Schule als Ort der Qual Was tun, wenn Kinder gemobbt werden?

Gewalt, Ausgrenzung, Bloßstellen, Diffamierung: Die typischen Mobbing-Methoden finden auch unter Kindern gnadenlose Anwendung. Wir erklären, wie sich Mobbing bei Schülern erkennen lässt und was Eltern und Lehrer tun können.

Ein Kind mit Kopfhörern sitzt einsam auf Stufen an der U-Bahn
Ein Kind sitzt einsam auf Treppenstufen. (Archiv) Bildrechte: dpa

Fast zwei Millionen Schüler sind in Deutschland einer Studie zufolge von Cybermobbing betroffen. Rund jeder sechste Befragte (17,3 Prozent) zwischen 8 und 21 Jahren berichtet von Beleidigungen und Bloßstellungen über das Internet, wie das "Bündnis gegen Cyber-Mobbing" in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse am Mittwoch (02.12.) in Karlsruhe mitteilte. Die Zahl sei seit der letzten Befragung im Jahr 2017 um 36 Prozent gestiegen. "Cyber-Mobbing ist ein Problem an allen Schulen", so die Schlussfolgerung der Studie.

Spott und Lästerei kein Randphänomen

In Deutschland wird nach einer weiteren Untersuchung fast jede(r) sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von Mobbing an seiner Schule. Das geht aus der Sonderauswertung der PISA-Studie über Lernumfeld und Lernverhalten zum Wohlbefinden von Jugendlichen in aller Welt hervor. Mehr als eine halbe Million Schüler weltweit wurden befragt, darunter 10.000 in Deutschland. "Für manche ist die Schule ein Ort der Qual", schreiben die Autoren. Fast jeder zehnte Schüler in Deutschland beklagt demnach, regelmäßig Ziel von Spott und Lästereien zu sein. Das sei kein Randphänomen. Mehr als zwei Prozent der Befragten sprachen von körperlichen Misshandlungen in der Schule. Sie würden herumgeschubst und geschlagen.

Schlägerei auf dem Schulhof. Ein am Boden liegender wehrloser Junge wird von zwei anderen brutal festgehalten und getreten (gestellte Szene)
Bildrechte: imago/imagebroker

Das Problem ist nicht neu

Die Studien klingen wie ein Weckruf: Tut etwas gegen Mobbing an der Schule! Allerdings fordern etliche Studien und Initiativen von Lehrern, Eltern und Schülern in Deutschland schon seit Jahren ein Umdenken. Die Uni Lüneburg etwa startete schon 2008 ein Pilotprojekt mit einer Krankenkasse. Die Forscher am Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften hatten in einer Studie an zehn Schulen mit mehr als 2.500 Schülern herausgefunden, dass jeder dritte Schüler bereits Mobbing erlebt hatte, jeder zehnte auf dem Schulhof oder Schulweg sogar Opfer von körperlicher Gewalt durch Mitschüler geworden war.

Apps gegen Mobbing

Bereits 2006 gründete sich die Initiative "Schüler gegen Mobbing", deren Portal bis heute Aufklärung und Informationen bietet und Anlaufstelle für Betroffene ist. In einem EU-Projekt entwickelten Jugendliche für Jugendliche die App "Klicksafe". Sie soll den Jugendlichen zeigen, wie man gegen Cyber-Mobbing ganz konkret vorgehen kann. Auch die App "Exclamo" greift die Thematik auf und soll Opfern die Möglichkeit geben, Taten anonym zu melden.

Mobbing in der Schule
Das Thema Mobbing wird an vielen Schulen unterschätzt. Bildrechte: imago/emil umdorf

Antworten auf wichtige Mobbing-Fragen der TU München

Psychologen der TU München haben aus ihren Forschungen einen großen Antworten-Katalog erarbeitet, der sich vor allem an Eltern und Lehrer richtet. Angefangen von "Wo endet die Rauferei und wo fängt Mobbing an?" über die Frage "Sollen Eltern Kontakt zu den Tätern aufnehmen?" bis zu rechtlichen Fragen wie "Was tun, wenn sich nichts ändert?".

Mobbing erkennen

Wie erkennt man, dass Schüler gemobbt werden? Kinder im Schulalter suchen die Schuld oft bei sich selbst und gehen selten mit ihren Sorgen auf Lehrer oder Eltern zu. Psychologen haben hierzu verschiedene Handlungsmuster von Opfern identifiziert, die einzeln, aber auch zusammen auftreten können, um mögliche Mobbing-Fälle zu erkennen.

Erste Anzeichen von Mobbing können sein: Die Schülerin oder der Schüler...

  • möchte nicht mehr zur Schule gehen.
  • täuscht Erkrankungen vor.
  • möchte wieder bis zur Schule gebracht werden.
  • zieht sich zurück von Eltern und Freunden.
  • beginnt plötzlich zu stottern.
  • bekommt Albträume.

Sind Anzeichen für Mobbing erkannt, gilt es für Eltern aber auch Lehrer und Mitschüler zu handeln.

Eltern

Zunächst sollten sich Eltern die Zeit nehmen, um mit ihren Kindern über den Schultag zu sprechen. Auch wenn Kinder im Allgemeinen nicht gern und viel darüber reden, ist dies für das Kind eine Möglichkeit, Probleme anzusprechen. Redet das Kind aus Scham oder Angst nicht und vermuten die Eltern, dass etwas nicht stimmt, ist der erste Weg der zum Klassenlehrer oder zur Klassenlehrerin. Er oder sie kennt das Kind und sein Arbeits- und Sozialverhalten am besten. Zusätzlich sollte auch die Schulleitung einbezogen werden. Auch Schulpsychologen können helfen.

Lehrer

Das Verhalten der Lehrer hat laut Experten großen Einfluss dafür, ob es an Schulen Nährboden für Mobbing gibt. Auch die Verfügbarkeit von Mediatoren bzw. Sozialarbeitern und Schulpsychologen spielt eine entscheidende Rolle. Leider wird laut Experten das Problem häufig seitens der Lehrer nicht erkannt und das Opfer als "zu sensibel" eingeschätzt. Da oft gruppendynamische Aspekte innerhalb der Klasse eine Rolle spielen, müssen Lehrer besonders sensibel mit "dem Neuen in der Klasse" oder auch bei einer neu zusammengewürfelten Klasse umgehen. In Zusammenarbeit mit Präventionsstellen der Polizei oder Anti-Mobbing-Trainern können Lehrer gemeinsam mit der Klasse erlernen, wie man sich gegen Mobbing wehrt. Dabei hilft es nicht zu sagen: "Wehr' Dich, wenn Dich jemand ärgert". Können sich Schüler selbstbewusst und schlagfertig wehren, kommt es oft erst gar nicht zu weiteren Mobbing-Angriffen. Den Tätern fehlt die nötige Opferhaltung. Doch das muss trainiert werden.

Mitschüler

Mitschüler sollten den Mut haben und Sozialarbeiter oder Lehrer auf ein Mobbing-Problem in ihrem Umfeld ansprechen. Denn ist das Opfer nicht allein den Repressalien des Täters ausgesetzt, ist schon viel getan. Mobbing-Opfer schämen sich meist und können diesen Schritt nicht selbst tun.

Quelle: red/mdr umschau

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | BRISANT Classix | 26. Februar 2021 | 18:10 Uhr

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