Geimpft / nicht geimpft Triage-Debatte: Demnächst Nachteile für Ungeimpfte?

Angesichts der vierten Corona-Welle arbeiten viele Kliniken in Deutschland am Limit. Steigt die Zahl der Neuinfektionen weiter, müssen die Ärzte bald priorisieren, wer zuerst behandelt wird. Die Frage, ob der Corona-Impfstatus von Patienten bei einer sogenannten Triage eine Rolle spielen darf, wird bereits intensiv diskutiert.

Intensivpfleger laufen in der Corona-Intensivstation über den Gang während im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift "Stop Covid-19" an der Tür zu sehen ist.
Immer mehr Intensivstationen in Deutschland kommen an die Belastungsgrenze. (Archiv) Bildrechte: dpa

Die zunehmende Wucht der vierten Corona-Welle trifft die Krankenhäuser in Deutschland immer härter. Die Intensivstationen sind laut Mediziner-Vereinigung Divi etwa in Bayern, Thüringen, Sachsen und einigen Ballungszentren bereits vielfach überlastet. Angesichts immer neuer Rekorde bei den Infektionszahlen wird der Ruf nach tiefgreifenden Maßnahmen wie einer allgemeine Impfpflicht immer lauter.

Merkel: "Bald Grenze der Handlungsfähigkeit"

"Wir haben eine hoch dramatische Situation. Was jetzt gilt, ist nicht ausreichend", wurde die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel am Montag (22.11.) zitiert. "Wir haben eine Lage, die alles übertreffen wird, was wir bisher hatten." Man müsse den exponentiellen Anstieg schnell stoppen, sonst komme man an die Grenze der Handlungsfähigkeit, so Merkel weiter. Gemeint ist damit auch die möglicherweise bevorstehende Triage in vielen Krankenhäusern. Also die Auswahl von Patienten, wenn nicht ausreichend Behandlungskapazitäten für alle zur Verfügung stehen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Podium.
Die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel warnt vor einer Corona-Lage, die alles übertreffen wird. (Archiv) Bildrechte: dpa

Debatte um Impfstatus

Der Impfstatus von Patienten könnte dabei nach Meinung von Experten eine Rolle spielen. So fordert beispielsweise die Medizinethikerin Annette Duffner eine politische Klärung der Frage, ob geimpfte Patienten ungeimpften vorgezogen werden sollen, wenn die Kliniken zu einer Triage übergehen müssen. "Unter dem Strich glaube ich, dass sich die Beachtung des Impfstatus in einer überfüllten Intensivstation durchaus argumentieren ließe", sagte die Bonner Professorin Mitte November der "Rheinischen Post".

Was ist eine Triage? "Triage" kommt aus dem Französischen und bedeutet "Auswahl" oder "Sichtung". Ursprünglich wurde der Begriff für die Militärmedizin in Feldlazaretten entwickelt, um rasch entscheiden zu können, welcher Verletzte zuerst behandelt wird. Eine Entscheidung, die damals nicht aufgrund der Schwere einer Verletzung getroffen wurde. Geholfen wurde zunächst denjenigen, die die besten Chancen auf eine rasche Genesung hatten, um schnell wieder fit für den Krieg zu sein.

Heute wird anders entschieden: In einer Notaufnahme werden Menschen, denen es besonders schlecht geht, auch besonders dringlich behandelt. Es sei denn, es mangelt an Zeit, Personal und Materialien, sodass eine angemessene Versorgung aller nicht möglich ist. In solchen Situationen dient die Triage dazu, Behandlungsentscheidungen so zu treffen, dass möglichst viele Menschen überleben.

Politische Grundlage für Triage

Die Auswahl der Patienten hänge zum einen davon ab, wie breit das Solidaritätsprinzip zu verstehen sei, so Duffner. Zum anderen gehe es darum, wie die Motivation der Menschen zu bewerten sei, die sich nicht impfen lassen. Alkoholikern werde man eine Transplantationsleber wegen des Suchtcharakters ihrer Erkrankung nicht vorenthalten. Es sei jedoch zu fragen, ob die Angst vor Impfschäden einen ähnlichen Charakter habe oder nicht. "Ultimativ sollten derartige Entscheidungen auf politischem Weg gefällt werden", fordert die Medizinethikerin.

Dringlichkeit sei entscheidend

Doch es gibt auch Gegenstimmen: Der Medizinethiker Jochen Vollmann vertritt die Ansicht, dass der Impfstatus "kein Entscheidungskriterium bei der Zuteilung begrenzter Ressourcen im Gesundheitswesen" sein dürfe. Bei gleicher Dringlichkeit sei aus medizinethischer Sicht entscheidend, welchem Patienten in der akuten Notsituation eine intensivmedizinische Behandlung am meisten helfen würde, so Vollmann in der "Rheinischen Post". "Ein ethisches Dilemma wird eine solche Situation immer bleiben", sagte der Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum weiter.

Ein Covid-19-Patient liegt an ein ECMO-Gerät angeschlossen auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik. Das Gerät übernimmt die Funktion der Lunge, es tauscht Kohlendioxid aus dem Blut reichert es mit Sauerstoff an. Dafür werden pro Minute fünf Liter Blut durch das Gerät gepumpt​. Aufgrund der steigenden Corona-Infektionszahlen und der damit stark gestiegene Zahl behandlungsbedürftiger COVID-19-Patienten hat das Universitätsklinikum die Zahl der geplanten Operationen um über 30 Prozent verringert. Damit sollen die Kapazitäten für die Behandlung von COVID-19-Patienten gesichert werden.
Ein Covid-19-Patient wird auf einer Intensivstation behandelt. (Archiv) Bildrechte: dpa

Divi-Chef: "Jeder Notfall wird behandelt"

Die Lage in den Krankenhäusern wird derweil immer dramatischer. Sie sei sehr besorgniserregend und momentan nicht unter Kontrolle, sagt der Präsident der Divi, Gernot Marx. Mehr als 3.670 Covid-19-Patienten würden nun auf Intensivstationen versorgt - 1.200 mehr als vor einer Woche. Die Überlastung in den betroffenen Regionen mache Verlegungen in den jeweiligen Bundesländern und die Verschiebung planbarer Operationen notwendig. Bei anhaltendem Corona-Wachstum werde eine Priorisierung von Eingriffen in weiten Teilen Deutschlands notwendig. Marx betont jedoch: "Jeder Notfall und jeder Covid-19-Patient wird versorgt."

(BRISANT/dpa/afp/epd)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 23. November 2021 | 17:15 Uhr

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