Etwa vier Millionen Deutsche erkrankt Wenn Depressionen die Kontrolle übernehmen

BRISANT | 20.08.2018 | 17:15 Uhr

Etwa vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen. Experten gehen davon aus, dass viele der rund 2,3 Millionen Arbeitslosen nicht arbeiten gehen können, weil Depressionen im Spiel sind. So wie bei Ronald Seidel.

Bin ich depressiv geworden, weil ich meinen Job verloren habe, oder habe ich meinen Job verloren, weil ich depressiv war? Diese Fragen stellt sich Ronald Seidel aus Leipzig nicht mehr. Er weiß: Nur wegen seiner Erkrankung hat er alles verloren. "Ich war mit einem Schlag völlig überfordert, war völlig abgeschlafft", erinnert sich der 48-Jährige. Das, was sich schon lange vorher angestaut hatte, konnte er nicht mehr unterdrücken. Er verlor die Kontrolle über sein Leben.

Alles, was ihm blieb, war sein Auto

Ronald Seidel ließ alles hinter sich: die Wohnung mit allem, was ihm gehört, seine zwei Kinder - er war außerstande, den Kontakt zu ihnen zu halten. Auch seine Firma ließ er im Stich. Gerade noch Chef von zehn Mitarbeitern, wurde er obdachlos. Zwei Jahre lang hat er im Auto gelebt.

Ich habe entschieden, meine Wohnung zu verlassen, mich ins Auto zurückzuziehen und einfach nichts mehr zu tun. Es war ein totaler Abschluss mit meinem Umfeld. Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen und nichts mehr wissen. Ich habe im Auto gegessen und geschlafen und darin meine Zeit totgeschlagen.

Ronald Seidel

Die kleinsten Dinge werden zum Problem

Warten, dass die Zeit vergeht: Solche Schilderungen hört Prof. Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe regelmäßig von seinen Patienten. "Wenn man in die Depression gerät, dann werden kleinste Dinge zu einem Problem", sagt er. "Man kann sich nicht aufraffen, die Zähne zu putzen, nicht telefonieren. Oft sind die Menschen nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen."

Nach erfolgreicher Behandlung wieder handlungs- und arbeitsfähig

Auch Ronald Seidel war psychisch krank. Deshalb konnte er auch nicht mehr arbeiten. Seine Jobvermittlerin erkannte, dass er möglicherweise ein psychisches Problem hat. Sie bot ihm ein psychosoziales Coaching mit einer Diplom-Psychologin der Uni-Klinik Leipzig an. Dabei erfuhr er zum ersten Mal, dass er in diese ausweglose Situation geriet, weil er krank war. "Herr Seidel kam mit Depressionen und mit einer Angstsymptomatik zu uns", erklärt Anja Kästner von der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig.

Erst nachdem es Ronald Seidel geschafft hatte, seine Depression in den Griff zu bekommen, stand er auch dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung – und fand prompt einen Job. Sieben Jahre nach seinem Absturz ist Ronald Seidel wieder zurück im Leben. Sogar den Kontakt zu seinen beiden Töchtern hat er wiederhergestellt. Das ist für ihn das Wichtigste.

Menschen mit psychischen Erkrankungen, Langzeitarbeitslose in Behandlung zu bringen, das ist für mich der größte Verbesserungsspielraum und der effizienteste Ansatz, um die Situation zu verbessern.

Prof. Ulrich Hegerl | Stiftung Deutsche Depressionshilfe  

Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönlichen Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite www.telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, zum Beispiel per E-Mail oder im Chat.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 20. August 2018 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2018, 20:18 Uhr

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