Zum 80. Geburtstag der Sängerin Tina Turners harter Weg zur Queen of Rock

"Simply the Best", "Private Dancer" oder "What's Love Got to Do With It" – so gut wie jeder kennt die Millionenhits der amerikanischen Sängerin Tina Turner, die bereits Anfang der Sechzigerjahre an der Seite ihres späteren Mannes Ike Turner zum Star aufstieg und dafür einen hohen Preis zahlen musste. Am Dienstag wird Tina Turner, Rock 'n' Roll-, Soul- und R&B-Ikone, 80 Jahre alt. Eine Frau, die ihren Mann verließ – und sich damit das Leben rettete.

Tina Turner
Tina Turner: Rock 'n' Roll- und Soul-Ikone Bildrechte: imago/ZUMA Press

Eine Theorie besagt, dass Ike Turner Angst hatte. Dass sich seine Angst bereits an jenem Tag anno 1960 manifestiert hatte, als er seine Band Ike Turner & The Kings of Rhythm in The Ike & Tina Turner Revue umbenannte. Dass Ike sich fürchtete, weil er nicht mehr Ike Turner war, der schärfste schwarze Gitarrist seiner Zeit, der mit dem Song "Rocket 88" knapp zehn Jahre zuvor den Rock ’n’ Roll erfunden hatte. Sondern nur noch der Mann an der Seite der jungen Frau, auf die sich jetzt die Augen des Publikums richteten. Und dass ihm deshalb gelegentlich die Hand ausrutschte, wie er später wenig reuevoll einräumte. Soweit die eine Theorie: dass Ike Turner eigentlich ein armer Wicht war, der nicht anders mit seinen Ängsten umgehen konnte.

Zweimal die Nase gebrochen

Das amerikanische Pop-Duo Ike und Tina Turner bei einem Auftritt 1966.
Ike und Tina Turner, 1966 Bildrechte: dpa

Die andere Theorie lautet, dass Ike Turner, der hagere Bandleader mit dem Goldkettchen und dem Porno-Schnäuzer, ein übler Dreckskerl und Frauenschläger war. Aber es gibt keine Theorie ohne Fakten, und Ike Turner hatte seiner Frau Tina während ihrer Ehe nachweislich mindestens zweimal die Nase gebrochen. Tina Turner, die in St. Louis, Missouri, mit blutjungen 17 Jahren erstmals für ihn gesungen, Tina Turner, die den Superhit "Nutbush City Limits" geschrieben, Tina Turner, von der sich Mick Jagger 1966 in London die Stage-Moves abgeguckt hatte. Tina Turner, die ihren kehligen Shouter-Stil, der Ike und seiner Gitarre den Schneid abkaufte, so beschrieb: "Ich wollte nie, nun ja, feminin klingen, so wie die Girl-Group-Sängerinnen, die damals angesagt waren. Anfangs hatte Ike fast nur Männer als Vokalisten, und so wie sie wollte ich auch klingen. Und als ich dann für ihn sang, orientierte ich mich an Sängern wie Ray Charles oder Sam Cooke."

Ich hatte eigentlich nie weibliche Vorbilder.

Tina Turner

80. Geburtstag Die Leben der Tina Turner

Ike Turner und Tina Turner 1973
1958 lernt Tina Turner, damals noch Anna Mae Bullock, den Songschreiber und Gitarristen Ike Turner kennen. Er gibt ihr den Künstlernamen "Tina Turner". Die beiden heiraten 1962, mit der "Ike & Tina Turner
Revue" werden sie in den 60er-Jahren berühmt und treten sogar als Vorgruppe der Rolling Stones auf.
Bildrechte: imago images/Mary Evans
Ike Turner und Tina Turner 1973
1958 lernt Tina Turner, damals noch Anna Mae Bullock, den Songschreiber und Gitarristen Ike Turner kennen. Er gibt ihr den Künstlernamen "Tina Turner". Die beiden heiraten 1962, mit der "Ike & Tina Turner
Revue" werden sie in den 60er-Jahren berühmt und treten sogar als Vorgruppe der Rolling Stones auf.
Bildrechte: imago images/Mary Evans
Tina Turner
Doch ihre Ehe ist alles andere als glücklich: Ike schlägt und misshandelt Tina. Nicht selten steht sie mit frisch überschminkten Verletzungen auf der Bühne. 1976, mit Mitte 30, trennt sie sich endgültig von ihm, die Scheidung ist 1978 rechtskräftig. Bildrechte: imago images/Horst Rudel
Tina Turner
Ein zweites Leben beginnt, Tina Turner versucht solo erfolgreich zu sein. Das gelingt nicht sofort, doch ein neuer Manager und Freunde, wie die "Rolling Stones" und David Bowie helfen ihr auf dem Weg nach oben. Bildrechte: imago images/MediaPunch
Tina Turner
Mitte der Achtziger kommt der kometenhafte Aufstieg: Der Song "Let's Stay Together" von 1983 wird in Europa zum Hit. Bildrechte: imago images/Mary Evans
Tina Turner
Das Lied "What's Love Got To Do With It"  auf dem Album "Private Dancer" von 1984 wird Tina Turners größter Hit überhaupt. Bildrechte: imago/ZUMA Press
Tina Turner als Entity in Mad Max 3
1985 spielt Tina Turner die Rolle der Entity im Film "Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel" und steuert auch den Titelsong "We Don't Need Another Hero" zum Film bei. Bildrechte: imago/United Archives
Tina Turner
Die die blonde Löwenmähne, Minirock, Stöckelschuhe und knallrot geschminkte Lippen werden auf der Bühne zu ihrem Markenzeichen. Bildrechte: imago images/Brigani-Art
Tina Turner
1996 singt Tina Turner mit "Golden Eye" das Titelstück zum gleichnamigen James-Bond-Film. Bildrechte: imago images/Brigani-Art
Tina Turner mit ihrem Lebensgefährten Erwin Bach 2011
2013 heiratet Tina Turner ihren langjährigen Lebensgefährten Erwin Bach aus Deutschland. Im gleichen Jahr erleidet sie einen Schlaganfall, 2016 erkrankt sie an Darmkrebs. Einen Nierenschaden überlebt sie 2017 Dank einer Organspende ihres Mannes. 2018 folgt ein weiterer Schicksalsschlag: Ihr ältester Sohn Craig ist schwer depressiv und begeht Suizid. Bildrechte: imago images/Mandoga Media
Tina Turner und Adrienne Warren 2019
Zu ihrem 80. Geburtstag ist das Musical "Tina – The Tina Turner Musical" in Deutschland zu sehen. Das Bild zeigt Tina Turner (links) 2019 mit Musical-Darstellerin Adrienne Warren als ihr jüngeres Ich. Bildrechte: imago images/PA Images
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 Wiederauferstehung als Rock-Diva

Kaum zu glauben, dass diese Frau nach ihrer Flucht vor Ike Turner aus dem Hilton in Dallas, Texas im Juli 1976 erst sechs Jahre später wieder einen neuen Plattenvertrag in den USA abschließen konnte. Und sich vom 60s-Pop-Star in die schwarze Rock-Diva der Achtziger verwandelte: mit Millionenhits wie "Private Dancer", "What’s Love Got to Do With It", "We Don’t Need Another Hero" oder "Simply the Best" – Soul-Schlager für die ganz großen Arenen, in denen sie als Mischung aus Etta James und weiblichem Bruce Springsteen wiederauferstand.

Tour durch Talkshows

Rette sich wer kann das Leben. In einem Interview aus dem Jahr 1993 kann man Tina Turner sehen, wie sie sich den Fragen eines Fernsehmoderators stellt. Dann wird er eingeblendet: der einst so große Ike Turner, tatsächlich zum Wicht geworden, auf seiner allerletzten Welttournee, die nicht über die großen Bühnen, sondern durch eine Talkshow nach der anderen führte; in denen er, wie auch diesmal, stammelnd davon schwadronierte, na ja, er habe ihr ab und zu halt mal eine reingehauen, passiert doch schon mal, eine Lebenslüge hätten sie gelebt, und überhaupt, ach was – ein ernüchterndes Beispiel dafür, dass das, was man auch heute noch amtssprachlich häusliche Gewalt nennt, unausweichlich in Wahn und Selbstzerstörung endet. Man kann es nicht genau erkennen, aber vielleicht flackert so etwas wie Mitleid über Tina Turners Miene, ehe sie antwortet, und auch das darf man getrost als Akt der Emanzipation verstehen. "Ich werde ganz bestimmt nicht anfangen", sagt sie, "mich mit Ike Turner via Satellit zu streiten."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. November 2019 | 08:10 Uhr

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