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Publikumsliebling Freya (nach der nordischen Göttin der Liebe) fühlte sich im Osloer Hafen pudelwohl. Am Sonntag wurde das junge Walross eingeschläfert. Bildrechte: dpa

Tierschützer sind entsetztWalross Freya eingeschläfert

Stand: 15. August 2022, 19:20 Uhr

Wochenlang war Walross Freya im Osloer Hafen DIE Attraktion. Ihre Berühmtheit wurde dem Jungtier nun zum Verhängnis. Immer wieder kamen Schaulustige dem Walross-Weibchen gefährlich nahe – trotz Warnungen. Deshalb entschieden die norwegischen Behörden: Freya ist eine zunehmende Gefahr für die Menschen geworden. Das Tier wurde eingeschläfert.

Wie eine richtige Berühmtheit hatte Walross Freya Fans, aber auch Kritiker. Sie polarisierte. Die Zeitung "Verdens Gang" hatte für den tierischen Star sogar online einen Livestream eingerichtet.

Der niederländische Radio- und TV-Sender Omrop Fryslân verlieh dem etwa fünf Jahre alten Tier einst den Namen "Freya" - nach der nordischen Göttin der Liebe. Denn auch hier hatte es sich das Walross-Weibchen schon bequem gemacht. Zuvor wurde es in Dänemark, Wales, Irland, Deutschland und Schweden gesichtet - bis zu 3.000 Kilometer südlich ihres eigentlichen Lebensraumes in der Antarktis entfernt.

Im Osloer Hafen aalte sich das sonnenhungrige Tier bevorzugt auf Booten und Schiffen. Das Problem: Einige hielten dem 600-Kilo-Kampfgewicht nicht stand und kenterten.

Schaulustige, die dem Walross allen Appellen zum Trotz zu nahe kamen, wurden mit Fauchen vertrieben. Am Ende sahen offizielle Stellen in Walross Freya eine ernstzunehmende Gefahr. Aus "Sicherheitsgründen" wurde das Tier am Sonntagmorgen eingeschläfert, wie die Fischereidirektion danach mitteilte.

Warum musste Freya sterben?

Noch im Juli wollten die norwegischen Behörden eine Einschläferung unbedingt vermeiden. In einer Mitteilung hieß es: "Walrosse sind wilde, geschützte und auf der Roten Liste stehende Tiere. Das bedeutet, dass die Tötung die letzte Option ist." 

Doch die Fischereidirektion störte sich immer mehr daran, dass Leute Freya zu nahe kamen. Dabei wurden Anwohner wie Touristen wiederholt ermahnt, Abstand zum Walross zu halten. 

"Wir haben alle möglichen Optionen abgewogen", sagte Frank Bakke-Jensen, Leiter der Fischereidirektion. Man könne verstehen, wenn die Öffentlichkeit nun bestürzt sei. Aber obwohl der Tierschutz ein hohes Gut sei, müssen das Leben und die Sicherheit von Menschen vorgehen.

Schiffe versenken: Walross Freya sonnte sich bevorzugt auf Booten – die ihrem Gewicht von 600 Kilo nicht standhielten. Bildrechte: dpa

Freya auf "humane Weise" gestorben

Unter Berufung einer Expertenmeinung argumentierte Frank Bakke-Jensen zudem, dass Freyas Wohlbefinden stark abgenommen habe, da sie zu viel Stress ausgesetzt gewesen wäre. Zudem setzte er hinzu, dass die Operation zur Tötung des Walrosses "auf humane Weise" durchgeführt worden sei. Freyas Körper wird nun von Tierärzten untersucht.

Wann darf ein Tier getötet werden?

Immer wieder stellt sich die Frage: Darf ein Tier einfach so getötet werden? Und wenn ja: wann?

2020 hielt ein freilaufender Hund auf der A29 Autofahrer und Polizei auf Trab. Zeitweise musste die Autobahn vollgesperrt werden. Nachdem es den Polizisten nicht gelungen ist, das Tier einzufangen oder zu betäuben, griffen sie zur Schusswaffe. Der Protest und Empörung über diese Maßnahme folgten prompt. 

Wann und wie ein Haus- oder Wildtier getötet werden darf, ist strikt festgelegt. In Deutschland dürfen Tiere prinzipiell nur dann getötet werden, wenn eine konkrete Gefahrensituation besteht und die öffentliche Sicherheit gefährdet ist. Zuvor müssen andere Maßnahmen bereits erfolglos angewendet oder ausgeschlossen worden sein, weil sie keinen Erfolg versprechen.

Wie gefährlich sind Walrosse wirklich?

Die Angst vor Freya ist nicht unbegründet. Ausgewachsene Walrosse können bis zu drei Meter lang und zwei Tonnen schwer werden. Zum Vergleich: Das ist ungefähr dreimal so viel wie ein Eisbär. Doch Walrosse sind keine ausgeprägten Jäger, sie schlafen bis zu 20 Stunden am Tag und ernähren sich vor allem von Muscheln am Meeresboden.

Gefährlich werden die imposanten Tiere nur, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen oder ihre Jungtiere verteidigen wollen. Angriffe auf Menschen sind sehr selten und wenn, dann in der Regel zur Selbstverteidigung. Dann jedoch können sie zur tödlichen Gefahr werden.

Tierschutzorganisationen entsetzt 

Zuvor war auch eine Verlegung Freyas diskutiert worden. Allerdings seien laut Behörden die Risiken für eine solche Aktion zu groß gewesen. "Wir haben alle möglichen Optionen abgewogen."

Weltweit zeigen sich Menschen, Umwelt- und Tierschutzorganisationen entsetzt über die Entscheidung, ein gesundes Tier einzuschläfern.

Siri Martinsen, Sprecherin der norwegischen Tierschutzorganisation "NOAH", sagte dem norwegischen Fernsehsender TV2, die Maßnahme sei übereilt gewesen. Es wäre sinnvoller gewesen, den Schaulustigen erst mit Bußgeldern zu drohen.

Die "Sea Shepherd Conservation Society" in Frankreich sprach auf Twitter von einer "Schande für Norwegen". Der norwegische Biologe Rune Aae sagte der Nachrichtenagentur NTB, es sei "unendlich traurig, dass man sich entschieden hat, ein so schönes Tier einzuschläfern."


Brisant/dpa/AFP/NTB/orf.de/wwf.de

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