12. März '91 | Teil 3/3 Arbeitsamt und Eierwürfe

Die übergroßen Wohlstandserwartungen an die deutsche Einheit erweisen sich für viele als Illusion. Die meisten der einst volkseigenen Betriebe können dem Wettbewerb nicht standhalten. Die Verunsicherung ist riesig, seit Jahresbeginn laufen beispiellose Entlassungswellen. Sie treffen eine Bevölkerung, die das Phänomen Arbeitslosigkeit nicht kennt.

Auch die Infrastruktur zur Bewältigung des Problems muss im Osten erst aufgebaut werden. Viele fühlen sich gedemütigt, wenn sie eine Nummer ziehen müssen, hinzu kommen lange Warteschlangen. Oft sind die Arbeitsämter in ehemaligen Kasernen oder Gebäuden der Staatssicherheit untergebracht – auch das, so sagt ein arbeitsloser Akademiker, befördert das Gefühl, "zur Verschiebemasse der Einheit zu gehören". Und auch wenn immer wieder gesagt wird, die Sanierung und Abwicklung der Betriebe sei unumgänglich für den Aufbau einer funktionierenden Marktwirtschaft, so verursacht der Gang der Dinge doch auch wachsenden Unmut in der Bevölkerung.

Buh-Rufe für den Kanzler der Einheit

Schon Anfang April 1991, bei einem Besuch von Helmut Kohl in Erfurt, fliegen eine Handvoll Eier in Richtung Bundeskanzler. Doch als er am 10. Mai Halle an der Saale besucht, treffen die Wurfgeschosse des Unmuts den Kanzler aufs Jackett. Helmut Kohl verliert die Fassung: Zur Überraschung seiner Leibwächter stürmt er auf die Eierwerfer zu. Später wird er vor Journalisten sagen: "Da ich nicht die Absicht habe, wenn jemand vor mir steht und mich bewirft, davonzulaufen, bin ich eben auf die zu und da stand ein Gitter dazwischen und das war von Nutzen – für wen habe ich nicht gesagt, das überlasse ich ihnen."

Nachspiel ohne Folgen?

Zu den Eierwerfern von Halle soll auch der stellvertretende Juso-Vorsitzende des Ortes gehört haben. Das bringt die SPD in Erklärungsnot. Der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Dr. Reinhard Höppner, sagt über den Eierwurf: "Der wichtigste Schaden ist der, dass nach Halle nur noch über das Eierwerfen diskutiert worden ist. Über die Probleme, die wir hier haben, und um die es eigentlich geht, über die man auch intensiv hätte diskutieren und streiten müssen, die sind runtergefallen. Und damit sind die Menschen, die es betrifft, heruntergefallen."

Polizei und Innenminister von Sachsen-Anhalt werden heftig wegen ihres schlechten Sicherheitskonzeptes kritisiert. Und die SPD soll sich öffentlich entschuldigen. Doch die Forderung verläuft im Sande. Entschuldigt hat sich am Ende niemand. Für einige politische Beobachter markiert der Eierwurf von Halle einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Helmut Kohl und den Ostdeutschen.

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2010, 18:48 Uhr