Wenn der Partner schlägt Was tun bei häuslicher Gewalt?

BRISANT | 20.11.2018 | 17:15 Uhr

Gewalt in der eigenen Familie oder unter Bekannten und Verwandten ist leider nicht selten. Meist sind Frauen die Opfer. Hier finden Sie eine Übersicht, wie man sich wehren kann und wo Betroffene Hilfe finden.

Die aktuellen Zahlen sind erschreckend! Fast 140.000 Menschen wurden im vergangenen Jahr von ihrem momentanen oder früheren Partner misshandelt oder bedroht. Die meisten der Opfer waren Frauen. 147 Frauen wurden getötet. Im Schnitt starb also jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. Das geht aus der neuen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts zu Partnerschaftsgewalt hervor. Das Problem: Häusliche Gewalt ist meist unsichtbar und oft ein Tabu-Thema!

Gewalt in den eigenen vier Wänden ...

  • ... hat für misshandelte Opfer und gegebenfalls auch für deren Kinder gravierende Folgen.
  • ... verletzt die verfassungsrechtlich garantierte Menschenwürde, das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit und Selbstbestimmung.
  • ... erfüllt zumeist gleich mehrere Straftatbestände.
  • ... löst zivilrechtliche Ansprüche für das Opfer und deren Kinder aus.

Dennoch wird diese Gewalt immer noch in nicht ausreichendem Maße als gesellschaftliches und rechtliches Problem wahrgenommen. Weitverbreitete Auffassungen wie: "Sie hat ihn wahrscheinlich provoziert" führen dazu, dass Taten häuslicher Gewalt bagatellisiert, die Täter entschuldigt werden und den Opfern die Verantwortung für die Gewalttat übertragen wird. Um diese Zustände zu ändern, tragen Experten und Betroffene das Thema zunehmend in die Öffentlichkeit, klären auf und geben Tipps.

Nicht bagatellisieren!

Wenn Sie oder Ihre Kinder in der Partnerschaft, Ehe oder Familie misshandelt, eingesperrt oder sexuell missbraucht werden, haben Sie das Recht, sich dagegen zu wehren. Alle Menschen haben ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt und Diskriminierung und auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Doch Gewalt in der Familie bzw. in engen sozialen Beziehungen wird häufig immer noch als ein privates Problem gesehen. Die Täter werden daher selten zur Verantwortung gezogen. Dabei sind Frauenhäuser und andere Einrichtungen überlaufen.

Hilfetelefon des Bundesamt für Familie

Die Polizei anzurufen, ist zwar ein richtiger Schritt. Er fordert in bestimmten Situationen aber viel Mut. Eine andere Variante, sich Gehör zu verschaffen und um Rat zu bitten, ist das Hilfetelefon. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat das bundesweite "Hilfetelefon - Beratung und Hilfe für Frauen" eingerichtet. In mehr als 15 Sprachen - darunter Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Türkisch - wird Frauen in Notsituationen geholfen.

Das Hilfetelefon - Beratung und Hilfe für Frauen 0800 0 116 016 (kostenfrei)

Verständigen Sie die Polizei!

Die Polizei erreichen Sie unter der Notrufnummer 110. Die Beamten sind dort rund um die Uhr erreichbar. Teilen Sie dann mit:

  • durch wen Sie gefährdet sind,
  • ob sie verletzt sind,
  • ob Ihnen weitere Gewalt droht,
  • ob Waffen eingesetzt werden.

Bringen Sie sich in Sicherheit, bis die Polizei kommt, und sagen Sie, wo Sie erreichbar sind. Wenn die Beamten vor Ort sind, haben Sie die Möglichkeit, mit Ihren Kindern unter Polizeischutz den Tatort zu verlassen und getrennt vom Gewalttäter Ihre Situation zu erläutern.

  • Schildern Sie den Beamten ausführlich, was vorgefallen ist, damit entsprechende Maßnahmen zu Ihrem Schutz und zur Verfolgung des Straftäters eingeleitet werden können.
  • Erläutern Sie Ihre Verletzungen, auch die nicht sichtbaren.
  • Übergeben Sie der Polizei das Tatwerkzeug.

Sich wehren

Die Polizei hat die Möglichkeit, dem Täter einen Platzverweis zu erteilen oder ihn in Gewahrsam zu nehmen, wenn die Gefährdung noch andauert oder nicht anders abgewendet werden kann. Bitten Sie die Beamten, Sie zu informieren, wenn der Täter entlassen wird. Sie haben auch die Möglichkeit, eine Anzeige zu erstatten. Meist ist dazu ein Strafantrag erforderlich. Ein Strafantrag verdeutlicht Ihr persönliches Interesse an einer Strafverfolgung. Lassen Sie sich Ihre Verletzungen von einem Arzt fotografieren und attestieren. Entbinden Sie ihn außerdem von der ärztlichen Schweigepflicht. Ein Attest ist als Beweismittel für das Ermittlungsverfahren notwendig.

Sich helfen lassen

Nutzen Sie Möglichkeiten, die Wohnung oder den Tatort zu verlassen. Nehmen Sie wichtige Unterlagen und Dokumente, die Ihnen persönlich gehören, mit. Greifen Sie auf örtliche Hilfsangebote zurück, zum Beispiel Beratungen bei den Interventionsstellen für Opfer häuslicher Gewalt, bei Opfer- und Familienberatungsstellen oder wenden Sie sich an ein Frauenhaus. Die Polizei ist hier auch bei der Herstellung des Erstkontaktes behilflich. Geben Sie dem Täter keinerlei Auskunft zu Ihrem zukünftigen Aufenthaltsort.

"Gewaltschutzgesetz" stützt Opfer

Opfer von häuslicher Gewalt und Psychoterror werden durch Inkrafttreten des "Gewaltschutzgesetzes" besser geschützt. Dieses stärkt die rechtliche Stellung von Kindern und Frauen als typischen Opfern von häuslicher Gewalt erheblich. Es ermöglicht den Geschlagenen, in ihrer Wohnung zu bleiben und dort vor weiteren Übergriffen des Partners geschützt zu sein. Vier wesentliche Eckpunkte des Gesetzes sind:

  • Zivilgerichte können in Eilverfahren wirksame Schutzanordnungen treffen, in denen sie den Peinigern bei Strafe verbieten, sich der Wohnung oder den Betroffenen zu nähern.
  • Opfer von Gewalt können künftig auch per Eilanordnung leichter vor Gericht durchsetzen, dass ihr die gemeinsame Wohnung zeitlich befristet oder dauerhaft zur alleinigen Nutzung zugewiesen wird. Dies soll gerade dann erfolgen, wenn das Wohl im Haushalt lebender Kinder gefährdet ist.
  • Die Möglichkeit der Zuweisung ist nicht mehr auf die Ehewohnung beschränkt, sondern gilt für alle auf Dauer angelegten häuslichen Gemeinschaften. Die Hürde, ab wann diese Zuweisung möglich ist, wird gesenkt.
  • Auch bei Belästigung in Form des sogenannten "Stalking", also etwa bei Telefonterror oder andersartigen Nachstellungen, ohne das eine Partnerschaft besteht, kann das Zivilgericht untersagen, sich der Wohnung oder der Betroffenen zu nähern, sie anzurufen oder sie anders zu belästigen. Nichtbefolgen kann mit Geldstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 20. November 2018 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2018, 19:28 Uhr

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... werden 7 Stunden neues Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Das entspricht 420 Stunden in einer Minute. Auf YouTube wird pro Tag mehr Videomaterial als auf Netflix und Facebook zusammen angeschaut. Deutsche schauen durchschnittlich 11 Minuten pro Tag. Bildrechte: Colourbox.de