Deutschland Rätselhafte Vermisstenfälle: Wenn Kinder einfach verschwinden

Etwa 99 Prozent der vermissten Kinder kehren wohlbehalten zu ihren Eltern zurück. Doch wenige bleiben verschwunden - oft über Jahrzehnte. Einige der rätselhaftesten Vermisstenfälle in Deutschland im Überblick.

Hinter einer Lupe ist der Schriftzug Vermisste Person auf einem Fahndungsaufruf.
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Ein spektakulärer Fall aus Österreich ging 2006 um die Welt. Natascha Kampusch wurde 1998 von Wolfgang Priklopil entführt und acht Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Dann gelang ihr die Flucht. Noch am selben Tag warf sich Priklopil vor einen Zug.

Die Eltern vermisster Kinder hoffen und bangen, dass auch ihre Kinder eines Tages wieder auftauchen. Einige werden nur noch tot gefunden und einige bleiben für immer verschwunden.

Rebecca verschwand am 18. Februar 2019

Rebecca übernachtet in der Nacht zum 18. Februar 2019 bei ihrer Schwester und ihrem Schwager im Berliner Stadtteil Britz. Von dort soll sie zur Schule gehen, kommt dort aber nie an. Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen das Haus nicht lebend verließ, sondern getötet wurde. Eine Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Die Polizei nimmt zweimal den Schwager des Mädchens, den 27 Jahre alten Florian R., ins Visier und verhaftet ihn -  das erste Mal schon zehn Tage nach ihrem Verschwinden. Beide Male erhärtet sich der Verdacht des Totschlags nicht.

Mehrere Wochen lang durchkämmen Polizisten Waldgebiete und konzentrieren sich auf eine Autobahnabfahrt nahe Fürstenwalde. Auch Seen und Ufer werden mit speziell ausgebildeten Hunden abgesucht - ohne Ergebnis.

Das Porträt einer vermissten 15-Jährigen aus dem Neuköllner Ortsteil Britz
Ein von Rebecca mit Filter selbst bearbeites Portrait von ihr. Bildrechte: Polizei Berlin/dpa

Peggy verschwand am 7. Mai 2001

Peggys Schicksal zählt zu den rätselhaftesten Vermisstenfällen in Deutschland. Am 7. Mai 2001 verschwindet die damals Neunjährige auf dem Heimweg von der Schule. Gut 15 Jahre später - Anfang Juli 2016 - findet ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen - knapp 20 Kilometer von Peggys Heimatort Lichtenberg in Oberfranken entfernt.

Drei Jahre nach ihrem Verschwinden wird der geistig behinderte Nachbar Ulvi K. in einem Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und in die Psychiatrie eingewiesen. Ein Wiederaufnahme-Verfahren spricht den Mann 2015 frei.

Im September 2018 gesteht der 41-jährige Manuel S., Peggys Leiche im Jahr 2001 in ein Waldstück in Thüringen gebracht zu haben.

Der Tatverdächtige will die Leiche von einem ihm namentlich bekannten Mann übernommen haben. Das Mädchen habe leblos in einem Bushäuschen in ihrem Heimatort Lichtenberg gelegen. Da kein dringender Tatverdacht besteht, Peggy auch getötet zu haben, ist der Mann auf freiem Fuß.

Gedenkstein mit dem Porträt des Mädchens Peggy auf dem Friedhof in Nordhalben
Gedenkstein mit dem Porträt von Peggy. Bildrechte: dpa

Pascal verschwand am 30. September 2001

Pascal Zimmer ist sechs Jahre alt, als er in Burbach, einem Stadtteil von Saarbrücken, verschwindet. An diesem Tag ist Pascal mit seinem Kinderrad in der Nachbarschaft unterwegs. Er wird zuletzt auf einer Kirmes gesehen.

Ein erstes Ermittlungsergebnis kommt rasch. Pascals 18 Jahre alte Stiefschwester aus der ersten Ehe des Vaters soll den Jungen im Streit mit einer Eisenstange erschlagen haben. Zwei andere Mädchen seien dabei gewesen. Sie hätten das Opfer in der Saar versenkt. Doch das Geständnis ist falsch. Die drei Teenager hatten dem Druck der stundenlangen Vernehmung nicht standgehalten und die Tötung von Pascal einfach zugegeben.

Dann geraten Stammgäste einer kleinen Kneipe, der "Tosa Klause", ins Visier. Unabhängig voneinander gestehen die dreizehn Verdächtigen, Prostituierte und Pädophile, Pascal sexuell missbraucht und dann erstickt zu haben. Die Leiche hätten sie in einer Kiesgrube in Frankreich vergraben. Pascals Leiche wird dort jedoch nicht gefunden. Auch sein Fahrrad taucht nie wieder auf.

Eine der Hauptangeklagten zieht ihr Geständnis zurück. 2007 werden alle Angeklagten freigesprochen. Die Beweise reichen für eine Verurteilung nicht aus. Was in der "Tosa Klause" geschah, ist bis heute unklar. Es gibt keine DNA-Spuren von Pascal am mutmaßlichen Tatort.

Ein undatiertes Fahndungsfoto der Polizei zeigt einen fünfjährigen Jungen
Wo ist die Leiche des kleinen Pascal? Bildrechte: dpa

Inga verschwand am 2. Mai 2015

Inga verschwindet am 2. Mai 2015 von einer Familienfeier im Diakoniewerk Wilhelmshof bei Uchtspringe im Landkreis Stendal. Am Abend soll ein Grillfest stattfinden. Offenbar will die fünfjährige Inga bei der Vorbereitung helfen, bringt Getränke zum Sportplatz und spielt am Waldrand. Dann verlieren die anderen sie aus den Augen. Hunderte Einsatzkräfte durchkämmen das angrenzende Waldgebiet, auch mit Hubschrauber und Suchhunden - ohne Erfolg. Da der Ort sehr abgelegen liegt, gibt es keine weiteren Anwohner oder Zeugen.

MDR um 4 - Inga
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Debbie verschwand am 13. Februar 1996

Deborah "Debbie" Sassen ist acht Jahre alt, als sie am 13. Februar 1996 nach dem Schwimmunterricht verschwindet. Vom Schuleingang in Düsseldorf-Wersten bis in ihr Elternhaus sind es nicht einmal 1.000 Meter. Weder ihr Schulranzen noch der Turnbeutel oder ein Teil ihrer Kleidung ist je wieder aufgetaucht.

Die Ermittler beginnen mit der bis heute größten Suchaktion der Düsseldorfer Polizei. Taucher steigen zweimal in den zugefrorenen See im Buga-Gelände. Eine Passantin hatte dort Kinder auf dem Eis spielen sehen. Zeichner fertigen nach anderen Zeugenaussagen das Bild eines Mannes, der in einem beigefarbenen Auto an der Schule gewesen sein soll. Er wird nie gefunden.

Mark van Bommel mit einem Bild der vermissten Debbie Sassen
Mark van Bommel mit einem Bild der vermissten Debbie Sassen Bildrechte: imago/Bernd Müller

Suche wird 30 Jahre lang fortgesetzt

Die Fälle Rebecca, Inga und Debbie sind mittlerweile "Cold Cases". Das sind Fälle, die nach einem Jahr noch nicht gelöst werden konnten. Bei ihnen werden regelmäßig neue Ermittlungsansätze geprüft.

Bei der Suche können Suchinitiativen helfen -zum Beispiel die Initiative "Vermisste Kinder". Unter der europaweit einheitlichen Notrufnummer 116 000 können sich Eltern rund um die Uhr an den Verein wenden.

Das Bundeskriminalamt fahndet bis zu 30 Jahren nach vermissten Kindern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | BRISANT Classix | 18. September 2020 | 18:10 Uhr

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