Produzenten draufgedruckt und hat meistens einen sehr, sehr großen Puffer bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Produkt wirklich schlecht wird. Vor dem Wegwerfen also unbedingt selbst schauen, ob das Produkt noch genießbar ist! Meistens ist das nämlich der Fall.

Für weniger Lebensmittelverschwendung

Inzwischen gibt es zahlreiche Ideen und Initiativen, um Lebensmittelverschwendung zu begrenzen - darunter auch einige Apps.

Diese Apps retten Lebensmittel vor dem Müll

Zu gut für die Tonne
Zu gut für die Tonne Die kostenlose App (Android und iOS) vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schlägt Rezepte vor: Meist auf Grundlage einer Zutat, die im Haushalt übrig geblieben ist. Die Rezeptideen stammen unter anderem von Sterne- und Promiköchen wie Sarah Wiener, Johann Lafer oder Daniel Brühl. Die App hilft beim Einkauf der nötigen Zutaten und gibt Hinweise zum Lagern und zur Haltbarkeit von Lebensmitteln. Bildrechte: imago images / Christian Mang
Zu gut für die Tonne
Zu gut für die Tonne Die kostenlose App (Android und iOS) vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schlägt Rezepte vor: Meist auf Grundlage einer Zutat, die im Haushalt übrig geblieben ist. Die Rezeptideen stammen unter anderem von Sterne- und Promiköchen wie Sarah Wiener, Johann Lafer oder Daniel Brühl. Die App hilft beim Einkauf der nötigen Zutaten und gibt Hinweise zum Lagern und zur Haltbarkeit von Lebensmitteln. Bildrechte: imago images / Christian Mang
Krumme Gurken, die nicht der Norm entsprechen
Etepetete Der Onlineshop kauft Landwirten Bio-Obst und -gemüse ab, das nicht der Norm entspricht. Diese Lebensmittel würden wegen Makeln oder der krummen Form von Supermärkten abgelehnt. Die krummen Möhren oder Zitronen mit ein paar grünen Flecken werden versandkostenfrei in ganz Deutschland ausgeliefert. Die kleinste Kiste mit Bio-Gemüse und -Obst kostet aktuell 21,90 Euro. Jeder Lieferung liegen Rezepte bei. Bildrechte: imago images / Steinach
Frische Brötchen in einer Tüte
ResQ Club Die kostenlose App (Android und iOS) funktioniert ähnlich wie Too Good To Go. Restaurants oder Bäckereien bieten Mahlzeiten oder Lebensmittel an, die sie sonst wegwerfen würden. Die bekommen Nutzer dann für einen günstigeren Preis und holen sie vor Ort ab. Nutzer können bestimmen, dass sie nur vegetarische Gerichte möchten. Nachteil: Das Angebot gibt es aktuell nur für Berlin und Duisburg, weitere Städte sollen folgen. Bildrechte: imago images / Udo Kröner
Frische Eier im Korb
Olio Die Gratis-App (Android und iOS) will Nutzer mit anderen Nutzern und auch mit Geschäften in der Nähe zusammenbringen. So sollen überflüssige Lebensmittel geteilt, aber nicht weggeworfen werden. Das kann Essen sein, dass jemand nicht mit in den Urlaub nehmen will oder auch Lebensmittel, die abgelaufen sind. Das Ganze funktioniert ohne Geld. Olio ist aktuell in einigen größeren mitteldeutschen Städten aktiv. Das Privat-zu-Privat-Konzept verfolgen auch die Macher hinter den Apps UXA und Share your food. Bildrechte: imago images / PhotoAlto
Alle (4) Bilder anzeigen

Von Schnippeldisko über Infarotscanner bis intelligente Produktverpackungen

Doch es geht auch ganz real: Die Initiative "Slow Food Youth" beispielsweise veranstaltet Schnippeldiskos. Dabei wird Gemüse geschnippelt und getanzt. Bei guter Stimmung entsteht eine Suppe aus Zutaten, die als nicht mehr verkaufsfähig eingestuft wurden und damit im Müll gelandet wären.

Münchner Wissenschaftler haben einen Foodscanner entwickelt. Das Infarot-Gerät soll verdorbene Lebensmittel erkennen. So kann Essen gerettet werden, dass nicht mehr perfekt aussieht, aber noch genießbar ist.

Und die Bundesregierung will ein Forschungsprojekt mit mehreren Millionen Euro unterstützen, dass intelligente Produktverpackungen entwickelt. Die sollen anhand eines Farbverlaufs auf den Verpackungen erkennen lassen, wie lange Nahrungsmittel noch genießbar sind.

Schnippeldisko: Hier haben auch Knollen mit Knubbeln eine Chance

Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
Vor der Galerie für Zeitgeschichtliche Kunst in Leipzig wurde am Sonnabend die erste Schnippeldisko veranstaltet. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
Vor der Galerie für Zeitgeschichtliche Kunst in Leipzig wurde am Sonnabend die erste Schnippeldisko veranstaltet. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
Organisiert hat sie Lotta de Carlo, die sich der "Slow Food"-Bewegung angeschlossen hat. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
Von Gärtnern und Landwirten der Region kamen unter anderem rote Rüben, ... Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
... Romanesco ... Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
... Möhren ... Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
... und Äpfel. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Schnippeldisko in Leipzig gegen Lebensmittelverschwendung
Ein Koch hat die Zubereitung koordiniert. Es gab Suppe und Salat. Bildrechte: MDR/Sina Meißgeier
Alle (7) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 02. Mai 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 19:14 Uhr

Weitere Ratgeber-Themen