"Overtourism" So reagieren Europas Top-Reiseziele auf Massentourismus

BRISANT | 12.08.2019 | 17:15 Uhr

Overtourism ("Übertourismus") ist ein Schlagwort in der Reisebranche. Vor allem Top-Reiseziele leiden unter dem Ansturm und ziehen Konsequenzen. So muss man sich künftig für einen Besuch in Venedig sogar voranmelden.

Dubrovnik, 2015
Ein Blick auf die kroatische Stadt Dubrovnik. (Archiv) Bildrechte: imago/Panthermedia

Riesige Kreuzfahrtschiffe, die dem fragilen Fundament der Lagunenstadt schaden, Touristenmassen, die sich durch enge Gassen drängen: Im Sommer 2017 demonstrierten mehrere tausend Venezianer gegen die "Enteignung" ihrer Stadt durch den Massentourismus - und gingen dabei im Trubel der Touristen beinahe unter.

Reisezahlen steigen

Die Zahl der Touristen steigt seit Jahrzehnten. Im Jahr 2017 wurden nach Angaben der World Tourism Organisation UNWTO weltweit mehr als 1,3 Milliarden grenzüberschreitende Reiseankünfte gezählt. 1950 waren es noch 25 Millionen. Die Deutschen sind ganz vorne mit dabei: Gemeinsam mit China und den USA war Deutschland 2017 eines der Länder mit den höchsten internationalen Tourismusausgaben. Besonders touristische Hotspots leiden zunehmend unter dem Besucheransturm.

Venedig kostet Eintritt

Venedig hat inzwischen Konsequenzen gezogen: Den größten Kreuzfahrtschiffen soll die Zufahrt verweigert werden. Tagestouristen, die über Venedigs Brücken flanieren wollen, müssen schon seit Mai einen Obulus von drei Euro entrichten. Im nächsten Jahr steigt der Eintritt auf sechs Euro Eintritt. Danach - je nach Ansturm - auf bis zu zehn Euro. Es sei enorm teuer, Venedig instand und sauber zu halten. Dazu müssten auch Besucher ihren Beitrag leisten, so begründete Bürgermeister Luigi Brunaro die Maßnahme. Ab dem Jahr 2022 sollen Tagestouristen ihren Venedig-Trip sogar vorab buchen. Ohne Vorverkaufsticket müsse man zwar nicht draußen bleiben, der Besuch werde aber komplizierter.

Boote und Gondeln auf dem Canal Grande von Venedig.
Boote und Gondeln auf dem Canal Grande von Venedig. (Archiv) Bildrechte: Colourbox.de

1.000 Euro Strafe fürs Kaffeekochen

Venedig geht deswegen schon länger strikt gegen Touristen vor, die sich danebenbenehmen oder an historischen Plätzen picknicken. Erst Mitte Juli mussten zwei Touristen aus Berlin fast 1.000 Euro Strafe bezahlen, weil sie sich einen Kaffee am Fuße der Rialtobrücke in Venedig gekocht hatten.

Dubrovnik will weniger Kreuzfahrtgäste

Neben Venedig leiden auch andere europäische Metropolen unter dem Massentourismus und ziehen ihre Konsequenzen. Im August 2017 kündigte die kroatische Stadt Dubrovnik einen Plan an, um die Zahl von 10.000 Kreuzfahrtgästen täglich zu halbieren. Die Unesco hatte bereits erwogen der Stadt den Titel "Weltkulturerbe" zu entziehen. Zuvor hatten Wissenschaftler errechnet, dass die schmalen Gassen der Stadt maximal 8.000 Touristen pro Tag verkraften könnten.

Das Kreuzfahrtschiff Neew Amsterdam liegt im Hafen von Dubrovnik.
Ein Kreuzfahrtschiff liegt im Hafen von Dubrovnik. (Archiv) Bildrechte: imago/Marc Schüler

Amsterdam: Strafen, Vorschriften, Gebühren

Urlauber in Amsterdam müssen sich einschränken und bei Verstößen blechen. Führungen durch das Rotlichtviertel De Wallen sind ab kommendem Jahr 2020 komplett verboten. Die Begründung der Stadtverwaltung: Die Touren seien den Prostituierten gegenüber nicht respektvoll. Kreuzfahrt-Passagiere, die in Amsterdam an Land gehen, müssen seit diesem Jahr pro Tag und Kopf acht Euro Steuern zahlen. Und Alkohol trinken auf der Straße, Unrat auf die Straße werfen und Wildpinkeln kann in Amsterdam teuer werden. Die Strafen kassieren Ordnungshüter an Ort und Stelle - per Kartenlesegerät.

Kein Kofferrattern mehr in Rom?!

In Rom dürfen Touristen nicht mehr auf der berühmten Spanischen Treppe sitzen und La Dolce Vita genießen. Polizisten vertrieben am vergangenen Dienstag (06.08.) mit Trillerpfeifen Besucher, die sich auf den berühmten Marmorstufen im historischen Zentrum der italienischen Hauptstadt ausruhen wollten. Der Stadtrat hatte im Sommer einen Erlass verabschiedet, der es untersagt, sich auf Monumente zu setzen. Bei Zuwiderhandlungen drohen Strafen von bis zu 400 Euro. Verboten wurden auch weitere Verhaltensweisen, die den Stadtverantwortlichen ein Dorn im Auge sind - etwa das Baden in Brunnen und das Spazierengehen ohne T-Shirt oder Hemd. Auch das ratternde Rollkoffer-Ziehen treppab und treppauf ist verboten. Rom will damit die Auswirkungen des Massentourismus unter Kontrolle bringen.

Wenn Touristen zum Problem werden

Blick vom Turm des Altstädter Rathauses auf die Altstadt von Prag. Touristen warten vor der Rathausuhr auf den Stundenschlag.
Wenn sie einfallen, wird es laut, teuer und eng – Touristen. Mehr als 20 Millionen Reisende haben im vergangenen Jahr in Tschechien übernachtet. Das ist neuer Rekord! Bildrechte: dpa
Blick vom Turm des Altstädter Rathauses auf die Altstadt von Prag. Touristen warten vor der Rathausuhr auf den Stundenschlag.
Wenn sie einfallen, wird es laut, teuer und eng – Touristen. Mehr als 20 Millionen Reisende haben im vergangenen Jahr in Tschechien übernachtet. Das ist neuer Rekord! Bildrechte: dpa
Prag
Urlauber-Hotspot ist die Hauptstadt Prag mit jährlich 7,9 Millionen Übernachtungen. Dank Billigfliegern und Airbnb zieht es immer mehr Touristen in die "Stadt der hundert Türme" mit ihren verwinkelten Gassen, gotischen Kirchen und hippen Bars. Bildrechte: imago images / Mint Images
Viele Touristen auf der Karlsbrücke in der tschechischen Hauptstadt Prag,
Das beschert der Branche glänzende Umsatzzahlen und Arbeitsplätze, bringt jedoch auch Probleme mit sich: volle Straßen, laute Partytouristen, Junggesellenabschiede an 365 Tagen im Jahr. Die meisten ausländischen Besucher sind Deutsche. Sie machen 19 Prozent aller Touristen aus. Bildrechte: dpa
Touristen in Prager Altstadt
Überraschend ist aber der Anstieg der chinesischen Prag-Besucher. 2017 haben sie im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent zugelegt. Bei den ausländischen Besuchern belegen Chinesen den vierten Platz hinter Slowaken und Polen. Der Tourismus boomt. Bildrechte: dpa
Tourist mit Segway in Prag
Um den Urlaubermassen und ihren unliebsamen Nebenwirkungen etwas entgegenzusetzen, hat Prag schon vor Jahren gefährliche Elektroroller aus der Altstadt verbannt, diskutiert Sperrstunden für Bars und will die Vermietung von privatem Wohnraum beschränken. Bildrechte: dpa
Kettenbruecke, Parlament, Donau, Budapest
Auch im ungarischen Budapest kennt man die Schattenseiten von Massentourismus. Nicht nur wegen dieses Fotomotivs zieht es jedes Jahr etwa sieben Millionen Menschen in das "Paris des Ostens", wie Budapest gern betitelt wird. Bildrechte: imago/Schöning
Das Széchenyi-Heilbad in Budapest mit vielen Badegästen.
Anziehungspunkte für Touristen sind die Thermalbäder, das Burgviertel und das neugotische Parlamentsgebäude. Bildrechte: IMAGO/robertharding
Touristen gehen  über die Kettenbrücke in Budapest.
Wegen des wachsenden Zustroms von Urlaubern findet Budapest einen Platz unter den Top 5 Städten Europas, die am meisten von "Overtourism" betroffen sind, so das Online-Portal Statista. Gemeint sind Städte, die durch die schieren Massen überquellen und zum Teil überfordert sind. Bildrechte: dpa
Eine Touristin lässt ein Foto von sich machen vor einem ungarischen Soldaten machen.
Zunehmende Reiselust ist allerdings ein weltweites Phänomen. So ist die Zahl der Touristen insgesamt gestiegen. 2017 gab es auch in Mittel- und Osteuropa im Vergleich zum Vorjahr sechs Prozent mehr Touristen, so die Welttourismus-Organisation (UNWTO). Bildrechte: IMAGO/photothek
Dubrovnik, 2015
Auch Kreuzfahrten kurbeln diesen Trend an. Im Sommer wird die kroatische Hafenstadt Dubrovnik Tag für Tag von Touristen überrannt. Bildrechte: imago/Panthermedia
Touristen in der Altstadt von Dubrovnik
An die 20.000 Besucher drängeln sich von früh bis spät in der Altstadt, die vor 40 Jahren (1979) in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden ist. Bildrechte: imago/Eibner Europa
Eine junge Frau im Kostüm auf einem Nachbau des Iron Throne aus Game of Thrones in Dubrovnik
Seit Dubrovnik 2011 Kulisse für die amerikanische Fantasy-Serie "Games of Thrones" war, sind die Besucherzahlen noch einmal in die Höhe geschnellt. Bildrechte: IMAGO
Die Kreuzfahrtschiffe Costa Classica und Nieuw Amsterdam liegen im Hafen von Dubrovnik.
Täglich laufen bis zu zehn Kreuzfahrtschiffe mit insgesamt 10.000 Touristen gleichzeitig in den Hafen von Dubrovnik ein. Die Stadt kassiert dafür zwar Liegegebühren, die Kreuzfahrttouristen geben dafür aber kaum Geld in der Stadt aus, weil sie auf ihren Schiffen verpflegt werden. Bildrechte: imago/Marc Schüler
Touristen in Dubrovnik
Doch nun reicht es den Einwohnern Dubrovniks und der Stadtverwaltung. Die Anzahl der Touristenbusse, die in die Stadt fahren dürfen, wurde bereits stark eingeschränkt. Zudem soll ein Leitsystem, dass den Touristen mittels Kordeln und Schildern eine Besichtigungsroute vorgibt, eingeführt werden. Bildrechte: imago/Pixsell
Das Kreuzfahrtschiff Neew Amsterdam liegt im Hafen von Dubrovnik.
Ab diesem Sommer dürfen nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe am Tag in den Hafen einlaufen. Bildrechte: imago/Marc Schüler
Dubrovnik, 2013
Und noch etwas ist fest eingeplant: Am Rand der Altstadt soll schon bald ein für Touristen gesperrtes Gebiet geschaffen werden. Nur die Einwohner Dubrovniks sollen Zugang haben. Unter anderem werden auf dem Areal eine Arztpraxis, ein Café sowie ein Park mit einem Kinderspielplatz entstehen. Hier können die Bewohner der Altstadt Dubrovniks - fernab der Touristenströme - dann auch in der Hochsaison mal unter sich sein.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "artour" | 14.06.2018 | 22.05 Uhr.
Bildrechte: imago/allOver
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Quelle: br24, tagesschau, dpa

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 12. August 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2019, 18:24 Uhr

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