Nach Messerangriff und Ausschreitungen Chemnitzer trauern und sind wütend

Chemnitz ist nach den Vorfällen vom Wochenende und den darauffolgenden Demonstrationen paralysiert. Am Tatort der Messerattacke haben Bürger Blumen und Kerzen niedergelegt. Viele sind wütend und traurig zugleich.

von Matthias Wetzel

Die Stelle, wo am frühen Sonntagmorgen in Chemnitz ein 35 Jahre alter Mann niedergestochen wurde, hat sich in den Tagen darauf zu einer Pilgerstätte für Trauernde verwandelt. Dutzende Bürger haben Kerzen, Bilder und Blumen niedergelegt. Auf einer Grabschleife steht "Unvergessen! Lieber Daniel". Viele schauen voller Unverständnis auf die Stelle, die der Auslöser für Negativschlagzeilen wurde, in die die Stadt geraten ist. Deutliches Zeichen dafür ist das unübersehbare Medienaufgebot am Tat- und Trauerort. Deutsche und ausländische Kamerateams interviewen Passanten und die geben erstaunlich offen Auskunft.

Tatort Messerattacke Chemnitz 3 min
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Immer wieder kommen Menschen an dem Ort zusammen, an dem Daniel H. niedergestochen wurde. Nora Kilényi ist mit ihnen ins Gespräch gekommen.

MDR AKTUELL Di 28.08.2018 16:18Uhr 03:00 min

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Demonstration ist Grundrecht

"Ich finde es gut, dass Pro Chemnitz gestern demonstriert hat", sagt Jan Lochmann MDR SACHSEN. Die Bürger hätten damit ein Grundrecht genutzt. Das mache schließlich die Demokratie aus, so der 33-Jährige. Er selbst habe zwar nicht an der Demo teilgenommen, aber nur mit solchen Aktionen könne man der Regierung zeigen, dass sie versagt habe.

Ähnlich sieht das Andreas Vogt. Er war einer der über 6.000 Demonstranten, die dem Aufruf der rechten Chemnitzer Bürgerbewegung gefolgt waren. Vogt hat eine Kerze am Tatort niedergelegt und kommt ziemlich schnell zur Sache: "Wenn Ausländer nach Deutschland kommen, dann sollten sie unsere Demokratie und Kultur achten. Es kann doch nicht sein, dass hier einer auf offener Straße erstochen wird." Außerdem ärgert Vogt, dass die Politiker und die Medien alles über einen Kamm scherten. Denn die Leute, die am Montag an der Demo teilgenommen hätten, seien in der Mehrzahl keine Rechten gewesen. "Mit der Demo wollten wir einfach unsere Unzufriedenheit mit der Politik zeigen. Ich hoffe, das ist bei der Regierung angekommen."

"Chemnitzer stehen zu ihrer Stadt"

Unter den Trauernden ist auch eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Karsten, der Familienvater, dreht sich weg, als er vom MDR-Reporter angesprochen wird. Dann redet er doch: "Wir brauchen uns nicht zu wundern. Das sind junge Männer, die keinen Job haben, kein Geld, sich langweilen und dann passiert eben sowas", sagt er. Die Flüchtlinge bräuchten Arbeit und eine sinnvolle Beschäftigung. Seine Frau ergänzt: "Hier ziehen ausländische Jugendbanden durchs Stadtzentrum. Als Frau hab ich wirklich Schiss." Ob sich Chemnitz mit der Demo einen Gefallen getan hat, weiß sie nicht. "Die Presseberichte über Chemnitz nach der Demo waren schlimm. Aber auf der anderen Seite haben die Chemnitzer gezeigt, dass sie zu ihrer Stadt stehen."

Stilles Gedenken

Ein Rentner starrt auf die Blumen und Kerzen und schüttelt mit dem Kopf. "Die haben hier eine Sache eingefädelt, die man nicht mehr rückgängig machen kann", sagt er resigniert. Wer hat was eingefädelt? "Na die Regierung!" Die habe eine Flüchtlingspolitik ohne Maß und Weitsicht betrieben. "Wie lange hat das denn gedauert mit dem 'Ossi' und 'Wessi'? Und die waren aus dem selben Land. Wie soll denn das funktionieren mit Menschen aus völlig fremden Kulturen?", fragt der Endsiebziger.

Etwas abseits stehen drei junge Männer mit Basecap. Es sind Freunde des Opfers. Sagen wollen sie nichts, nur so viel: "Er war ein herzensguter Mensch. Respektieren Sie bitte unsere Trauer."

Quelle: MDR/mwa

Dieses Thema im Programm MDR JUMP | 28.08.2018 | 19:20 Uhr
MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 28.08.2018 | 16:18 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 29. August 2018, 00:59 Uhr

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