70 Jahre SOS-Kinderdörfer Zum 100. Geburtstag des SOS-Kinderdorfgründers Hermann Gmeiner

BRISANT | 22.06.2019 | 17:10 Uhr

"Redet nicht, tut's was!" - das war das Prinzip von Hermann Gmeiner. Mit Idealismus und Tatkraft gründete der Medizinstudent 1949 den SOS-Kinderdorf-Verein. Seit 70 Jahren finden dort Kinder in Not ein zweites Zuhause.

Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner mit Kindern im Kinderdorf Asomada auf den Kapverdischen Inseln
Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner mit Kindern im Kinderdorf Asomada auf den Kapverdischen Inseln (Foto undatiert). Bildrechte: dpa

Am 23. Juni wäre der Österreicher 100 Jahre alt geworden. Auf Fotos ist Hermann Gmeiner (1919 - 1986) als ein freundlicher, älterer Herr zu sehen. Er strahlt Herzenswärme aus, wie eine Vaterfigur eben, die man sich nur wünschen kann. Doch der Gründer der SOS-Kinderdörfer war bei aller Emotionalität auch Realist und hatte seine Ecken und Kanten. Beizeiten konnte er schon auf den Tisch hauen, wie sich sein Ziehsohn und der heutige Ehrenpräsident der SOS-Kinderdörfer, Helmut Kutin, einmal erinnerte.

Mutter verloren und von der Schulbank in die Wehrmacht eingezogen

Anders wäre es wohl auch kaum möglich gewesen, mit Gleichgesinnten eine weltweite Hilfe für Kinder in Not aufzubauen. Gmeiner entstammte einer kinderreichen, armen Bergbauernfamilie in Alberschwende in Vorarlberg. Schon mit vier Jahren verlor er seine Mutter und musste früh im Haus mit Hand anlegen. Dennoch setzte der Junge durch, ein Gymnasium besuchen zu dürfen. Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Von der Schulbank ging es 1940 zur Wehrmacht. Als Gebirgsjäger tat Gmeiner Dienst an der Ostfront. Sechsmal wurde er verwundet, bei Kriegsende lag er im Heimatlazarett Bregenz.

Schicksal eines Jungen ist Schlüsselmoment für Idee der Ersatzfamilie

Erst 1948 konnte der inzwischen 29-Jährige die Matura ablegen und Medizin in Innsbruck studieren. Nebenbei war Gmeiner immer in der katholischen Jugendbewegung tätig und lernte dort die Not und Verlassenheit der Nachkriegsjugend kennen. Schon 1947 hatte er eine Jugendgruppe gegründet. Damals ging ihm besonders das Schicksal eines ihm anvertrauten Jungen nahe. Der hatte nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit seinen Eltern versucht, sich das Leben zu nehmen. Gmeiner ließ die Sache nicht los. Er entwickelte einen Plan, um elternlosen, von den Müttern verlassenen Kindern oder aus zerrütteten Ehen stammenden Kindern ein neues Zuhause durch Ersatzfamilien zu schaffen.

SOS Kinderdorf steht auf einem Schild
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Vor 70 Jahren - Gründer des SOS-Kinderdorf e. V.

Ich weiß nichts Besseres, einem Kind zu helfen, als ihm eine Mutter zu geben, Geschwister zu geben, ein Haus, ein Dorf zu geben.

Hermann Gmeiner Gründer der SOS-Kinderdorf e. V.

Das ist das Prinzip Gmeiners. Mit Gleichgesinnten gründete er 1949 den Verein SOS-Kinderdorf. Aus mühsam zusammengetragenen Spenden konnte noch im selben Jahr der Grundstein für das erste SOS-Kinderdorf in Imst in Tirol gelegt werden mit dem "Haus Friedens" als erstem Bau. Das Medizinstudium ließ Gmeiner daraufhin sausen. Zwar besuchte er bis 1951 noch Vorlesungen der Philosophischen Fakultät Innsbruck, doch ansonsten widmete er sich der Umsetzung seiner Idee.

Weltweites Sozialnetzwerk entsteht

Aus seiner Initiative entstand ein weltweites Sozialnetzwerk, das 1986 bei einem Tod mehr als 225 Kinderdörfer zählte. Die Abkürzung "SOS" stand nicht für das bekannte Notsignal, sondern für "Societas Socialis" (Soziale Gemeinschaft). Heute ist die nun 70 Jahre alte Organisation in 135 Ländern tätig und unterstützt mehr als 1,5 Millionen Kinder und Erwachsene. Die Zahl der Kinderdörfer ist auf 572 gestiegen. Dazu kommen mehr als 2.100 weitere Projekte wie Kindergärten, Jugendeinrichtungen, Schulen, Ausbildungs-, Sozial- und medizinische Zentren. Auch in Kriegs- und Katastrophenregionen ist das Hilfswerk präsent. Dabei sagte Gmeiner schon zu Lebzeiten:

Ich kann gar nicht glauben, dass wir so groß geworden sind.

Hermann Gmeiner Gründer der SOS-Kinderdorf e. V.

Gmeiner: "Redet nicht, tut's was!"

Seinem Prinzip "Redet nicht, tut's was!" fühlt man sich bis heute verpflichtet. Gmeiner erhielt für seinen Einsatz Ehrungen in Deutschland und Österreich, außerdem war er Träger des Komturkreuzes des päpstlichen Ordens vom heiligen Gregorius. Aber er war sich auch seiner zahlreichen Unterstützer bewusst, wenn er sagte: "Gutes tun ist leicht, wenn viele helfen!" Zweimal wurde der Österreicher für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Der Glaube und das Gute im Menschen, so wusste er, entscheiden über Krieg und Frieden:

Ein Beschäftigter füttert auf dem Hof des SOS-Kinderdorf Bockum eine Kuh
Bildrechte: dpa

All unser Bemühen um das im Stich gelassene Kind muss letzten Endes auch als Beitrag zum Frieden verstanden werden.

Hermann Gmeiner Gründer des SOS-Kinderdorf e. V.

Gmeiner erlag mit 66 Jahren 1986 einem Krebsleiden. Begraben wurde er, seinem Wunsch folgend, auf dem Gelände des Kinderdorfes in Imst. Dort erinnert auch eine Gedenkstätte an sein Wirken.

Quelle: KNA

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 22. Juni 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2019, 18:03 Uhr

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