Todesopfer an der Berliner Mauer

Es war ein Sonntagmorgen, an dem viele Berliner nicht in Ruhe ausschlafen konnten. Der Lärm von Presslufthämmern dröhnte durch die Stadt, Straßen wurden aufgerissen, Gräben ausgehoben. Hans-Hermann Hertle und Maria Nooke schrieben ein Buch über die Todesopfer an der Berliner Mauer.

In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 hatten Einsatzkräfte der Volkspolizei damit begonnen, eine Mauer um West-Berlin zu errichten, um der Flüchtlingswelle aus dem Sowjet-Sektor in die Sektoren der westlichen Alliierten Einhalt zu gebieten. Noch am selben Tag bezeichnete der Berliner Senat nach einer Sondersitzung diese Mauer als "die Sperrwand eines Konzentrationslagers".

Die Zahl der Mauertoten noch ist unbekannt

Wie viele Menschen die Berliner Mauer in den 28 Jahren ihres Bestehens tatsächlich das Leben gekostet hat, konnte bis heute nie sicher geklärt werden. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) und die Stiftung Berliner Mauer haben sich vorgenommen, "dieses Defizit zu beheben". Mit dem Forschungsprojekt "Todesopfer an der Berliner Mauer" haben sich die Wissenschaftler zum Ziel gesetzt, "die Zahl der Todesopfer an der Mauer zu ermitteln, die Lebensgeschichten und Todesumstände aller Mauertoten durch solide Quellen zu dokumentieren" – den Opfern ein Gesicht zu geben. In minutiöser Arbeit wurden und werden sämtliche verfügbaren Angaben zu Todes- und Verdachtsfällen ausgewertet, Listen überprüft, Gerichts- und Stasi-Akten gewälzt und Zeitzeugen und Angehörige von Opfern befragt. Bis heute wurden 575 Fälle erfasst und geprüft.

Ein biographisches Handbuch fasst nun den aktuellen Forschungsstand zusammen und gibt Raum für die bewegenden Geschichten von 136 Maueropfern.

Keiner hat geholfen

Eines von ihnen ist Cengaver Katranci. Der 8-jährige Sohn einer türkischen Familie füttert am 30. Oktober 1972 Schwäne – am westlichen Ufer der Spree nahe der Oberbaumbrücke an der Sektorengrenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Er fällt in den Fluss, der auf diesem Gebiet gänzlich zur DDR gehört. Sein Freund holt Hilfe, doch dem Angler, der schon begonnen hat, sich auszuziehen, wird im letzten Moment bewusst, dass er bei seinem Rettungsversuch in DDR-Gebiet eindringen und riskieren würde, von den Grenzsoldaten auf dem anderen Ufer erschossen zu werden. Er springt nicht. Dramatische Minuten folgen: Die schnell herbeigerufenen West-Berliner Zollbeamten, Polizisten und Feuerwehrleute müssen hilflos mit ansehen, wie ein Tankschiff in Begleitung eines DDR-Löschbootes zwar zögernd doch schließlich vorbeifährt an dem Ertrinkenden. Alle Rufe und Gesten zu den DDR-Grenzern am anderen Ufer verhallen, ohne dass die rettende Erlaubnis, ins Wasser springen zu dürfen, erteilt wird. Vor den Augen zahlreicher Menschen ertrinkt das Kind.

Drei ähnliche Fälle mussten noch passieren, bis Jahre später, nach zähen Verhandlungen, endlich eine Vereinbarung zustande kam, die bei Unfällen dieser Art die Rettung der Verunglückten ermöglichte.

artour-Beitrag Von Dennis Wagner

Buchtipp Buch: Hans-Hermann Hertle / Maria Nooke (Hrsg.): "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch".
Ch. Links Verlag (August 2009). Ca. 360 Seiten. 24,90 Euro.
ISBN: 978-3-86153-517-1.

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2009, 11:13 Uhr