Ein gekenterter aufblasbarer Flamingo
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Ertrinken – der leise Tod Zahlreiche Tote nach Badeunfällen in Deutschland

BRISANT | 24.06.2019 | 17:15 Uhr

Temperaturen jenseits der 30°C-Marke und Sonne satt: Badelustige zieht es ans Wasser. Doch Schwimmbädern fehlt es vielerorts an ausgebildeten Bademeistern. Sechs Menschen starben allein seit Freitag bei Badeunfällen – vor allem in Badeseen.

Ein gekenterter aufblasbarer Flamingo
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Zahlreiche Badetote in vergangenen Tagen

Zwei Stunden versuchen gut 120 Einsatzkräfte alles, was Retter leisten können. Am Ende müssen sie ihren Kampf verloren geben. Für einen 19-jährigen endet der Badeausflug an der Ems in Niedersachsen tödlich. Der Mann wollte die Ems durchschwimmen. Den Weg zurück schaffte er aber nicht mehr. Auf halber Strecke ging er unter, beobachteten Badegäste. Sie kamen noch mit ihrem Boot zu Hilfe.

70-Jähriger will Sohn helfen und ertrinkt

Bei der Suche nach seinem vermeintlich in einem See verschwundenen Sohn ist ein 70-Jähriger in Niedersachsen ertrunken. Wie die Polizei in Hildesheim am Sonntagabend mitteilte, ereignete sich der Unfall während eines Ausflugs der Familie an einem Kiesteich bei Rössing. Demnach ging der Vater selbst in den See, nachdem sein 39-jähriger geistig behinderter Sohn im Wasser zeitweise nicht mehr zu sehen war. Dieser verließ den See kurz darauf wieder, der Vater verunglückte aber aus noch ungeklärten Gründen. Er wurde den Beamten zufolge kurz darauf leblos im Wasser entdeckt. Wiederbelebungsversuche durch Ersthelfer und Rettungskräfte blieben erfolglos.

26-Jähriger ertrinkt in Leipzig

In einem Baggersee in Leipzig ist ein 26-Jähriger ertrunken. Der Mann sei am Freitagabend in das Gewässer im Stadtteil Thekla gegangen, sagte ein Polizeisprecher am Samstagmorgen. Aus noch ungeklärter Ursache ertrank er jedoch. Einsatzkräfte konnten den Badegast nur noch tot aus dem kleinen See im Nordosten der Stadt bergen. Auch ein Rettungshubschrauber kam zum Einsatz. Die Polizei ermittelt nun, ob der Mann möglicherweise nicht richtig schwimmen konnte oder eine andere Ursache vorlag.

Fünf Menschen sterben in Bayern - v. a. Senioren

Innerhalb einer Woche haben im Süden Bayerns fünf Menschen ihr Leben beim Baden verloren, darunter vier Senioren. Am Samstag ertrank ein 60 Jahre alter Mann in einem Badesee in Weichering. Außerdem meldete die Polizei den Tod einer 79-Jährigen in einem Münchner Krankenhaus. Zwei Frauen hatten die Rentnerin am Vortag leblos treibend im Weßlinger See entdeckt und erfolglos versucht, sie wiederzubeleben.

Ammersee
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In den Vortagen waren zwei Senioren im Ammersee gestorben. Am Freitag wurde am Westufer bei St. Alban mit Hilfe eines Sonarboots die Leiche einer seit Mittwoch vermissten 79 Jahre alten Frau geortet und geborgen. Am Dienstag war ein 69-Jähriger am Ostufer in Herrsching ertrunken. Zu Wochenbeginn war ein 29-Jähriger in Senden bei Neu-Ulm in einem Badesee untergegangen und konnte nicht gerettet werden.

Schwimmbäder in Not - Bademeister gesucht

Weil ausgebildete Bademeister fehlen, kürzen Schwimmbäder in Deutschland ihre Öffnungszeiten oder stellen den Betrieb vorübergehend ein. Für den Fachkräftemangel gibt es mehrere Ursachen. "Das ist ein bundesweites Problem", sagt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister, Peter Harzheim. Er schätzt, dass aktuell mindestens 2.500 ausgebildete Schwimmmeister in den rund 6.000 von Kommunen oder privaten Unternehmen betriebenen Bädern fehlen.

Erfindungsreichtum in Schwimmbädern

Weil es zu wenig Bademeister gibt, ist in den Schwimmbädern Erfindungsreichtum gefordert. So steht etwa das Familien- und Freizeitbad in Lahr im Schwarzwald diesen Sommer nicht für alle Badegäste offen. Weil kein geeigneter Bademeister eingestellt werden konnte, dürfen sich nur Vereinsmitglieder auf Liegestühlen und Decken aalen. Für Sicherheit sorgen etwa Studenten und Rentner, die eine Prüfung als Rettungsschwimmer absolviert haben. Über den Fachkräftemangel sagt sie: "Das ist ein Problem, das sich künftig verschärfen dürfte." Stellen zu besetzen sei schon deshalb schwierig, da sich die geburtenstarken Jahrgänge aus den 50er und 60er Jahren in den Ruhestand verabschiedeten und dem Arbeitsmarkt heute weniger Kräfte zur Verfügung stünden.

Ein Rettungsschwimmer von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft springt während einer Übung in das Wasser.
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Talsohle des Personalmangels noch nicht durchschritten

Auch Verbandspräsident Harzheim berichtet, dass manche Bäder wegen des Personalmangels Öffnungszeiten änderten oder zeitweise gar den Betrieb einstellen müssten. Zwar lasse der Engpass bei der Ausbildung langsam nach, sagt er. Auch gebe es große regionale Unterschiede. "Aber die Talsohle haben wir noch nicht durchschritten", sagt er. Nicht nur die Bevölkerungsentwicklung gilt als Grund für den Fachkräftemangel am Beckenrand. Harzheim meint, dass sich zudem die Mentalität geändert habe: Viele junge Menschen seien im Sommer nicht mehr bereit, sieben Tage in der Woche auf der Arbeit zu verbringen. Weder Bezahlung noch Arbeitszeiten gelten als attraktiv, sagt er. Zwar habe sich mit dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst 2017 die Situation verbessert. Davon profitierten Mitarbeiter aber nur, wenn sich die Betreiber der Bäder daran halten. Dies sei etwa bei privaten Betreibern nicht immer der Fall.

Ertrinken - der leise Tod

Das Sommerwetter sorgt für einen Ansturm auf die Badegewässer. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) warnt allerdings vor Übermut und Selbstüberschätzung. Jedes Jahr ertrinken hunderte Menschen in deutschen Gewässern.

Wieviele Menschen ertrinken in Deutschland?

Im heißen Supersommer 2018 ertranken mindestens 504 Menschen. Das waren etwa hundert mehr als im Jahr davor. Auch in diesem Jahr sind bereits zahlreiche Menschen beim Baden ertrunken.

Wo ist das Risiko am höchsten?

An unbewachten Seen, Teichen und Flüssen - dort kamen 2018 allein 435 Menschen ums Leben, das waren 86 Prozent aller Opfer. An den von Rettungsschwimmern bewachten Badestellen und in Schwimmbädern ist es sicherer.

Was ist insbesondere bei Kindern zu beachten?

Wasser zieht Kinder magisch an. Eltern sollten sie an Gewässern daher nie aus den Augen lassen. Das gilt übrigens auch für den flachen Gartenteich. Kleine Kinder können bereits in wenige Zentimeter tiefem Wasser ertrinken. Auch Luftmatratzen, Schlauchboote und Gummitiere bieten keinen Schutz vor dem Ertrinken. Wenn ein Kind im Wasser in Not gerät, ist das für Außenstehende mitunter schwer zu erkennen, warnt die Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder. Kinder ertrinken "leise".

Was sind die häufigsten Ursachen?

Übermut, mangelnde Schwimmfähigkeiten, Selbstüberschätzung, Alkohol und die Unkenntnis möglicher Gefahren führen der DLRG zufolge am häufigsten zum Ertrinken - vor allem bei Männern. Vier von fünf Todesopfern sind männlich.

Darf ich erhitzt ins Wasser springen?

Das sollte vermieden werden. Manche Gewässer sind immer noch recht kühl. Ein Sprung ins Nass kann zu Unterkühlung und Krämpfen führen. Der Temperaturunterschied zwischen Luft und Wasser kann auch den Kreislauf belasten und vor allem für ältere Menschen und Personen mit geschwächtem Herz-Kreislauf-System gefährlich sein. Schwimmer sollten langsam ins Wasser gehen und den Körper ans kalte Wasser gewöhnen. Sobald man friert, heißt es raus.

Was ist bei der Wahl der Badestelle zu beachten?

Unbekannte Gewässer bergen Gefahren. Deshalb nie übermütig in einen See springen. Die DLRG empfiehlt, nur an bewachten Badestellen schwimmen zu gehen und die Warnhinweise zu beachten. Eine rote Flagge am Meer beispielsweise bedeutet Badeverbot. Im Sommer wird dies immer wieder ignoriert. Bei Wellengang entsteht eine Strömung, die staubsaugerartig ins offene Meer zurückzieht. Dies ist vor allem für Kinder im flachen Wasser gefährlich, weil sie leicht umgerissen werden können.

Kann auch in Flüssen gebadet werden?

Generell ja, doch Vorsicht! In vielen deutschen Flüssen reicht die Wasserqualität zum Baden aus. Dies gilt auch für große Abschnitte der Elbe oder des Rheins. Vorsicht ist aber bei Niedrigwasser geboten, weil die Wasserqualität dann erheblich sinken kann. Gefahr entsteht zudem durch gefährliche Strömungen, die an der Wasseroberfläche oft kaum erkennbar sind, sowie durch den Schiffsverkehr, Brückenpfeiler und Unterwasserhindernisse.

Wie leiste ich Erste Hilfe?

Bei Atemstillstand ist sofort mit der Mund-zu-Mund-Beatmung zu beginnen. Bei Herzstillstand sollte gleichzeitig eine Herzmassage erfolgen. Auf keinen Fall sollte versucht werden, Wasser aus Lungen oder Magen zu entfernen. Das bringt nichts und kostet wertvolle Zeit.

Quelle: dpa

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 24. Juni 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 11:31 Uhr

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