Ratgeber Medikamentenengpass in deutschen Apotheken - Was kann ich als Patient tun?

Medikamentenmangel - ein Schreckgespenst für alle, die an einer chronischen Erkrankung leiden und regelmäßig auf Medikamente angewiesen sind. Wie kann es zu einem Medikamentenengpass kommen? Und was kann ich als Patient tun, wenn es in der Apotheke auf einmal heißt: Momentan leider nicht lieferbar?

Apotheke
Was tun, wenn der Apotheker das benötigte Medikament über Wochen nicht liefern kann? Bildrechte: colourbox

Man geht zum Arzt, bekommt ein Rezept - und in der Apotheke trotzdem nicht das verschriebene Medikament. Nicht lieferbar, so die Begründung. Medikamentenengpass lautet das Schlagwort, das Politikern, Ärzten und Apothekern seit einigen Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Eine Lösung ist vorerst nicht in Sicht, die Liste nicht lieferbarer Medikamente wird immer länger. Wie ist das möglich, im Wohlstandsland Deutschland?

Eine Sprechstundengehilfin übergibt einer Patientin ein Rezept.
In der Apotheke das verschriebene Medikament zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Bildrechte: dpa

Arzneimittelwirkstoffe kommen aus Indien, China und Brasilien

Medikamentenengpässe in Apotheken sind kein deutsches Problem. Sämtliche europäischen Länder haben damit zu kämpfen. Denn eine Ursache liegt in der Herstellung der Arzneimittel. Ein Großteil ihrer Wirkstoffe wird mittlerweile in China, Indien und Brasilien hergestellt. Geringere Kosten und weniger strenge Arbeits- und Umweltschutzauflagen haben zur Standortverlagerung in Schwellenländer geführt - wie in anderen Branchen auch.

Wenige Hersteller für einen Wirkstoff

Problematisch wird es vor allem dann, wenn ein Wirkstoff nur noch von wenigen Herstellern produziert wird. Wie zum Beispiel das Schmerzmittel Ibuprofen, für das es weltweit nur noch fünf Hersteller gibt. Sie beliefern den gesamten Weltmarkt. Kommt es zu Verunreinigungen, Qualitätsmängeln, einem Stromausfall oder gar einem Erdbeben, bricht die globale Lieferkette zusammen.

Paracetamol
Für manche Wirkstoffe gibt es nur noch wenige Hersteller. Bildrechte: IMAGO

Globalisierung der Medikamentenherstellung

Die Begleitstoffe eines Medikaments - wie Hilfsstoffe und Aromen - können aus einem ganz anderen Land kommen als sein Wirkstoff. Die Verpackung erfolgt schließlich im Endverbraucherland, damit es zu keinen sprachlichen Fehldrucken kommt. So manches Medikament hat eine Weltreise hinter sich, bevor es den Verbraucher erreicht.

Rabattverträge der Krankenkassen

Grund dafür sollen u.a. die Rabattverträge sein, die gesetzliche Krankenkassen mit Arzneimittelherstellern abschließen können. Die Krankenkassen profitieren von den Rabatten finanziell, sparen jährlich Milliardenbeträge ein. Das soll auch den Versicherten zugute kommen. Doch die haben letztendlich das Nachsehen. Denn Arzneimittelhersteller verkaufen ihre Medikamente zunächst denjenigen, die am meisten dafür zahlen.

Wann spricht man von einem Lieferengpass bei Medikamenten?

Als Lieferengpass bezeichnet man eine Unterbrechung der Arzneimittelversorgung, die länger als zwei Wochen andauert. Solch ein Engpass kann durch Produktionsprobleme auftreten oder auch durch eine plötzlich erhöhte Nachfrage. Über Lieferengpässe informiert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf seiner Website, ist dafür jedoch auf freiwillige Meldungen der Pharmaunternehmen angewiesen.

Was tun, wenn mein Medikament nicht lieferbar ist?

Beim Bundesinstitut für Arzneimittel sind derzeit rund 500 Medikamente gelistet, die von ihren Herstellern nicht geliefert werden können. Darunter zahlreiche Standardmedikamente wie Blutdrucksenker, Schmerzmittel und Antidepressiva. Darauf angewiesene Patienten müssen eine Umstellung auf ein anderes Medikament in kauf nehmen. Das kann nicht nur Nebenwirkungen haben, sondern auch verunsichern. Folgendermaßen können Sie sich vorbereiten:

Medikationsplan: Führen Sie einen Plan, der alle Medikamente auflistet, die Sie einnehmen. Lassen Sie diesen Plan regelmäßig aktualisieren und dokumentieren Sie Veränderungen. Informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie in der Apotheke ein Ersatzpräparat für Ihr verordnetes Medikament erhalten haben.

Verpackung: Ersatzmedikamente sehen häufig komplett anders aus. Die Farbe, die Größe und die Form der Verpackung und der Tabletten selbst können sich von dem Gewohnten unterscheiden. Trotzdem wird der gleiche Wirkstoff enthalten sein. Lesen Sie daher die Angaben auf der Verpackung ähnlich aufmerksam wie die Zutatenliste eines Lebensmittels. Steht hier das Gleiche drin, sind die Tabletten gleichwertig.

Medikamente liegen in einem Regal
Lassen Sie sich vom Aussehen eines Medikamentes und seiner Verpackung nicht verunsichern! Bildrechte: dpa

Probleme: Bei einem Generikum ist zwar der gleiche Wirkstoff enthalten, doch die Hilfsstoffe können sich unterscheiden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen das neue Medikament Probleme bereitet, sollten Sie unbedingt mit Ihrem Arzt darüber sprechen.

Krankenhaus: Bei einem Klinik-Aufenthalt ist eine Umstellung der Medikamente nicht ungewöhnlich. Jede Klinik führt eine eigene Hausliste und hat nicht alle Medikamente vorrätig. Der behandelnde Arzt muss den Patienten über eine Umstellung der Medikamente informieren. Fehlt ihm dafür die Zeit, sollten Sie diese Aufklärung einfordern. Denn nicht zu wissen, was man einnimmt, schafft Verunsicherung.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 16. Januar 2020 | 17:15 Uhr

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