Ein Sportwagen als Waffe? Vollgas in der City: Jaguar-Raser wegen Mordes angeklagt

BRISANT | 11.09.2019 | 17:15 Uhr

Ein 20-Jähriger drückt aufs Gaspedal eines Jaguar-Sportwagens, rast mit Vollgas durch die Stuttgarter Innenstadt – und prallt gegen einen Kleinwagen. Zwei Menschen sterben. Nun muss er sich wegen Mordes verantworten.

Zwei Autos stehen nach einem Zusammenprall am Straߟenrand.
Der tödliche Unfall ereignete sich am späten Abend des 6. März 2019. Bildrechte: dpa

Ein Sportwagen als Mordwaffe, Geschwindigkeitsrausch als Motiv? In Stuttgart beginnt der Prozess gegen einen 20-jährigen Mann. Er soll laut Staatsanwaltschaft Stuttgart mit einem gemieteten Auto viel zu schnell gefahren sein und den tödlichen Unfall verursacht haben. Eine 22-jährige Frau und ihr 25-jähriger Freund starben.

Kontrolle über 550 PS starken Sportwagen verloren

Laut Anklage ist der 20-Jährige am Abend des 6. März mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch die Stuttgarter Rosensteinstraße gefahren. Der junge Mann saß hinter dem Steuer eines 550 PS starken, gemieteten Jaguars F-Type Coupé. Als er einem entgegenkommenden Fahrzeug auswich, habe er die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und den Kleinwagen gerammt, der gerade an einer Ausfahrt stand. Darin saß das junge Paar, das noch an der Unfallstelle starb.

Staatsanwaltschaft: "Gaspedal vollständig durchgedrückt"

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft noch wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, änderte ihre Meinung jedoch, als ein Gutachter den Bordcomputer des Jaguars ausgewertet hatte. Demnach soll der Angeklagte bei vollständig durchgedrücktem Gaspedal zeitweise mit 160 bis 165 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sein. Erlaubt ist an dieser Stelle Tempo 50.

Tod anderer billigend in Kauf genommen

Der 20-Jährige wollte laut Staatsanwaltschaft die höchstmögliche Geschwindigkeit des Sportwagens austesten. Es müsse dem Angeklagten bewusst gewesen sein, dass seine überhöhte Geschwindigkeit schlimme Folgen bis zum Tod haben könnte. Ihm sei jedoch der Rausch der Geschwindigkeit wichtiger gewesen. Damit habe er das Todesrisiko für andere zumindest billigend in Kauf genommen. Daher laute die Anklage auf Mord.


+++ Antworten auf die wichtigsten Fragen +++


Anklage wegen Mordes - ist das nicht abwegig?

Nicht unbedingt, zunehmend wertet die deutsche Justiz Autorennen oder Raserei als Straftaten mit gravierenden Folgen auch für die Verursacher. Anfang März, nur wenige Tage vor dem fatalen Stuttgarter Crash, hatte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe erstmals ein Mordurteil gegen einen rücksichtslosen Raser bestätigt. Der Mann hatte 2017 in Hamburg mit einem gestohlenen Taxi einen Menschen getötet und zwei schwer verletzt.


Ist es wahrscheinlich, dass sich die Staatsanwaltschaft durchsetzt?

Keineswegs, denn das Mordmotiv muss in jedem Einzelfall nachgewiesen werden. Selbst ein Autorennen mit Todesfolge ist also nicht immer gleich als Mord anzusehen. So wurde das deutschlandweit erste Mordurteil im Februar 2017 vom Bundesgerichtshof (BGH) kassiert. Die Richter sahen den bedingten Tötungsvorsatz bei den beiden Angeklagten nach einem tödlichen Autorennen in der Berliner Innenstadt nicht ausreichend belegt. Im neu aufgerollten Prozess wurden die Männer im März dann erneut wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Diese Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig.


Was ist das für ein Auto?

Den Jaguar F-Type  soll der Unfallverursacher bei einem kleinen Verleih in Nürtingen (Kreis Esslingen) gemietet haben, der sich auf Luxuslimousinen spezialisiert hat. Im Internet wurde der Wagen bis zum Unfall mit dem Ausstattungsmerkmal "extrem laute Auspuffklappenanlage" beworben. Der Sportwagen hat 550 PS und beschleunigt laut Herstellerangaben in 5,7 Sekunden von 0 auf 100.  


Wie kommt ein 20-Jähriger überhaupt an einen solchen Wagen?

Für den Wagen war nach Medienangaben lediglich ein Mindestalter von 19 Jahren vorausgesetzt. Verboten ist das nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherer (GDV) nicht: "Ein Autovermieter darf selbst entscheiden, wem er seine Fahrzeuge gibt. Wir geben da keine Altersgrenze vor für Haftpflichtversicherungen", sagte eine Sprecherin des GDV.


Welche Kammer befasst sich mit dem Fall?

Der Prozess findet vor dem Landgericht Stuttgart statt. Da der angeklagte Mann zum Tatzeitpunkt allerdings jünger als 21 Jahre war, gilt er als Heranwachsender, und es wird öffentlich vor einer Jugendkammer verhandelt. Bislang sind Termine bis Mitte November angesetzt.

Blumen und Grablichter liegen an der Unfallstelle in der Rosensteinstraߟe in Stuttgart.
Auch Monate nach dem Unglück sind die Spuren des tödlichen Unfalls in der Stuttgarter Rosensteinstraße noch zu sehen. In einem Grünstreifen neben der Straße an der Unfallstelle stehen Grablichter und liegen Blumen. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 11. September 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2019, 20:55 Uhr

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