Ein Kind mit Kopfhörern sitzt einsam auf Stufen an der U-Bahn
Ein Kind sitzt allein auf einer Treppe. (Archiv) Bildrechte: dpa

Erkennen und Handeln Was tun, wenn Kinder gemobbt werden?

BRISANT | 02.08.2019 | 17:15 Uhr

"Für manche ist die Schule ein Ort der Qual", schreiben die Autoren einer PISA-Studie. Untersuchungen zufolge wird in Deutschland jeder sechste 15-Jährige von Mitschülern schikaniert! Doch was tun?

Ein Kind mit Kopfhörern sitzt einsam auf Stufen an der U-Bahn
Ein Kind sitzt allein auf einer Treppe. (Archiv) Bildrechte: dpa

Schule als Ort der Qual

In Deutschland wird nach einer Untersuchung fast jede(r) sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von Mobbing an seiner Schule. Das geht aus der Sonderauswertung der PISA-Studie über Lernumfeld und Lernverhalten zum Wohlbefinden von Jugendlichen in aller Welt hervor. Mehr als eine halbe Million Schüler weltweit wurden befragt, darunter 10.000 in Deutschland. "Für manche ist die Schule ein Ort der Qual", schreiben die Autoren. Fast jeder zehnte Schüler in Deutschland beklagt demnach, regelmäßig Ziel von Spott und Lästereien zu sein. Das sei kein Randphänomen. Mehr als zwei Prozent der Befragten sprachen von körperlichen Misshandlungen in der Schule. Sie würden herumgeschubst und geschlagen.

Das Problem ist nicht neu

Die PISA-Studie klingt wie ein Weckruf: Tut etwas gegen Mobbing an der Schule! Aber das Problem ist nicht neu. Etliche Studien und Initiativen von Lehrern, Eltern und Schülern in Deutschland fordern seit Jahren ein Umdenken. Die Uni Lüneburg etwa startete 2008 ein Pilotprojekt mit einer Krankenkasse. Die Forscher am Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften hatten in einer Studie an zehn Schulen mit mehr 2.500 Schülern herausgefunden, dass jeder dritte Schüler bereits Mobbing erlebt hatte, jeder zehnte auf dem Schulhof oder Schulweg sogar Opfer von körperliche Gewalt durch Mitschüler geworden war.

Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönliche Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0800 1110111 und 0800 1110222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, zum Beispiel per E-Mail oder im Chat.

Portal bietet Aufklärung und Informationen

2013 hatte das Eltern-"Bündnis gegen Cyber-Mobbing" eine bundesweite Studie in Auftrag gegeben. Mehr als 9.000 Schüler, Lehrer und Eltern wurden befragt. Ergebnis: Jeder sechste Schüler ist schon einmal Opfer von Cyber-Mobbing geworden. In der Gruppe der 14- bis 16-Jährigen sogar jeder Fünfte. Und das ohne Ausnahme. "Cyber-Mobbing ist ein Problem an allen Schulen", so die Schlussfolgerung der Studie.

Bereits 2006 gründete sich die Initiative "Schüler gegen Mobbing", deren Portal bis heute Aufklärung und Informationen bietet und Anlaufstelle für Betroffene ist. In einem EU-Projekt entwickelten Jugendliche für Jugendliche die App Klicksafe. Sie soll den Jugendlichen zeigen, wie man gegen Cyber-Mobbing ganz konkret vorgehen kann.

Mobbing in der Schule
Das Thema Mobbing wird an vielen Schulen unterschätzt. Bildrechte: imago/emil umdorf

Antworten-Katalog der TU München

Psychologen der TU München haben aus ihren Forschungen einen großen Antworten-Katalog erarbeitet, der sich vor allem an Eltern und Lehrer richtet. Angefangen von "Wo endet die Rauferei und wo fängt Mobbing an" über die Frage "Sollen Eltern Kontakt zu den Tätern aufnehmen?" bis zu rechtlichen Fragen wie "Was tun, wenn sich nichts ändert?".


Formen von Mobbing

Manchmal ist es "nur" eine Hänselei, die über Wochen und Monate nicht aufhört, manchmal wird es körperlich. Dabei sind es nicht immer nur Mitschüler, die zu Tätern werden. Auch Lehrer können Täter sein, indem sie einzelne Schüler vor der Klasse vorführen bzw. demütigen. Im Allgemeinen lässt sich zwischen aktiv körperlichem und passiv psychischem Mobbing unterscheiden. Letzteres hat wiederum verschiedene Formen:

  • Direktes Mobbing: drohen, hänseln, abwerten, beschimpfen, bloßstellen, schikanieren, herabsetzen
  • Indirektes Mobbing: ausgrenzen, Ruf schädigen, nicht beachten

Cybermobbing
Mittlerweile haben oft selbst Grundschüler schon ein Smartphone oder einen Computer, sind so Teil von WhatsApp-Gruppen oder Schul-Chats und nutzen Instagram und andere soziale Netze. Dies birgt die Gefahr von Cybermobbing, eine Form des Mobbings über soziale Plattformen, wo beispielsweise heimlich aufgenommene Videos oder Fotos von Schülern ohne ihr Einverständnis veröffentlicht und sie damit bloßgestellt werden. Das Schlimme daran ist das sehr große Publikum, vor dem der Schüler gemobbt wird. Zudem können die Täter anonym agieren. Da es schwer ist, einmal online eingestellt Videos und Fotos löschen zu lassen, raten Experten sich in schwerwiegenden Fällen an die Polizei zu wenden und Anzeige zu erstatten. Cybermobbing ist ein Straftatbestand.

Frau guckt verstört bzw. beunruhigt auf ihr Smartphone
Bildrechte: Imago-Stock/Reporters

Mobbing erkennen

Kinder im Schulalter suchen oft zunächst die Schuld bei sich und gehen seltener mit ihren Sorgen auf Lehrer oder Eltern zu. Um zu handeln, muss Mobbing in der Schule jedoch erst einmal als solches erkannt werden. Psychologen haben hierzu verschiedene Handlungsmuster von Opfern identifiziert, die einzeln aber auch zusammen auftreten können. Erste Anzeichen von Mobbing können sein: Der Schüler oder Schülerin:

  • möchte nicht mehr zur Schule gehen, täuscht Erkrankungen vor oder möchte plötzlich wieder bis zur Schule gebracht werden.
  • zieht sich zurück von Eltern und Freunden.
  • beginnt plötzlich zu stottern.
  • bekommt Albträume.

Auswirkungen
Auf die Opfer selbst kann sich Mobbing ganz unterschiedlich auswirken. Es kann zum Verlust von Selbstvertrauen, Konzentrationsproblemen, abnehmender Lernmotivation, Appetitlosigkeit bis hin zu Schlafstörungen führen. Allerdings können sich durch die gefühlte Einsamkeit und Isolierung, die mit Mobbing einhergeht, auch depressive Tendenzen entwickeln. Dies alles kann zu Selbstverletzungen und zum Suizidversuch führen.

Opfertyp
Es gibt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die häufig auf Mobbing-Opfern zutreffen. So sind es oft ängstliche bzw. überangepasste Schüler mit geringem Selbstwertgefühl. Zudem können andersartiges oder auffälliges Aussehen, Hilflosigkeit, eine Behinderung oder Ungeschicklichkeit für Mobbing prädestinieren. Auch besonders gutgläubige Kinder aus gewaltsensiblen Familien können potenzielle Opfer sein.

In den unteren Klassen ist häufiger das sogenannte Bullying zu beobachten, die Ausgrenzung aufgrund körperlicher Unzulänglichkeiten. In der Mittelstufe stehen bestimmte Normen in Bezug auf Mode (Markenkleidung) oder Verhaltensnormen im Unterricht ("Streber") eher im Vordergrund. Während Jungen häufiger zu körperlicher Aggression neigen, bedienen sich Mädchen eher subtileren Mitteln wie dem Verbreiten von Gerüchten, Manipulation und sozialer Ausgrenzung.

Ein junges Mädchen hält sich in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) am Geländer eines Balkones fest
Bildrechte: dpa

Etwas gegen Mobbing tun

Sind Anzeichen für Mobbing erkannt, gilt es für Eltern aber auch Lehrer und Mitschüler zu handeln.

Eltern
Zunächst sollten sich Eltern die Zeit nehmen, um mit ihren Kindern über den Schultag zu sprechen. Auch wenn Kinder im Allgemeinen nicht gern und viel darüber erzählen, ist dies für das Kind eine Möglichkeit, Probleme anzusprechen. Redet das Kind aus Scham oder Angst nicht und vermuten die Eltern, dass etwas nicht stimmt, ist der erste Weg der zum Klassenlehrer oder zur Klassenlehrerin. Er oder sie kennt das Kind und sein Arbeits- und Sozialverhalten am besten. Zusätzlich sollte auch die Schulleitung einbezogen werden. Auch Schulpsychologen können helfen.

Lehrer
Das Verhalten der Lehrer hat laut Experten großen Einfluss, ob es an Schulen Nährboden für Mobbing gibt. Auch die Verfügbarkeit von Mediatoren bzw. Sozialarbeitern und Schulpsychologen spielt eine entscheidende Rolle. Leider wird laut Experten das Problem häufig seitens der Lehrer nicht erkannt und das Opfer als "zu sensibel" eingeschätzt. Da oft gruppendynamische Aspekte innerhalb der Klasse eine Rolle spielen, müssen Lehrer besonders sensibel mit "dem Neuen in der Klasse" oder auch bei einer neu zusammengewürfelten Klasse umgehen. In Zusammenarbeit mit Präventionsstellen der Polizei oder Anti-Mobbing-Trainern können Lehrer gemeinsam mit der Klasse erlernen, wie man sich gegen Mobbing wehrt. Dabei hilft es nicht zu sagen "wehr dich, wenn dich jemand ärgert". Können sich Schüler selbstbewusst und schlagfertig wehren, kommt es oft erst gar nicht zu weiteren Mobbing-Angriffen, weil den Tätern die nötige Opferhaltung fehlt. Doch das muss trainiert werden.

Mitschüler
Mitschüler sollten den Mut haben und Sozialarbeiter oder Lehrer auf ein Mobbing-Problem in ihrem Umfeld ansprechen. Denn ist das Opfer nicht allein den Repressalien des Täters ausgesetzt, ist schon viel getan. Mobbing-Opfer schämen sich meist und können diesen Schritt nicht selbst tun.

Quelle: red/mdr umschau

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 02. August 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. August 2019, 14:59 Uhr

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