Verbrechen Rätselhafte Vermisstenfälle: Wenn Kinder einfach verschwinden

Etwa 99 Prozent der vermissten Kinder kehren wohlbehalten zu ihren Eltern zurück. Doch wenige bleiben verschwunden - oft über Jahrzehnte. Einige der rätselhaftesten Vermisstenfälle im Überblick.

Verlassenes Dreirad auf einem Feldweg
99 Prozent der vermissten Kinder kehren wohlbehalten zu ihren Eltern zurück. (Archiv) Bildrechte: IMAGO / CHROMORANGE

Ein spektakulärer Fall aus Österreich ging 2006 um die Welt. Natascha Kampusch wurde 1998 von Wolfgang Priklopil entführt und acht Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Dann gelang ihr die Flucht. Noch am selben Tag warf sich Priklopil vor einen Zug.

2009 tauchte die US-Amerikanerin Jaycee Lee Dugard wieder auf. Sie wurde im Alter von elf Jahren auf dem Weg zu einer Schulbus-Haltestelle entführt und 18 Jahre lang von einem Ehepaar gefangen gehalten. Auch ihr gelang die Flucht.

Die Eltern vermisster Kinder hoffen und bangen, dass auch ihre Kinder eines Tages wieder auftauchen. Einige werden nur noch tot gefunden und einige bleiben für immer verschwunden.

Maddie verschwand am 3. Mai 2007

Das britische Mädchen Madeleine "Maddie" McCann verschwindet am 3. Mai 2007 kurz vor ihrem vierten Geburtstag aus der Wohnung ihrer Familie in einer Ferienanlage an der südportugiesischen Algarve-Küste, während ihre Eltern in einem Restaurant zu Abend essen. Trotz großangelegter internationaler Fahndungen und zahlreicher Aufrufe ihrer Eltern wurde der Fall nie aufgeklärt, von Maddie fehlt bis heute jede Spur.

Im Juni 2020 tritt dann eine überraschende Wendung ein: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt bekannt, dass sie in dem Fall Mordermittlungen gegen den Deutschen Christian B. führt. Er ist wegen Sexualdelikten vorbestraft und lebte von 1995 bis 2007 regelmäßig an der Algarve. Mittlerweile ist er in Oldenburg wegen der Vergewaltigung einer 72-jährigen Touristin im portugiesischen Ferienort Praia da Luz in Haft. Seit Mitte April wird B. auch von der portugiesischen Staatsanwaltschaft offiziell wegen Maddies Verschwinden beschuldigt.

Blumen stehen 2007 vor einem Bild der verschwundenen Madeleine McCann.
Blumen stehen 2007 vor einem Bild der verschwundenen Madeleine McCann. Bildrechte: dpa

Rebecca verschwand am 18. Februar 2019

Rebecca übernachtet in der Nacht zum 18. Februar 2019 bei ihrer Schwester und ihrem Schwager im Berliner Stadtteil Britz. Von dort soll sie zur Schule gehen, kommt dort aber nie an. Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen das Haus nicht lebend verließ, sondern getötet wurde. Eine Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Die Polizei nimmt zweimal den Schwager des Mädchens, den 27 Jahre alten Florian R., ins Visier und verhaftet ihn -  das erste Mal schon zehn Tage nach ihrem Verschwinden. Beide Male erhärtet sich der Verdacht für ein Tötungsverbrechen nicht.

Mehrere Wochen lang durchkämmen Polizisten Waldgebiete und konzentrieren sich auf eine Autobahnabfahrt nahe Fürstenwalde. Auch Seen und Ufer werden mit speziell ausgebildeten Hunden abgesucht - ohne Ergebnis.

Peggy verschwand am 7. Mai 2001

Peggys Schicksal zählt zu den rätselhaftesten Vermisstenfällen in Deutschland. Am 7. Mai 2001 verschwindet die damals Neunjährige auf dem Heimweg von der Schule. Erst 15 Jahre später findet ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen - knapp 20 Kilometer von Peggys Heimatort Lichtenberg in Oberfranken entfernt.

Drei Jahre nach ihrem Verschwinden wird der geistig behinderte Nachbar Ulvi K. in einem Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und in die Psychiatrie eingewiesen. Ein Wiederaufnahme-Verfahren spricht den Mann 2015 frei.

Im September 2018 gesteht der 41-jährige Manuel S., Peggys Leiche im Jahr 2001 in ein Waldstück in Thüringen gebracht zu haben. Das Mädchen habe leblos in einem Bushäuschen in ihrem Heimatort Lichtenberg gelegen. Auch ihm kann kein Tötungsverbrechen nachgewiesen werden. Am 6. April 2022 wurden die sterblichen Überreste des Mädchen an einem geheimen Ort beigesetzt.

Pascal verschwand am 30. September 2001

Pascal ist sechs Jahre alt, als er in Burbach, einem Stadtteil von Saarbrücken, verschwindet. An diesem Tag ist Pascal mit seinem Kinderrad in der Nachbarschaft unterwegs. Er wird zuletzt auf einer Kirmes gesehen.

Ein erstes Ermittlungsergebnis kommt rasch. Pascals 18 Jahre alte Stiefschwester aus der ersten Ehe des Vaters soll den Jungen im Streit mit einer Eisenstange erschlagen haben. Zwei andere Mädchen seien dabei gewesen. Sie hätten das Opfer in der Saar versenkt. Doch das Geständnis ist falsch. Die drei Teenager hatten dem Druck der stundenlangen Vernehmung nicht standgehalten und die Tötung von Pascal einfach behauptet.

Das undatiertes Fahndungsfoto der Polizei zeigt den fünfjährigen Pascal Zimmer
Wo ist die Leiche des kleinen Pascal? Bildrechte: dpa

Dann geraten Stammgäste einer kleinen Kneipe, der "Tosa Klause", ins Visier. Unabhängig voneinander gestehen die dreizehn Verdächtigen, Prostituierte und Pädophile, Pascal sexuell missbraucht und dann erstickt zu haben. Die Leiche hätten sie in einer Kiesgrube in Frankreich vergraben. Pascals Leiche wird dort jedoch nicht gefunden. Auch sein Fahrrad taucht nie wieder auf.

Eine der Hauptangeklagten zieht ihr Geständnis zurück. 2007 werden alle Angeklagten freigesprochen. Die Beweise reichen für eine Verurteilung nicht aus. Was in der "Tosa Klause" geschah, ist bis heute unklar. Es gibt keine DNA-Spuren von Pascal am mutmaßlichen Tatort.

Inga verschwand am 2. Mai 2015

Inga verschwindet am 2. Mai 2015 von einer Familienfeier im Diakoniewerk Wilhelmshof bei Uchtspringe im Landkreis Stendal. Am Abend soll ein Grillfest stattfinden. Offenbar will die fünfjährige Inga bei der Vorbereitung helfen, bringt Getränke zum Sportplatz und spielt am Waldrand.

Dann verlieren die anderen sie aus den Augen. Hunderte Einsatzkräfte durchkämmen das angrenzende Waldgebiet, auch mit Hubschrauber und Suchhunden - ohne Erfolg. Da der Ort sehr abgelegen liegt, gibt es keine weiteren Anwohner oder Zeugen.

MDR um 4 - Inga
Inga ist seit 2015 verschwunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Debbie verschwand am 13. Februar 1996

Deborah "Debbie" Sassen ist acht Jahre alt, als sie am 13. Februar 1996 nach dem Schwimmunterricht verschwindet. Vom Schuleingang in Düsseldorf-Wersten bis in ihr Elternhaus sind es nicht einmal 1.000 Meter. Weder ihr Schulranzen noch der Turnbeutel oder ein Teil ihrer Kleidung ist je wieder aufgetaucht.

Die Ermittler beginnen mit der bis heute größten Suchaktion der Düsseldorfer Polizei. Taucher steigen zweimal in den zugefrorenen See im Buga-Gelände. Eine Passantin hatte dort Kinder auf dem Eis spielen sehen. Zeichner fertigen nach anderen Zeugenaussagen das Bild eines Mannes, der in einem beigefarbenen Auto an der Schule gewesen sein soll. Er wurde nie gefunden.

Mark van Bommel mit einem Bild der vermissten Debbie Sassen
Debbie Sassen verschwand 1996 im Alter von acht Jahren. Bildrechte: imago/Bernd Müller

Suche wird 30 Jahre lang fortgesetzt

Die Fälle Pascal, Inga und Debbie sind mittlerweile "Cold Cases". Das sind Fälle, die nach einem Jahr noch nicht gelöst werden konnten. Die Ermittlungen werden in solchen Fällen nicht eingestellt, vielmehr werden regelmäßig neue Ermittlungsansätze geprüft. Peggys Akten sind geschlossen, es gibt keine weiteren Ermittlungen.

Die Initiative "Vermisste Kinder" unterstützt privat bei der Suche nach neuen Spuren. Unter der europaweit einheitlichen Notrufnummer 116 000 können sich Eltern rund um die Uhr an den Verein wenden.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 03. Mai 2022 | 17:15 Uhr

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