ILLUSTRATION - Ein junger Mann hält ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer jungen erwachsenen Frau zu sehen ist.
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Erkennen und handeln Nackt im Netz - Was tun gegen Cybermobbing mit intimen Fotos und Videos

BRISANT | 27.08.2019 | 17:15 Uhr

Selbst Grundschüler haben inzwischen Smartphones oder Computer. Sie sind Teil von WhatsApp-Gruppen oder Schulchats und nutzen Netzwerke wie Instagram. Intime Fotos und Videos können dort zum Cybermobbing-Werkzeug werden.

ILLUSTRATION - Ein junger Mann hält ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer jungen erwachsenen Frau zu sehen ist.
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Dass junge Menschen Nacktbilder austauschen oder auf sozialen Netzwerken einstellen, scheint heute normal zu sein. Werden solche intimen Schnappschüsse missbraucht, sind die Folgen immens. "Jugendliche nutzen Instagram, weil sie mit Bildsprache viel schneller kommunizieren können als mit Text", sagt Markus Gerstmann. Er ist Medienpädagoge und Leiter des Servicebureau Jugendinformation. Laut Gerstmann orientieren sich Jugendliche an den Bildern, die sie dort von sich selbst veröffentlichen oder die sie mit Likes versehen. Auch Werbung oder Posts von Prominenten beeinflussen sie.

Markus Gerstmann
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Wir haben eine sexualisierte Gesellschaft, Werbung arbeitet mit sexualisierten Bildern, das wird nachgemacht. Es ist sehr, sehr wichtig, schön zu sein, auch in den Fernsehsendungen wie Germany's Next Topmodel mit Heidi Klum wird das suggeriert: Ich bin schön und es ist wichtig, schön zu sein. Das ist ein Wert in unserer Gesellschaft.

Markus Gerstmann Medienpädagoge und Leiter des Servicebureau Jugendinformation

Jugendliche imitierten das, um sich selbst auszuprobieren und zu orientieren. Sie wollen Rückmeldungen von anderen bekommen. Das kann zur Gefahr für die gezeigte Person werden. Die kann beispielsweise beim "Sexting" entstehen.

Sexting - privater Austausch intimer Fotos und Videos

Dabei tauschen Partner intime Fotos oder Videos per Direktnachrichten miteinander aus. Was als erotischer Anheizer für Zwischendurch auf dem Handy gedacht ist, kann aber schnell zu einem öffentlichen Lauffeuer werden. Nämlich dann, wenn beispielsweise nach Trennungen aus Gram oder Eifersucht solche Inhalte in Chatgruppen, in sozialen Netzwerken oder auf Videoplattformen auftauchen. Das Szenario, dass solche Fotos und Videos später unerlaubt weiterverschickt werden, kennen viele junge Menschen. Die Weiterleitung dieser Inhalte an Dritte ist eine Straftat - besonders, wenn die Opfer minderjährig sind, sagt Medienanwalt Christian Solmecke.

Der Kölner Jurist und Experte für Internetrecht Christian Solmecke.
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Zunächst einmal haben wir natürlich eine Verletzung der Intim-Sphäre. Das ist schon eine Straftat. Darüberhinaus haben wir auch eine Verbreitung pornografischer Schriften. Und das sind wirklich schwerste Straftaten, was viele vielleicht gar nicht wissen. Die werden mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft, sodass man hier auch nicht mehr von irgendwelchen Bagatelldelikten reden kann.

Christian Solmecke Jurist und Experte für Internet-Recht

Cybermobbing - digitaler Angriff auf die Persönlichkeit

Solche digitalen Angriffe auf einen Menschen werden wiederum als Cybermobbing bezeichnet. Diese Form des Mobbings findet in sozialen Netzwerken statt. Bereits veröffentlichte Fotos oder heimlich aufgenommene Videos oder Fotos werden ohne das Einverständnis der gezeigten Person veröffentlicht. Damit können Menschen bloßgestellt werden. Das Schlimme: Das Publikum eines solchen Posts kann sehr groß werden. Die Auswirkungen für einen Schüler in seinem sozialen Umfeld sind enorm. Zudem können die Täter anonym agieren. Es ist schwer bis unmöglich, Absender von Cybermobbing zurückzuverfolgen. Außerdem lassen sich einmal online gestellte Videos und Fotos nur schwer wieder löschen. Experten raten deshalb, sich in schwerwiegenden Fällen an die Polizei zu wenden und Anzeige zu erstatten. Cybermobbing ist ein Straftatbestand.

Mobbing erkennen

Kinder im Schulalter suchen oft zunächst die Schuld bei sich und gehen seltener mit ihren Sorgen auf Eltern oder Lehrer zu. Um zu handeln, muss Mobbing jedoch erst einmal als solches erkannt werden. Psychologen haben hierzu verschiedene Handlungsmuster von Opfern identifiziert, die einzeln aber auch zusammen auftreten können. Erste Anzeichen von Mobbing können sein: Der Schüler oder die Schülerin:

  • möchte nicht mehr zur Schule gehen, täuscht Erkrankungen vor oder möchte plötzlich wieder bis zur Schule gebracht werden;
  • zieht sich von Eltern und Freunden zurück;
  • beginnt plötzlich zu stottern;
  • bekommt Albträume.

Psychologen der TU München haben aus ihren Forschungen einen großen Antworten-Katalog erarbeitet, der sich vor allem an Eltern und Lehrer richtet. Angefangen von "Wo endet die Rauferei und wo fängt Mobbing an" über die Frage "Sollen Eltern Kontakt zu den Tätern aufnehmen?" bis zu rechtlichen Fragen wie "Was tun, wenn sich nichts ändert?".

Frau guckt verstört bzw. beunruhigt auf ihr Smartphone
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Jugendliche nutzen Internet vor allem für Kommunikation Der größte Anteil der Internetnutzung bei Jugendlichen entfällt auf Kommunikation mit anderen. Das hat die Studie "Jugend Information Medien 2018" ergeben. Whatsapp, Instagram und Snapchat werden dafür von Jugendlichen am häufigsten gewählt. Whatsapp nutzen laut der Umfrage sogar 95 Prozent der Befragten zwischen zwölf und 19 Jahren mehrmals pro Woche. Mehr als zwei Drittel gaben an, Instagram regelmäßig zu nutzen, bei Snapchat waren es mehr als die Hälfte der Befragten. Dabei hat sich die Fotoplattform Instagram als der Kanal herausgestellt, der besonders gern gewählt wird, um am Leben von Menschen aus dem persönlichen Umfeld teilzuhaben.

Auswirkungen von Mobbing

Auf die Opfer selbst kann sich Mobbing ganz unterschiedlich auswirken. Es kann zum Verlust von Selbstvertrauen, Konzentrationsproblemen, abnehmender Lernmotivation, Appetitlosigkeit bis hin zu Schlafstörungen führen. Allerdings können sich durch die gefühlte Einsamkeit und Isolierung, die mit Mobbing einhergehen, auch depressive Tendenzen entwickeln. Dies alles kann zu Selbstverletzungen und zum Suizidversuch führen.

Opfertypen erkennen

Es gibt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die häufig auf Mobbing-Opfer zutreffen. So sind es oft ängstliche bzw. überangepasste Schüler mit geringem Selbstwertgefühl. Zudem können andersartiges oder auffälliges Aussehen, Hilflosigkeit, eine Behinderung oder Ungeschicklichkeit für Mobbing prädestinieren. Auch besonders gutgläubige Kinder aus gewaltsensiblen Familien können potenzielle Opfer sein.

Schlägerei auf dem Schulhof. Ein am Boden liegender wehrloser Junge wird von zwei anderen brutal festgehalten und getreten (gestellte Szene)
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In den unteren Klassen ist häufiger das sogenannte Bullying zu beobachten, die Ausgrenzung aufgrund körperlicher Unzulänglichkeiten. In der Mittelstufe stehen bestimmte Normen in Bezug auf Mode (Markenkleidung) oder Verhaltensnormen im Unterricht ("Streber") eher im Vordergrund. Während Jungen häufiger zu körperlicher Aggression neigen, bedienen sich Mädchen eher subtileren Mitteln wie dem Verbreiten von Gerüchten, Manipulationen und sozialer Ausgrenzung.

Wer kann was gegen Mobbing unternehmen?

Sind Anzeichen für Mobbing erkannt, gilt es für Eltern aber auch Lehrer und Mitschüler zu handeln.

Eltern

Zunächst sollten sich Eltern die Zeit nehmen, um mit ihren Kindern über den Schultag zu sprechen. Auch wenn Kinder im Allgemeinen nicht gern und viel darüber reden, ist dies für das Kind eine Möglichkeit, Probleme anzusprechen. Redet das Kind aus Scham oder Angst nicht und vermuten die Eltern, dass etwas nicht stimmt, ist der erste Weg der zum Klassenlehrer oder zur Klassenlehrerin. Er oder sie kennt das Kind und sein Arbeits- und Sozialverhalten am besten. Zusätzlich sollte auch die Schulleitung einbezogen werden. Auch Schulpsychologen können helfen.

Lehrer

Das Verhalten der Lehrer hat laut Experten großen Einfluss dafür, ob es an Schulen Nährboden für Mobbing gibt. Auch die Verfügbarkeit von Mediatoren bzw. Sozialarbeitern und Schulpsychologen spielt eine entscheidende Rolle. Leider wird laut Experten das Problem häufig seitens der Lehrer nicht erkannt und das Opfer als "zu sensibel" eingeschätzt. Da oft gruppendynamische Aspekte innerhalb der Klasse eine Rolle spielen, müssen Lehrer besonders sensibel mit "dem Neuen in der Klasse" oder auch bei einer neu zusammengewürfelten Klasse umgehen. In Zusammenarbeit mit Präventionsstellen der Polizei oder Anti-Mobbing-Trainern können Lehrer gemeinsam mit der Klasse erlernen, wie man sich gegen Mobbing wehrt. Dabei hilft es nicht zu sagen: "Wehr' Dich, wenn Dich jemand ärgert". Können sich Schüler selbstbewusst und schlagfertig wehren, kommt es oft erst gar nicht zu weiteren Mobbing-Angriffen. Den Tätern fehlt die nötige Opferhaltung. Doch das muss trainiert werden.

Mitschüler

Mitschüler sollten den Mut haben und Sozialarbeiter oder Lehrer auf ein Mobbing-Problem in ihrem Umfeld ansprechen. Denn ist das Opfer nicht allein den Repressalien des Täters ausgesetzt, ist schon viel getan. Mobbing-Opfer schämen sich meist und können diesen Schritt nicht selbst tun.

PISA-Studie: Schule als Ort der Qual

In Deutschland wird nach einer Untersuchung fast jede(r) sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von Mobbing an seiner Schule. Das geht aus der Sonderauswertung der PISA-Studie über Lernumfeld und Lernverhalten zum Wohlbefinden von Jugendlichen in aller Welt hervor. Es ist die letztveröffentlichte Untersuchung aus dem Jahr 2015. Dafür wurden mehr als eine halbe Million Schüler weltweit wurden, darunter 10.000 in Deutschland. "Für manche ist die Schule ein Ort der Qual", schreiben die Autoren. Fast jeder zehnte Schüler in Deutschland beklagt demnach, regelmäßig Ziel von Spott und Lästereien zu sein. Das sei kein Randphänomen. Mehr als zwei Prozent der Befragten sprachen von körperlichen Misshandlungen in der Schule. Sie würden herumgeschubst und geschlagen.

Mobbing in der Schule
Das Thema Mobbing wird an vielen Schulen unterschätzt. Bildrechte: imago/emil umdorf

Das Problem ist nicht neu

Die PISA-Studie klingt wie ein Weckruf: Tut etwas gegen Mobbing an der Schule! Aber das Problem ist nicht neu. Etliche Studien und Initiativen von Lehrern, Eltern und Schülern in Deutschland fordern seit Jahren ein Umdenken. Die Uni Lüneburg etwa startete 2008 ein Pilotprojekt mit einer Krankenkasse. Die Forscher am Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften hatten in einer Studie an zehn Schulen mit mehr 2.500 Schülern herausgefunden, dass jeder dritte Schüler bereits Mobbing erlebt hatte, jeder zehnte auf dem Schulhof oder Schulweg sogar Opfer von körperliche Gewalt durch Mitschüler geworden war.

Ein junges Mädchen hält sich in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) am Geländer eines Balkones fest
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Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönliche Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0800 1110111 und 0800 1110222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, zum Beispiel per E-Mail oder im Chat.

Portal bietet Aufklärung und Informationen

Bereits 2006 gründete sich die Initiative "Schüler gegen Mobbing", deren Portal bis heute Aufklärung und Informationen bietet und Anlaufstelle für Betroffene ist. In einem EU-Projekt entwickelten Jugendliche für Jugendliche die App Klicksafe. Sie soll den Jugendlichen zeigen, wie man gegen Cyber-Mobbing ganz konkret vorgehen kann.

Quelle: red/mdr umschau

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 27. August 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 18:26 Uhr

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