Vor 70 Jahren geboren Wie Rio Reiser eine ganze Generation geprägt hat

Am 9. Januar 2020 wäre Rio Reiser siebzig Jahre alt geworden. Lieder wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht", "Keine Macht für Niemand" und der "Rauch-Haus-Song" seiner Band Ton Steine Scherben sind heute noch ebenso bekannt wie "König von Deutschland" und "Junimond" aus seiner Solozeit. Eine Erinnerung an den Freigeist, der 1996 gestorben.

Rio Reiser
Mit seinen Liedtexten hat sich Rio Reiser ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Bildrechte: imago images/Votos-Roland Owsnitzki

Anfang der 70er-Jahre lieferten Ton Steine Scherben den Soundtrack für den Aufstand der Jugend. Auf den Demonstrationen wurden ihre Lieder skandiert. Auf den Häuserwänden ihre Songtitel gesprüht. Im Mittelpunkt der Texter, Sänger und Kopf der Band: Rio Reiser.

Kompromissloser als die Scherben, wie sie von ihren Fans kurz genannt wurden, konnte man die Wut gegen das alte Westdeutschland nicht herausschreien. So wurde zum Beispiel der "Rauch-Haus-Song" eine Kampfeshymne der Westberliner Hausbesetzer.

Die Pleite erneuert den Sound

Die kompromisslose Stärke der Scherben war auch ihre Schwäche. Man wollte nicht in die Falle des kapitalistischen Lebens tappen und brachte die Alben der Band im David-Volksmund-Selbstverlag heraus. Niemand sollte sich an der Musik bereichern. Mitte der Siebziger waren die Scherben hoch verschuldet. Und hatten auch keine Lust mehr, wie sie sagten, die Jukebox der linken Bewegung zu sein und zogen nach Fresenhagen in Nordfriesland. Das Geld dafür pumpten sich Rio Reiser und die Scherben. Mit dem Landleben veränderte sich der Sound der Band. Der klotzige Agitprop machte Platz für weichere Töne.

Die Scherben wurden aber auch in Fresenhagen ihre Schulden nicht los. Die Band löste sich unter dem ständigen Druck auf. Rio Reiser machte solo weiter. Sein erstes Album 1985 war so erfolgreich, dass Rio Reiser das erste Mal schuldenfrei war. Dafür warfen ihm die Fans nun kommerziellen Ausverkauf vor.

Rio Reiser
Mit seinem ersten Soloalbum war Rio Reiser endlich schuldenfrei. Bildrechte: imago images/teutopress

Rio Reiser strahlte Kraft und Macht aus, die er vom Publikum bekam, und er gab sie wieder zurück.

Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten über Rio Reiser

Erfolgreich in West und Ost

Reiser war schon in den Achtzigern wirklich der musikalische König von ganz Deutschland. Denn als einer der ersten Musiker war er der Musikszene der DDR verbunden. 1988 ist Rio Reiser in Ostberlin in der Werner-Seelenbinder-Halle aufgetreten. Die Fans aus der DDR kannten seine Lieder, er war ein Held in beiden Teilen Deutschlands.

Mit seinen Songs ist er bis heute einflussreich. Als Freigeist. Der sich von keiner Bewegung einkaufen ließ. Als geradliniger Mensch. Der sich als homosexuell outen konnte, ohne dass es überhaupt ein großes Thema wurde. Der als Texter bis heute den Pfad geebnet hat, auf dem ihm so viele folgen konnten. Der eine schnoddrige wie emotional hochaufgeladene Art zu singen in die deutsche Musik einbrachte, wie es sie zuvor nicht gegeben hatte. Vor und nach Rio Reiser sind zwei unterschiedliche Zeitalter in der deutschen Rockszene.

Reiser zog seine Energie aus den Fans

Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten schrieb wenige Tage nach seinem Tod einem Nachruf im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Darin hieß es: "Rio Reiser strahlte Kraft und Macht aus, die er vom Publikum bekam, und er gab sie wieder zurück. Charisma ist eine Fähigkeit, die sich nicht erlernen läßt, und sie hat nichts mit Image und bloßer Bühnenpräsenz zu tun. Selbst bei einem banalen Song konnte er irgendein bestimmtes Wort so singen, daß es einem kalt den Rücken runterlief."

Jan Plewka interpretiert Rio-Reiser-Songs – ausgewählte Tourtermine Am 14. Januar in Leipzig im Kupfersaal
Am 15. Januar in Dresden im Staatsschauspiel
Am 31. Januar im Kleist Forum in Frankfurt Oder
Am 28. Mai im Kulturzelt in Weimar

Rio Reiser (1990)
Nicht nur eine Generation hat Rio Reiser mit seinen Liedern geprägt. Er beeinflusst Musikschaffende bis heute. Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2020 | 07:10 Uhr

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