Auch Kinder und Jugendliche betroffen Volkskrankheit: Rheuma erkennen und richtig behandeln

Etwa 20 Millionen Deutsche haben eine rheumatische Erkrankung, darunter auch Kinder und Jugendliche. Rheuma verursacht meist Schmerzen an Gelenken, Muskeln oder Knochen. Oft wird die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Heilbar ist die Krankheit nicht, aber gut behandelbar.

Mann hält schmerzendes Knie.
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Rheuma ist nicht eine, sondern rund 400 Krankheiten. Sie treten meistens am Bewegungsapparat auf. Neben den vermeintlich typischen, schmerzenden Gelenken können auch "Weichteile" wie Muskeln, Bänder oder Sehnen betroffen sein, selbst Organe, Nerven, Rippenfell oder Gefäße. Die vielfältigen Symptome machen die Diagnose oft schwierig. Die verschiedenen Krankheitsbilder werden unter dem sogenannten rheumatischen Formenkreis zusammengefasst.

  1. entzündlich-rheumatische Erkrankungen
  2. verschleißbedingte (degenerative) Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen
  3. Weichteilrheumatismus
  4. Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden (pararheumatische Erkrankungen)

Rheuma auch bei Kindern und Jugendlichen

Doch nicht nur Erwachsene sind betroffen. Das Spektrum der rheumatischen Erkrankungen im Kindesalter ist weit und reicht von angeborenen Knochenerkrankungen über eine Vielzahl nicht-entzündlicher rheumatischer Erkrankungen bis hin zu den entzündlichen rheumatischen Krankheitsformen, dem Rheuma im engeren Sinne. Jedes Jahr erkranken bundesweit rund 1.200 Kinder unter sechzehn Jahren neu an juveniler idiopathischer Arthritis (JIA), der häufigsten rheumatischen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Die Gesamtzahl wird bundesweit auf etwa 13.000 Kinder geschätzt.

Darauf sollten Sie als Eltern achten:

  • Sind die Gelenke des Kindes am Morgen steif?
  • Hinkt das Kind, weil es ein Bein nicht belasten will?
  • Klagt es über Schmerzen, insbesondere nach dem Aufstehen?
  • Sind ein oder mehrere Gelenke geschwollen oder überwärmt?
  • Will das Kleinkind plötzlich wieder getragen werden, obwohl es schon laufen kann?
  • Greift das Kind anders zu oder stützt sich anders ab als sonst?
  • Hat das Kind Schmerzen beim Kauen oder beim Öffnen des Mundes?
  • Möchte das Kind auf einmal nur noch Weiches essen?

Ratgeber

Machen Sie den Test Volkskrankheit Rheuma: Sind Sie betroffen?

Ein Mann zieht an seinem Finger und erzeugt ein Knackgeräusch
1. Steife Finger Die Finger sind morgens so steif, dass es schwer fällt, den Wasserhahn oder die Dusche aufzudrehen. Bildrechte: dpa
Ein Mann zieht an seinem Finger und erzeugt ein Knackgeräusch
1. Steife Finger Die Finger sind morgens so steif, dass es schwer fällt, den Wasserhahn oder die Dusche aufzudrehen. Bildrechte: dpa
Eine junge blonde Frau schläft
2. Nach dem Aufwachen wie gerädert Seit Monaten schlafen Sie, ohne sich zu erholen. Sie wachen wie gerädert auf. Alle Sehnen, Gelenke und Muskeln schmerzen. Bildrechte: imago/Science Photo Library
Junger Mann beugt sich vorn über und hält seine Hände auf den Rücken.
3. Kreuzschmerzen Sie wachen nach drei bis vier Stunden Schlaf mit tiefsitzenden Kreuzschmerzen auf. Wenn Sie ein wenig umhergehen, bessern sich die Beschwerden. Bildrechte: colourbox
Eine Frau hält sich das Knie.
4. Schmerzende Gelenke Nach längerem Sitzen schmerzen beim Gehen die Gelenke im Knie, der Hüfte, im Knöchel oder in den Zehen. Bewegung lindert die Beschwerden. Bildrechte: IMAGO
Eine alte Frau hält sich ihre schmerzendes Handgelenk.
5. Geschwollene Hände Finger- und Handgelenke sind geschwollen. Sie fühlen sich schon länger abgeschlagen und nicht mehr leistungsfähig. Bildrechte: IMAGO
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Ratgeber

Patient hält schmerzenden Arm
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FAQ: Das ist Rheuma

Die Rheumatoide Arthritis ist eine Erkrankung, bei der sich das Immunsystem des Körpers, also die Abwehr, gegen den eigenen Körper richtet. Das Immunsystem sieht dabei körpereigene Stoffe als fremd an.

Fehlgesteuerte Immunzellen wandern unter anderem in die Gelenke und produzieren dort Stoffe, die eine Entzündung auslösen. Dabei werden die Gelenkhäute, Knorpel, Knochen und Bänder angegriffen und zerstört. Diese Form des Rheumas ist eine sogenannte Autoimmunkrankheit, die ohne aber auch durch äußere Einflüsse ausbrechen kann.

Die Krankheit führt zu starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Die Betroffenen klagen auch über Erschöpfungszustände. Oft verläuft die Krankheit in Schüben. Phasen von wochenlanger Schmerzfreiheit können plötzlich durch einen solchen rheumatischen Schub unterbrochen werden. In der Regel verschlimmert sich die Krankheit immer weiter.

Noch sind die genauen Ursachen der Rheumatoiden Arthritis nicht endgültig erforscht. Fakt ist aber: Erbliche Veranlagungen und schädliche Umwelteinflüsse, wie das Rauchen oder auch Stress können an der Entstehung beteiligt sein.

Das sollten Sie beim Verdacht auf Rheuma tun

Der wichtigster Rat: So schnell wie möglich zum Arzt gehen! Je eher die Krankheit erkannt wird, desto besser kann sie behandelt werden. Dabei geht es nicht nur um die Reduzierung der Schmerzen. Vor allem ist wichtig, das Fortschreiten der Gelenkzerstörung zu stoppen beziehungsweise zu bremsen. Je früher eine Therapie beginnt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, bleibende Schäden zu verhindern.

Das macht der Arzt

Erster Anlaufpunkt ist der Hausarzt. Der führt eine gründliche Anamnese, also Erfassung der Krankheitsgeschichte durch. Er wird Fragen über die Familiengeschichte und die Lebensweise stellen, die Symptome abklären und eine Blutuntersuchung durchführen, erklärt die Geschäftsführerin der Rheuma-Liga Sachsen e.V., Heike Herbst. Bestätigt sich der Verdacht auf eine entzündliche Gelenkerkrankung, dann bekomm man eine Überweisung zum Rheumatologen. Dort wird genau geschaut, welche Form der Krankheit vorliegt, wie weit sie fortgeschritten ist und so weiter. 

Hilfe und Therapie

Der größte Teil rheumatischer Erkrankungen verläuft chronisch. In nur zehn Prozent aller Fälle findet eine sogenannte Spontanremission, also Heilung, statt. Das heißt, die Erkrankung und all ihre lästigen Beschwerden verschwinden von selbst und keiner weiß genau, warum. Die meisten Betroffenen müssen ihre Krankheit stattdessen regelmäßig behandeln lassen. Nicht, um Rheuma zu heilen. Das ist trotz intensiver Forschung bisher noch nicht möglich. Die Krankheit zerstört nach und nach Gelenke und Organe. Diesen Prozess kann man mit der richtigen Behandlung aber aufhalten oder zumindest abbremsen. Das lindert auch die Schmerzen.

Behandlung mit Biologika

Eine Untergruppe der Basismedikamente dafür sind die Biologika, also Medikamente, die über Zellen hergestellt werden. "Biologika produzieren spezifisch entzündungshemmende Eiweiße", erklärt Kinderrheumatologe Dr. Anton Hospach. "Damit ist es möglich, dass die Erkrankung relativ früh in der Entzündungskaskade bekämpft werden kann. Und wir haben damit erstmals die Möglichkeit, relativ rasch zu einer sogenannten Remission, zu einem entzündungsfreien Zustand zu kommen."

Die Behandlung von Rheuma ist ein Mix aus Medikamenten gegen Schmerzen und Entzündung, aus Bewegung, Physiotherapie aber auch Beratung und Begleitung. Wichtig ist, die Gelenke mobil also beweglich zu halten. Ist die Krankheit weit fortgeschritten, kann es nötig sein, ein zerstörtes Gelenk durch ein künstliches zu ersetzen. [...] Oberstes Ziel aller Behandlungen ist, eine möglichst große und schmerzfreie Beweglichkeit des Patienten zu erhalten.

Heike Herbst | Geschäftsführerin der Rheuma-Liga Sachsen e.V.

Ernährung umstellen

Häufig ist die Umstellung der Ernährung hilfreich bei der Behandlung von Rheuma: Wenig Fleisch und Fleischprodukte, Alkohol und Nikotin meiden, pflanzliche Öle und Fette bevorzugen. Wer vornehmlich oder völlig vegetarisch lebt, hat als Rheumakranker unbestreitbare Vorteile. Diese Form der Ernährung ohne Fleisch vermeidet eine Anzahl von Substanzen, die die Entzündungen im Körper fördern.

Mit Bewegung gegen die Krankheit

Akut entzündliches Gelenkrheuma wird grundsätzlich mit schmerzlindernden und entzündungshemmenden Medikamenten behandelt. In der Langzeittherapie werden andere Medikamente eingesetzt (Basistherapeutika), die langfristig Entzündungsprozesse im Körper eindämmen oder stoppen sollen. Daneben spielen ergänzende Therapien eine wichtige Rolle: Krankengymnastik und Bewegungstherapie sind unabdingbar. Nur so können Mobilität, Lebensqualität und Selbständigkeit so lange wie möglich erhalten werden. Beratung und Angebote bekommen Sie unter anderem bei der Rheuma-Liga, Deutschlands größter Selbsthilfeorganisation, die eng mit Ärzten und Therapeuten zusammenarbeitet. Aber natürlich kann Ihnen auch Ihr Arzt weiterhelfen. Allerdings übernehmen die Krankenkassen nicht alle Kosten.

Wir raten allen Betroffenen, die Krankheit anzunehmen, zu akzeptieren. Sie müssen sich selbst informieren, mit andern Betroffenen reden, nach neuen Behandlungsformen schauen. Dann kann man ein Leben auch mit der Rheumatoiden Arthritis in der Regel gut meistern.

Heike Herbst | Geschäftsführerin der Rheuma-Liga Sachsen e.V.

Eine Gruppe von Menschen betreibt Gymnastik am Boden
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Hilfsmittel für den Alltag

Eine Vielzahl hilfreicher Alltagsgegenstände können die Lebensqualität einer an Rheuma erkrankten Person deutlich verbessern.

  • Orthopädische Schuhe und Einlagen sollen die Fußstellung im Schuh verändern und so die Fußgelenke entlasten.
  • Verschiedene Gehhilfen, Gehstöcke, Gehgestelle und Rollatoren
  • Es gibt Besteck mit besonders großen Griffen aus Gummi oder Schaumstoff. Mit ihnen fällt das Schneiden leichter.
  • Speziell geformte Dosen- und Flaschenöffner
  • Anziehhilfen für Strümpfe und Hosen
  • Für die Körperpflege gibt es diverse Hilfsmittel.


Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) kann die Kosten für Hilfsmittel bis auf einen begrenzten Eigenanteil übernehmen. Voraussetzung dafür ist, dass das Hilfsmittel vom Arzt verordnet und von der Krankenkasse genehmigt wurde. Nachfragen lohnt sich.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 11. Dezember 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2019, 22:42 Uhr

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