Sorgerechtsstreit Nach Seilbahn-Unglück: Sechsjähriger Überlebender vom Großvater entführt?

Eigentlich hätte der kleine Eitan, der einzige Überlebende des Seilbahn-Unglücks vom Lago Maggiore, am Montag (13.09.) in Pavia seinen ersten Schultag gehabt. Doch am Wochenende wurde er vom Großvater heimlich nach Israel gebracht. Die Verwandten in Italien sind entsetzt und sprechen von "Entführung".

Einsatzkräfte des Bergrettungsdienstes arbeiten nach dem Absturz einer Seilbahngondel an der Unfallstelle.
Eitan war der einzige Überlebende des Seilbahn-Unglücks im Frühjahr. (Archiv) Bildrechte: dpa

Bei dem weltweit aufsehenerregenden Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore hat der kleine Eitan im Frühjahr seine beiden Eltern, den Bruder und zwei Urgroßeltern verloren. Die Anteilnahme am schweren Schicksal des einzigen Überlebenden war groß. Während die körperlichen Verletzungen des Sechsjährigen langsam heilten, entbrannte ein Sorgerechtsstreit um den Vollwaisen zwischen den Verwandten väterlicherseits in Italien und der Familie der Mutter in Israel. Und dieser ist am Wochenende eskaliert: Der Großvater brachte den Jungen entgegen einer richterlichen Anordnung und zum großen Schreck der sorgeberechtigten Tante aus Italien nach Israel.

Großvater bringt Jungen nicht zurück

Aya Biran-Nirko in Italien beschuldigt den Großvater, ihren Neffen entführt zu haben: "Wir machen uns so große Sorgen", sagte die Frau am Sonntag (12.09.) unter Tränen. Eigentlich hätte der Großvater mit dem Jungen nur einen Ausflug machen sollen. Am Abend kamen beide aber nicht zurück zu Biran-Nirko, die von einem Gericht als Vormund für den Jungen bestimmt worden war.

Ermittlungen wegen Kidnappings

Die Staatsanwaltschaft in der norditalienischen Stadt Pavia ermittelt bereits wegen Kidnappings. Zugleich würden internationale Regelungen geprüft, um den Jungen nach Italien zurückzuholen, so der Anwalt von Biran-Nirko. Auch diplomatische Kanäle wurden demnach aktiviert. Vom israelischen Außenministerium heißt es bislang nur, man prüfe den Fall.

Rettungshelfer arbeiten am Wrack einer Seilbahngondel, nachdem diese am Monte Mottarone abgestürzt ist.
14 Menschen kamen beim Seilbahn-Unglück in der Nähe des Lago Maggiore ums Leben. (Archiv) Bildrechte: dpa

Eitan verpasst Einschulung

Die Sorge in Italien ist groß. Die Verwandten fürchten nach der Seilbahn-Katastrophe ein weiteres Trauma für den Jungen. Dabei habe für ihn am Montag mit der Einschulung in die erste Klasse ein neues Leben beginnen sollen. "Sein Bett ist leer, die Spielsachen und Kleider wurden zurückgelassen, sein neuer Schreibtisch, der Schulranzen, die Hefte, Bücher, Federmäppchen...", so die Tante. In Pavia in der Lombardei habe Eitan schon als Säugling gelebt, das sei seine Heimat, fügte sie hinzu.

Israelische Verwandtschaft widerspricht Entführungsvorwurf

Doch genau dem widersprechen Eitans Verwandte in Israel. "Wir haben Eitan nach Hause zurückgebracht", sagte Gali Peleg, die Schwester von Eitans Mutter, israelischen Medien. "Wir haben Eitan nicht entführt, wir werden dieses Wort auch nicht verwenden." Der Junge sei der in Israel lebenden Familie "unrechtmäßig entzogen" worden, er stehe ihr und der Familie der Mutter näher als der Tante in Italien. "Bei dem Treffen hier hat er vor Rührung geschrien und gesagt: Endlich bin ich in Israel", so Peleg.

14 Tote bei Seilbahnunglück

Eitan hatte im Frühjahr als Einziger den Seilbahn-Unfall auf dem Monte Mottarone am Lago Maggiore überlebt, bei dem neben seinen fünf Verwandten noch neun weitere Menschen starben. Ein Zugseil war gerissen, die Notbremsen waren bisherigen Ermittlungen zufolge blockiert, sodass die Gondel talwärts rauschte, an einer Seilbahnstütze aus der Verankerung sprang und zu Boden krachte.

(BRISANT/dpa)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 13. September 2021 | 17:15 Uhr

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