Studie fälschlicherweise veröffentlicht? Verwirrung um Corona-Hoffnungsmittel Remdesivir

Frühe Studiendaten zur Therapie von Covid-19 mit dem Medikament Remdesivir haben für Wirbel gesorgt. Medien berichteten nach der offenbar verfrühten Veröffentlichung, dass das Mittel keinen Erfolg gebracht hatte.

Eine Ampulle des Medikamentes Remdesivir
Großer Hoffnungsträger gegen die Lungenkrankheit Covid-19: Remdesivir. Bildrechte: dpa

Hersteller wie Mediziner warnen nun allerdings vor voreiligen Schlüssen. Das Medikament habe bei Patienten in der München Klinik Schwabing erste Erfolge gebracht, sagt beispielsweise Clemens Wendtner, Chefarzt der dortigen Klinik für Infektiologie.

Nach zurückhaltenden Schätzungen habe die Hälfte seiner Patienten profitiert, sagte Wendtner. Es sehe danach aus, dass schwer Erkrankte früher von den Beatmungsmaschinen genommen werden könnten.

Studie fälschlicherweise veröffentlicht?

Am Donnerstag (23.04.) kam es zu einer überraschenden Veröffentlichung, nach der eine chinesische Studie mit Remdesivir enttäuschende Ergebnisse gebracht haben soll. Medien beriefen sich auf ein Dokument, welches kurzzeitig auf der Seite der Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlicht wurde. Inzwischen ist es nicht mehr online.

Die US-Herstellerfirma Gilead Sciences wies die Berichte zurück. Es habe keine Genehmigung zur Veröffentlichung gegeben. Die Studie sei aufgrund geringer Beteiligung vorzeitig abgebrochen worden, daher seien keine statistisch aussagekräftigen Schlussfolgerungen möglich. "Insofern sind die Studienergebnisse nicht schlüssig, obwohl Trends in den Daten einen potenziellen Nutzen für Remdesivir nahe legen, insbesondere bei Patienten, die früh in der Krankheit behandelt werden." Ergebnisse weltweiter Studien erwarte man Ende Mai.

Forschung im Labor
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Vier Hoffnungsträger gegen Covid-19

Ende März hat die Weltgesundheitsorganisation WHO vier Therapie-Ansätze ausgesucht, die vielversprechend im Kampf gegen Covid-19 sein könnten. In einer weltweiten Studie sollen mehr als 10.00 Patienten getestet werden. Für Deutschland beteiligen sich seit dem 9. April zehn Kliniken an der sogenannten Solidarity-Studie. Vorteil der Studie: Je nach Entwicklung können alternative Medikamente hinzukommen oder getestete Medikamente aussortiert werden, sofern zu viele Nebenwirkungen beobachtet werden.

Remdesivir

Das Medikament hemmt die Vervielfältigung des Erbguts sogenannter RNA-Viren. Gegen Ebola hat es sich als wenig erfolgreich erwiesen und hat daher keine Zulassung als Ebola-Medikament. Viel besser verliefen Tests gegen die Lungenkrankheit SARS, die ebenfalls durch Coronaviren verursacht wird. Es könnte also zweckentfremdet werden.

Nachteil: Es muss aufgelöst und in die Vene gespritzt werden und steht derzeit nicht in großen Mengen zur Verfügung. Da Remdesivir keine Zulassung als Arzeimittel besitzt, sind Nebenwirkungen noch nicht gänzlich erforscht.

Chloroquin

Ein seit Jahrzehnten erfolgreiches Mittel gegen Malaria und Rheuma ist Chloroquin, beziehungsweise der verwandte Wirkstoff Hydroxychloroquin. Er blockiert einen Weg, auf dem das Virus in die Körperzellen gelangen kann. Aber das Virus kennt noch andere Wege.

Außerdem ist unklar, in welcher Dosis Chloroquin verabreicht werden muss. Denn die Substanz besitzt starke Nebenwirkungen, zu denen Unruhe, Verwirrtheit, Wahnvorstellungen und epileptische Anfälle zählen.

Jüngst musste in Brasilien eine Studie nach sechs Tagen abgebrochen werden, nachdem elf der 81 Teilnehmer an Herz-Rhythmus-Störungen gestorben sind. Offenbar hatten sie zusätzlich das Antibiotikum Azithromycin verabreicht bekommen. Zudem sind Malaria-Patienten in der Regel jung und noch ohne Begleiterkrankungen. Chloroquin wird dort in einer niedrigen Dosierung und nur über wenige Tage eingesetzt - im Gegensatz zu den meist älteren Covid-19-Patienten, die zudem Vorerkrankungen haben.

Kombination Lopinavir/Ritonavir

Das HIV-Medikament Kaletra besteht aus zwei Wirkstoffen: Ritonavir und Lopinavir. Lopinavir behindert den Umbau von Eiweißmolekülen, die das Virus dazu verwendet, neue Viren aufzubauen. Ritonavir ist nur eine Art Bodyguard, der verhindert, dass Lopinavir in den Zellen zerlegt wird.

Erste Ergebnisse aus China zu dieser Kombination sind allerdings eher entmutigend. Dort hat das Medikament nicht gewirkt. Häufige Nebenwirkungen sind Durchfall, Übelkeit, Blähungen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen.

Lopinavir/Ritonavir mit Beta-Interferon

Der vierte Studienzweig kombiniert die Wirkstoffe Ritonavir und Lopinavir mit Beta-Interferon. Das ist ein komplexer Botenstoff des körpereigenen Immunsystems, der gegen Viren wirkt. Er besteht aus Proteinen und Zuckermolekülen. Beta-Interferone werden als Medikamente der ersten Wahl zur Basistherapie der Multiplen Sklerose eingesetzt. Zu den unterwünschten Nebenwirkungen zählen grippeähnliche Symptome wie Muskelschmerzen, Fieber, Schüttelfrost, Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 24. April 2020 | 17:15 Uhr

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