Verpackungsmüll reduzieren Bioplastik, Mehrweg & Co.: Wie nachhaltig kann Verpackung sein?

Unser Verpackungsmüll steigt auf immer neue Rekordwerte. Ganz darauf verzichten kann man trotzdem nicht immer. Sind Bioplastik und -kunststoff eine Alternative - oder doch eher Papier? Wie umweltfreundlich sind Mehrweg-Systeme? Und kommt man in einigen Bereichen vielleicht doch ganz ohne Verpackung aus? Ein Überblick.

Gelber Sack
Jedes Jahr steigt das Aufkommen von Verpackungsmüll in Deutschland auf ein neues Rekordhoch. Bildrechte: IMAGO

In Deutschland ist der Verpackungsmüll auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Laut Umweltbundesamt fielen im Jahr 2018 insgesamt 18,9 Millionen Tonnen Verpackungsabfall an - so viel wie nie zuvor. Das sind mehr als 227 Kilogramm pro Kopf und Jahr, von denen rund 108 Kilogramm auf private Endverbraucher entfallen.

Durchschnittlich 69 Prozent des Verpackungsmülls konnten im Jahr 2018 recycelt werden. Abhängig vom Material fallen die Recycling-Quoten unterschiedlich aus: Bei Stahl liegen sie bei 91,9 Prozent, bei Aluminium bei 90,1, bei Papier und Karton bei 87,7 Prozent und bei Glas bei 83 Prozent. Verpackungsmüll aus Kunststoff wurde nur zu 47,1 Prozent wiederverwertet, aus Holz sogar nur zu 25,3 Prozent.

Biokunststoff - was ist dran an biologisch abbaubaren Einwegverpackungen?

Nicht immer den eigenen Kaffeebecher oder die eigene Brotdose mit sich herumschleppen zu müssen - eine praktische Angelegenheit. Sind Assietten und Verpackungen als "biologisch abbaubar" oder gar "Biokunststoff" gekennzeichnet, fühlen sich viele Verbraucher auf der sicheren Seite.

Doch der Schein trügt. Bereits im Jahr 2012 titelt das Umweltbundesamt: "Biokunststoffe nicht besser". Der Grund für diese Aussage: "Bioplastik" und "Biokunststoff" sind keine geschützten Begriffe. Woraus die sogenannten Bio-Verpackungen hergestellt sind und vor allem zu welchem Prozentsatz, ist nicht festgelegt. Bioabbaubar können sie sein, müssen es aber nicht. Und: Ein Kunsttoff, der als bioabbaubar gekennzeichnet ist, kann trotzdem erdölbasiert hergestellt worden sein.

Plastikbehälter für Fast-Food
Praktisch, aber äußerst umweltschädlich: Einweg-Assietten vom Imbiss. Bildrechte: IMAGO / Gottfried Czepluch

Bioplastik kann nicht recycelt werden

Deshalb sind Kunststoffe aus Pflanzen wie Zucker, Kartoffeln oder Mais nicht unbedingt umweltfreundlicher. Und: Sie lassen sich kaum recyceln. Aus dem "gelben Sack" müssen sie aussortiert und letztlich verbrannt werden. Zudem ist der Anbau von Pflanzen für die Kunststoffproduktion häufig mit verstärktem Pestizideinsatz verbunden und findet in Monokulturen statt.

Gelangen sogenannte Biokunststoffe in die Umwelt, verbleiben sie dort sehr lange und sind genauso schädlich wie Rohöl-Kunststoffe. Auch Tragetaschen aus biologisch abbaubaren Kunststoffen sind nicht umweltfreundlich. Sie bauen sich in der Natur kaum ab und sie verleiten zu unsachgerechter Entsorgung. Im Biomüll haben diese Tüten nichts verloren.

Papier statt Plastik?

Auch von Plastik auf Papier umzusteigen, ist keine Lösung. Zum einen dürfen auch Papierverpackungen wegen langer Abbauzeiten, Druckfarben und Kunststoffbeschichtungen nicht in der Umwelt landen - zum größten Teil nicht einmal im Altpapier. Zum anderen würde der Umstieg auf Papier und Pappe den Druck auf die Wälder weltweit erhöhen.

Einweggeschirr aus Naturmaterialien

Naturmaterialien wie Zuckerrohr, Palmblätter, Bambus und Weizenkleie sind nur bedingt eine Alternative zu Plastik. Aufgrund aufwändiger Herstellungsprozesse und langer Transportwege ist eine ökobilanzielle Beurteilung von Verpackungsmaterialien und Einweggeschirr aus Naturstoffen im Vergleich zu Kunststoff kompliziert.

Viele Angebote sind aus Umweltsicht kritisch zu hinterfragen: Wie chemikalien- oder energieintensiv ist die Weiterbearbeitung und wofür stehen die Rohstoffe nicht mehr zur Verfügung, wenn sie für Einwegprodukte genutzt werden? Trotz des aktuellen Booms werden Naturmaterialien wegen der hohen Kosten Nischenprodukte bleiben, prognostiziert die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung.

Ines Müller plastikfrei 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

BRISANT Mi 20.10.2021 17:15Uhr 04:27 min

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Mehrweg statt Einweg

Fast die Hälfte der in Deutschland erhältlichen Getränke wird in umweltfreundlichen Mehrwegflaschen verkauft. Glasflaschen können bis zu 50 Mal wiederverwendet werden und sparen im Vergleich zu Einweg-Plastikflaschen unnötige Abfallmengen ein. Sind sie nicht mehr nutzbar, können sie recycelt werden. Das erfordert allerdings sehr viel Energie.

Mehrweg-PET-Flaschen haben sogar eine noch bessere Ökobilanz. Sie können zwar nur bis zu 25 Mal wiederverwendet werden, haben aber ein deutlich niedrigeres Gewicht. Das schlägt sich u.a. im CO2-Ausstoß beim Transport der Flaschen nieder.

Übrigens: Wer Leitungswasser trinkt, verzichtet sogar vollständig auf Verpackungen.

Getränkeflaschen aus Glas
Können bis zu 50 Mal neu befüllt werden: Mehrwegflaschen aus Glas. Bildrechte: IMAGO / Gottfried Czepluch

Die beste Verpackung ist keine Verpackung

Völlig unverpackt können nicht nur Leitungswasser, sondern auch Obst und Gemüse eingekauft werden. Wer bewusst zu unverpacktem Obst und Gemüse greift, spart wertvolle Rohstoffe.

Hinzu kommt, dass bei Produkten ohne Verpackung die Menge frei wählbar ist. Das hilft beim Portionieren - und dabei, später keine verdorbenen Lebensmittel entsorgen zu müssen.

Plastikfreie Verpackungsgegenstände: Schüsseln, Gläser, Trinkflasche, Netz
Wer unverpackt einkauft, kann besser portionieren und spart jede Menge Müll. Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Nachfüllen - und Verpackung sparen

Kann man auf Verpackung nicht verzichten, sollte sie zumindest effizient und nachfüllbar sein. Das ist bislang vor allem für Kosmetikprodukte möglich. Ob der Pumpspender für Flüssigseife oder ein aufwendig gestaltetes Puderdöschen - zahlreiche Kosmetikfirmen bieten zumindest verpackungsarme Nachfüllpackungen an.

In sogenannten Unverpackt-Läden gibt es sogar sämtliche Waren des täglichen Bedarfs ohne Verpackung. Abgefüllt wird in Behälter, die die Kunden selbst mitbringen. Der Nachteil: Die Auswahl an Produkten ist beschränkt und meist deutlich teurer als in Supermärkten und Discountern.

umweltbundesamt.de/wirfuerbio.de/duh.de/nabu.de

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 18. Oktober 2021 | 17:15 Uhr

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