ProminentRatgeberPodcastRedaktionService
Bildrechte: imago images/Westend61

60 Jahre Pille in DeutschlandOhne Sinn und Zweck: Menstruation trotz (Mikro)Pille

Stand: 05. Juli 2022, 16:57 Uhr

Vor über 60 Jahren ist sie erfunden worden, seit 60 Jahren wird sie in Deutschland verschrieben: die Antibabypille. Trotz zahlreicher Alternativen ist die Pille bis heute das Verhütungsmittel Nummer Eins. Ihre Menstruation haben die meisten Frauen dennoch. Und das völlig ohne Sinn und Zweck, wie Gynäkologin Dr. Mandy Mangler vom Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin BRISANT erklärt hat.

Die Antibabypillen, die heute den meisten Frauen verschrieben werden, sind monophasische Kombinationspillen (Mikropillen). Die betroffenen Frauen nehmen 21 Tage lang je eine Tablette ein, die aus den Hormonen Östrogen und Gestagen besteht. Danach folgt eine siebentägige Pause, in der die Regelblutung einsetzt.

Was vielen Frauen nicht bekannt ist: Bei der Blutung in der Pillenpause handelt es sich um keine gewöhnliche Menstruation, sondern um eine sogenannte Abbruchblutung oder auch Hormonentzugsblutung. Einen medizinischen Nutzen hat sie nicht.

Warum ist die Blutung in der Pillenpause keine Menstruation?

Bei einem nicht durch hormonelle Präparate beeinflussten weiblichen Zyklus baut sich über etwa drei Wochen eine immer dicker werdende Gebärmutterschleimhaut auf. Nistet sich dort kein befruchtetes Ei ein, lässt das unbefruchtete Ei den Östrogenspiegel absinken - und löst die Blutung aus. Dadurch wird die Gebärmutterschleimhaut abgebaut.

Nehmen Frauen die Pille ein, lösen sie durch die siebentägige Pause einen künstlichen Hormonstopp aus. Dadurch kommt es zu einer Blutung. Die wird deshalb auch als Abbruchblutung, Entzugsblutung oder Pseudomenstruation bezeichnet. Der natürliche Zyklus der Frau wird also nur nachgeahmt.

Einen medizinischen Sinn oder gesundheitliche Vorteile hat diese Blutung nicht. Im Gegenteil: Die Blutung kann sogar Infektionen begünstigen, weil sie Erregern eine "Tür" öffnet.

Menstruationsbeschwerden? Für Frauen, die eine Mikropille nehmen, eigentlich überflüssig. Bildrechte: imago images/spukkato

Langzyklus: Was passiert, wenn man die Pille 28 Tage ohne Pause einnimmt?

Nimmt man die Pille 28 Tage lang ohne Pause ein, bleibt die Blutung aus. Notwendig ist sie nicht. Denn durch die Hormone ist es zu keiner Verdickung der Gebärmutterschleimhaut gekommen.

Medizinisch nennt man das einen Langzyklus. In Großbritannien wird der bereits vom Berufsverband für Sexualgesundheit empfohlen. In Deutschland hat sich der Berufsverband der Frauenärzte dafür ausgesprochen.

Erhöhen sich die Nebenwirkungen der Pille, wenn man keine Pause einlegt?

Thrombosen, Migräne, Depressionen: Viele Frauen klagen über Nebenwirkungen durch die Antibabypille. Verstärkt werden diese nicht, wenn man sich entschließt, die Pillenpause aufzugeben.

Über das Jahr verteilt nehmen Frauen dann zwar mehr Hormone auf als bei der bislang üblichen Einnahme, Vergleichsstudien konnten aber zeigen, dass das Risiko für Nebenwirkungen identisch ist.

Dafür, die Pille nicht 28 Tage durchzunehmen, gibt es höchstens einen historischen Grund. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Weshalb gibt es die Pillenpause dann überhaupt?

Gesundheitliche Vorteile hat die siebentägige Pillenpause keine. Auch finanziell kann man mit der Pillenpause nicht punkten. Denn das, was man an den Hormonpräparaten spart, gibt man letztlich für Tampons, Binden oder Menstruationstassen wieder aus.

Die Einnahmeregel von 21+7 haben die Entwickler der Pille in den 1950er-Jahren eingeführt, um Skeptiker - insbesondere die katholische Kirche - von der Verhütungsmethode zu überzeugen. Mit der Abbruchblutung wollten die Hersteller einen natürlichen Zyklus imitieren.

Diese Argumente sind heute nicht mehr nötig. Doch ein Umstellen der Pille auf den Langzyklus würde Langzeitstudien, die den Zusatznutzen belegen, erforderlich machen. Kosten und Mühen, die sich die Unternehmen sparen wollen. Denn die Antibabypille ist auch so ein Bestseller.

Wer kann die Pille durchnehmen? Mit Frauenarzt sprechen!

Frauen, die mit der Mikropille verhüten, können diese ohne Bedenken durchnehmen. Reine Gestagenpillen (Minipillen) sehen ohnehin keine Pillenpause vor. Wer eine mehrphasische Pille mit verschiedenen Hormonmengen nimmt, die Pille aber lieber durchnehmen würde, sollte sich von seinem Frauenarzt oder seiner Frauenärztin beraten lassen. Die helfen auch weiter, wenn man aufgrund starker Nebenwirkungen auf eine andere Verhütungsmethode umsteigen möchte.

Quellen: BRISANT, quarks.de, bvf.de

Zum Thema

Dieses Thema im Programm:Das Erste | BRISANT | 01. Juni 2021 | 17:15 Uhr