Tag der Organspende Weniger Organspenden als Folge der Corona-Pandemie

Während immer noch Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan warten, schwankt die Bereitschaft zur Organspende. Immerhin 44 Prozent haben ihre Entscheidung für oder gegen eine Spende festgehalten, etwa auf einem Organspendeausweis, doch die Zahl der tatsächlichen Spender ist zuletzt dramatisch gesunken. Ein Grund dafür könnte die Corona-Pandemie sein, vermutet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO).

Das Personal eines Operationssaals führt eine Transplantation durch, nachdem es einem lebenden Spender eine Niere entnommen hat, in einem Operationssaal des Universitätsspitals Genf (HUG). In der Schweiz will eine Volksinitiative die Zwangszustimmung für Organspender einführen.
Die Zahl der Organspenden und Transplantationen ist in diesem Jahr deutlich niedriger als im Jahr zuvor. Bildrechte: dpa

Mehr als 9.000 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste für ein Spenderorgan, die meisten von ihnen brauchen eine neue Niere. Doch die Zahl der Organtransplantationen ist zuletzt dramatisch gesunken. Zwischen Januar und April 2022 wurden nur 801 Organe transplantiert, im selben Zeitraum 2021 waren es noch mehr als 1.000 - ein Rückgang um rund 22 Prozent.

In Berlin wurden im vergangenen Jahr von 49 Spenderinnen und Spendern 135 Organe entnommen, 2020 waren es noch 161 Organe von 52 Spendern, teilte der Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek) mit.

Auch in Sachsen ist die Zahl der Organspender zurückgegangen. Wurden 2020 noch Organe von 68 Menschen gespendet, waren es 2021 schon nur noch 56 Menschen, so das Sozialministerium. Der Freistaat liegt mit 13,8 Organspendern pro eine Million Einwohnern dennoch über dem bundesweiten Durchschnitt von 11,2.

Bayern sieht einen leichten Rückgang an Spendern - aber auch an benötigten Organen. Dennoch hat der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek eine Kampagne in den Sozialen Netzwerken gestartet, um auf dieses "wichtige und hoch emotionale Thema" aufmerksam zu machen.

Der Grund für den Rückgang

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) findet die Entwicklung der Zahlen besorgniserregend. "Vor dem Hintergrund, dass jedes einzelne Organ zählt und Leben retten kann, stehen wir vor einer dramatischen Entwicklung für die rund 8.500 Patienten auf den Wartelisten", befürchtete Dr. med. Axel Rahmel, Vorstand der DSO, im April dieses Jahres. Dass so wenige Menschen Organe spenden, sei völlig unerwartet gekommen. Vor allem, weil Deutschland bisher im Vergleich zu den meisten anderen Ländern ohne größere Einbußen durch die Pandemie gekommen sei.

Und die könnte der Grund für den Rückgang der Spender sein. Die hohen Covid-19-Fallzahlen in den Kliniken könnten dafür sorgen, dass weniger Organspenden durchgeführt werden können, als bisher, vermutet die DSO. Außerdem würden deutlich mehr Menschen im Ernstfall eine Organspende ablehnen, wie auch deutlich mehr Angehörige sich gegen eine Entnahme von Organen entschieden hätten. Ein vorzeitiges Versagen des Herz-Kreislaufsystem vom Spender, das eine Transplantation unmöglich macht, sei ein weiterer wesentlicher Grund für die Entwicklung. Die Zahl solcher Fälle habe um 44 Prozent zugenommen. Und schließlich sei auch eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus bis vor Kurzem noch ein Ausschlusskriterium für eine Spende gewesen.

Covid-Infektion ist kein Ausschlussgrund

Dabei ist eine nachgewiesene Infektion mit dem Coronavirus kein Grund, um den Spendeprozess abzubrechen, so die DSO. Internationale Erfahrungen würden zeigen, dass bei asymptomatischen Krankheitsverläufen trotz positivem SARS-CoV-2-Befund eine Organspende unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist.

Ein Pfleger steht auf der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach an einem ECMO-Bett, in dem ein Patient liegt.
Steigende Corona-Zahlen haben auch einen Einfluss auf die Zahl der Organspenden. Bildrechte: dpa

Ukraine-Krieg hat keinen Einfluss

Entgegen einiger Behauptungen im Internet, hat der russische Angriffskrieg in der Ukraine aber nichts mit der gesunkenen Spendebereitschaft zu tun. In Deutschland werden Spenderorgane von der Stiftung Eurotransplant vermittelt, die auch den internationalen Austausch von Spenderorganen koordiniert. Die Ukraine gehört allerdings nicht zu den acht beteiligten Ländern Deutschland, Belgien, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien und Ungarn.

Laut Bundesgesundheitsministerium bekommt Deutschland Organspenden ausschließlich über Eurotransplant und nicht aus der Ukraine. Das Ministerium geht davon aus, dass es keinen illegalen Organhandel mit der Ukraine gibt.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Human Organ For Transplant" klebt auf einer Transportkühlbox für Spenderorgane. Bundesgesundheitsminister Spahn eröffnet heute den bundesweiten Tag der Organspende unter dem Motto «Richtig. Wichtig.
Spenderorgane werden über Landesgrenzen hinweg vermittelt, aber nicht mit der Ukraine. Bildrechte: dpa

Bundesgesundheitsminister für Widerspruchslösung

Zum Tag der Organspende am 4. Juni 2022 hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sich erneut für die Widerspruchslösung ausgesprochen. Die sieht vor, dass jeder potentieller Organspender ist, wenn kein ausdrücklicher Widerspruch vorliegt. Bisher muss in Deutschland der Organspende aktiv zugestimmt werden, zum Beispiel mit einem Organspendeausweis. Menschen, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt haben, sind demnach nicht automatisch mögliche Spender.

"Es hat sich keine Verbesserung für die Menschen ergeben, die ein Organ benötigen", hatte Lauterbach der ARD gesagt. "Wir bekommen das Problem sonst nicht gelöst." Im Januar 2020 hatten der SPD-Politiker und sein Vorgänger, der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, einen Gesetzesentwurf eingebracht, der eine Widerspruchslösung für Deutschland vorgesehen hatte. Dafür gab es aber keine Mehrheit.

Jens Spahn (CDU, r), Bundesminister für Gesundheit, geht neben Karl Lauterbach, (SPD, l) zu einer Pressekonferenz
2020 hatten sich Jens Spahn und Karl Lauterbach für eine Widerspruchslösung zur Organspende eingesetzt. Bildrechte: dpa

Beschlossen wurde damals aber, dass die Bürger verstärkt über das Thema informiert werden müssen, etwa bei der Ausgabe von Pässen oder Führerscheinen. Ein geplantes Organspenderegister, das online verfügbar sein sollte, wurde bisher nicht aufgebaut.

Blick in andere Länder

In rund 20 anderen europäischen Staaten gibt es bereits eine solche Widerspruchslösung. Belgien, Österreich oder Tschechien gehören ebenso dazu wie Spanien. Dort gibt es beispielsweise 38 Organspender pro eine Million Einwohner - das Land wird oft als Musterbeispiel angeführt. In Spanien dürfen aber zum Beispiel schon beim Herztod Organe entnommen werden, was in Deutschland verboten ist. Hier gilt der Hirntod als entscheidendes Kriterium für eine Entnahme. Auch haben die Angehörigen in diesen Ländern kein Widerspruchsrecht.

Eine Person hält ihren Organspendeausweis in den Händen.
Für oder gegen eine Organspende? Überhaupt eine Entscheidung zu treffen, ist wichtig. Bildrechte: IMAGO / Fotostand

Anders ist das zum Beispiel in Finnland, Italien oder Schweden. Dort können Angehörige gegen die Organentnahme stimmen, also eine Entscheidung treffen, wenn der potentielle Spender zu Lebzeiten keine Entscheidung getroffen hat und eigentlich automatisch zugestimmt hätte.

In Dänemark, Großbritannien oder der Schweiz gilt die sogenannte "erweiterte Zustimmungsregelung". Das heißt, der Verstorbene muss zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt diese Zustimmung nicht vor, können die Hinterbliebenen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden.

BRISNT/BzgA/DSO/dpa/KNA/epd

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 04. Juni 2022 | 17:10 Uhr

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