Aufnahmen vom Abzug der letzten russischen Panzerdivision aus Jena am 24. März 1992
Bildrechte: Archiv des Wehrbereichskommandos VII Leipzig/Fotograf: Rehfeld

Abzug der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland "Ein gigantisches Unternehmen"

Mehr als 500.000 Menschen samt Kriegsgerät sind binnen vier Jahren aus Deutschland abgezogen und nach Russland zurückgekehrt. Oberstleutnant Günter Pätz leitete den Abzug der Truppen in Sachsen und Thüringen. Über die Herausforderungen dabei spricht er im Interview.

Aufnahmen vom Abzug der letzten russischen Panzerdivision aus Jena am 24. März 1992
Bildrechte: Archiv des Wehrbereichskommandos VII Leipzig/Fotograf: Rehfeld

Was war die größte Herausforderung im Rahmen des Abzugs der sowjetischen Streitkräfte?

Die größte Herausforderung war, dass der Zeitplan, der abgestimmt worden war zwischen den Regierungen Deutschlands und Russlands, eingehalten wurde. Ursprünglich vorgesehen war ein Abzug bis Ende 1994. Aber bereits am 31. August 1994, ein Vierteljahr früher, konnte der Abzug vollendet werden. Ich glaube, am 9. September 1994 sind die letzten Soldaten von Wünsdorf aus nach Hause gefahren.

Waren Sie bei Übergaben sowjetischer Liegenschaften dabei?

Günter Pätz
Günter Pätz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An sehr vielen Übergaben der Liegenschaften habe ich teilgenommen. Ich war vorher immer dort gewesen zu einer Art Vorab-Inspektion, die jeweiligen Kommandeure haben mir alles gezeigt. Meist war alles in einem durchaus annehmbaren Zustand. Aber wenn wir vier oder fünf Tage später zur eigentlichen Übergabe gekommen sind, dann hat uns der Kommandeur wieder herumgeführt und ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt und gefragt: 'Was haben Sie denn hier angestellt …?' Da fehlten die Fußböden, da gab es keine Waschbecken und keine Wasserhähne mehr, keine Fenster und Türen. War alles rausgerissen und abtransportiert.  

Welche "Überraschungen" warteten bei diesen Übergaben noch auf Sie?

Ich hatte mit der Zeit dann schon ein Auge dafür, wo heimliche Verstecke angelegt worden sein könnten, in denen die Russen giftige Stoffe, Chemikalien, Altöl oder Sprengstoff zu verbergen suchten. Ich weiß gar nicht, wie viele Gifte und Ölfässer ich gefunden habe hinter zugemauerten Türen und blitzschnell hochgezogenen Trennwänden. Ich sagte: 'Machen Sie das bitte auf, zerhacken Sie die Wand hier.' Der Kommandeur tat dann immer ganz verdutzt: 'Wieso? Warum?' – 'Hier ist der Putz noch nass', sagte ich. Ich vermute, hier dahinter ist etwas versteckt. Und so war es dann auch meistens.

Hatte das Folgen für den zuständigen General oder Kommandeur?

Nein, überhaupt keine. Den hat das nicht gestört. Der zuckte bestenfalls mit den Schultern und beteuerte, von nichts gewusst zu haben.

Gab es noch mehr Überraschendes …?

Viele versteckte Liegenschaften, Übungsgelände, Bunker, ganze Kasernenanlagen, die auf keiner Karte verzeichnet waren, von denen wir nichts wussten. Es gab auch höchst merkwürdige Bauten. Ich fand zum Beispiel auf einer dieser geheimen Liegenschaften im Leipziger Stadtteil Heiterblick eine Art Hochbunker: mehr als zwei Meter dicke Mauern aus Eisenbeton, ein stählernes Tor davor. Da konnte ich nur spekulieren, was da wohl drin gelegen haben mochte. Nukleare Sprengköpfe vielleicht …?

Was erwartete die sowjetischen Soldaten bei ihrer Rückkehr nach Hause?

Ich habe mehrere Videos gesehen, die russische Divisionskommandeure aufnehmen lassen haben. Da sah man etwa, dass ganze Divisionen, das sind immerhin 16.000 bis 20.000 Soldaten, zurückgeführt wurden in einen Wald. Man hatte einfach Zelte aufgebaut. Es war ein riesiges Zeltlager. Wobei die Zelte noch nicht einmal für alle Soldaten reichten. Das heißt, ganze Divisionen sind in Waldgebiete, 200 oder 250 Kilometer hinter Moskau, verlegt worden. Diese Divisionen sind später aufgelöst oder anderswohin verlegt worden. Aber erstmal mussten sie in den Wäldern leben. Ich selbst habe viele weinende Generale und Kommandeure erlebt, die sagten: 'Diese Wälder sollen meine neue Heimat werden.' – 'Und wo werden Ihre Familien unterkommen', fragte ich. 'Das weiß ich nicht', war die Antwort.

Deutschland hat aber doch den Wohnungsbau in Russland heftig unterstützt …

Natürlich hat Deutschland eine große Unterstützung gegeben, für 8,3 Milliarden DM wurden Häuser, ja ganze Siedlungen gebaut für die heimkehrenden Offiziere. Am Ende aber war die Finanzhilfe aus Deutschland in Anbetracht der riesigen Anzahl von Soldaten nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dann hörte man aber auch, und nicht eben selten,  dass in die errichteten  Wohnungen keine Soldaten, sondern ganz andere Leute eingezogen sind. Diese Wohnungen waren nämlich ausgesprochen begehrt.

Haben Sie gespürt, dass die Russen den Abzug als Rausschmiss betrachtet haben?

Das war zu spüren. Klar. Auch bei der Debatte um die richtige Form der Verabschiedung. Es war eine Verabschiedung zweiter Klasse. Ganz anders als die Verabschiedung der Amerikaner oder Franzosen …

Wie war die Stimmung in der Truppe?

Das hing doch sehr vom Rang ab. Ein gewöhnlicher Soldat hatte nichts zu sagen. Der hat seine zwei Jahre gedient und von Deutschland nichts weiter gesehen. Sein Leben war erbärmlich: Nicht selten schliefen 90 bis 100 Soldaten dicht gedrängt in einem Saal. Jeder Soldat hatte eine Art Nachttisch, in dem er sein Waschzeug drin hatte, ein Bett, eine Zudecke und zwei Uniformen. Die eine lag auf einem Hocker, darunter standen die Stiefel. Neben dem Saal gab es eine Kleiderkammer, in der die Zweit-Uniformen hingen. Ansonsten besaß der sowjetische Soldat nichts. Nichts Persönliches, nicht einmal ein Bild seiner Eltern oder seiner Freundin. Insofern betraf die Soldaten der Abzug aus Deutschland nicht wesentlich. Es war egal.

Und die Offiziere? Waren die eher geneigt, in Deutschland zu bleiben?

Der große Teil von ihnen war tatsächlich sehr zufrieden in Deutschland. Ein Offizier, der ins Ausland versetzt wurde, hatte einige Vorteile: Der Sold war besser und er konnte Dinge kaufen, die es in der UdSSR nicht gab.

In der Zeit des Abzugs hat nun jeder Offizier versucht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das Tollste war dann, als am 1. Juli 1990 die D-Mark in die DDR kam. Von da an bekamen die Offiziere ihren Sold in D-Mark ausgezahlt. Und dafür konnten sie zum Beispiel einen Lada kaufen, den man in Deutschland bereits für 300 bis 1.000 Mark bekam. Und die Lada waren sehr begehrt. Ich traf etliche Offiziere, die mir sagten: Ich muss unbedingt zwei Autos mitnehmen. Eines ist für mich und das andere verkaufe ich und bekomme dafür eine Eigentumswohnung in Russland. Und so wurden Tausende Lada in Einzelteile zerlegt und in Kisten verpackt. Und dann auf die Güterzüge verladen. Sie stellten eine gewisse Sicherheit für die Offiziere dar. Denn die wussten ja nur in den seltensten Fällen, wohin sie verlegt werden und hatten große Zukunftsängste.

Was sehen Sie als die größte Leistung im Rahmen des Abzugs an?

Der gesamte Abzug war ein gigantisches Unternehmen: Ein Abzug von insgesamt mehr als 500.000 Menschen innerhalb von drei Jahren und acht Monaten durchzuführen. Das war eine kapitale Leistung. Und das alles auch noch einigermaßen reibungslos verlief …

Wobei man ja noch bedenken muss, dass die Russen ja gleichzeitig auch aus Polen, Ungarn und der ČSSR ihre Truppen abgezogen haben. Insgesamt waren das mehr als eine Million Menschen, die nach Russland zurückkehrten. Und die auch wieder integriert werden mussten - in einem zerfallenen Land. Das muss man ja schließlich auch bedenken. Die UdSSR war inzwischen zerfallen. 

Über Günter Pätz Oberstleutnant Günter Pätz war Leiter des Deutschen Verbindungskommandos zu den sowjetischen Streitkräften in Sachsen und Thüringen. Sein 25-köpfiges Kommando hatte die Aufgabe, den Abzug der rund 150.000 in Sachsen und Thüringen stationierten Sowjetsoldaten samt ihrer 60.000 Angehörigen zu organisieren.

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2014, 15:46 Uhr