Grenzerfahrungen Der Zaun um das Staatsgefängnis DDR

Offiziell war der "antifaschistische Schutzwall" errichtet worden, um vor einer militärischen Aggression aus dem Westen zu schützen. Tatsächlich diente das Grenzregime vor allem dazu, die Bürger an der Flucht nach Westdeutschland zu hindern.

Nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 war die Demarkationslinie zwischen beiden Staaten zunächst noch durchlässig. Es gab offizielle Grenzübergangsstellen für den kleinen Grenzverkehr. Tausende Menschen gingen zudem auf heimlichen Wegen hinüber und herüber. Doch seit dem 26. Mai 1952 herrschte ein rigides Grenzregime. Die Übergangsstellen für den kleinen Grenzverkehr wurden geschlossen. Die Polizei ließ mitteilen, dass gegen illegale Grenzübertreter "von der Waffe Gebrauch gemacht" werde.

Schlagartig konnten Arbeitskräfte nicht mehr ihre Arbeitsstellen auf der anderen Seite erreichen. Zugleich begann die DDR mit der Einrichtung eines etwa fünf Kilometer breiten Sperrgebietes entlang der gesamten Grenze. Die Bewohner dieser Sperrzone hatten sich innerhalb von 48 Stunden eine Aufenthaltsberechtigung in Form eines Ausweisstempels zu beschaffen. Gaststätten, Kinos und Pensionen im Sperrgebiet wurden geschlossen, sämtliche Versammlungen und Massenveranstaltungen, auch Gottesdienste, verboten.

"Aktion Ungeziefer"

Unter dem Namen "Aktion Ungeziefer" folgte in den letzten Maitagen 1952 und dann noch einmal Anfang Juni die Zwangsaussiedlung derjenigen, die das Regime für potentielle Gegner hielt bzw. als unzuverlässig einstufte. Mehr als 4.400 von der Zwangsaussiedlung bedrohte Bewohner des Sperrgebietes entzogen sich durch Flucht in den Westen – noch war die Grenze nicht undurchdringlich. Die Zwangsumsiedlung hinterließ bei den im Sperrgebiet Zurückgebliebenen Angst und Schrecken. Wie wirksam diese Willkürmaßnahme im Sinne des Systems gewesen war, zeigte sich am 17. Juni 1953: Während es in 700 Ortschaften der Republik zu Streiks oder anderen Aktionen kam, blieb es an der Grenze ruhig.

Militarisierung des Grenzregimes in den 1950er-Jahren

Nach dem Beitritt der DDR zum Warschauer Vertrag 1955 war die DDR-Grenzsicherung in die Gesamtplanung des sowjetischen Militärs einbezogen. Das hatte eine Militarisierung der Grenzsicherung zur Folge. Die dem DDR-Innenminister unterstellte Deutsche Grenzpolizei erhielt Schützenpanzerwagen, Selbstfahrlafetten sowie Panzer- und Flugabwehrraketen. Nun sollte sie nicht mehr nur die Fluchtversuche vereiteln, sondern auch einen NATO-Angriff an vorderster Front.

Zäune, Gräben, Alarmeinrichtungen prägten das Bild an der Grenze – sie wurde immer unüberwindbarer. Fluchtwillige wählten in diesen Jahren den Weg über Westberlin. Dort war es durch den besonderen Viermächtestatus für DDR-Bürger noch möglich, mit der S-Bahn das Land zu verlassen. Zwischen August 1953 und Ende 1958 meldete das Notaufnahmelager Marienfelde eine Million Flüchtlinge. Nach der Berlin-Krise 1958 verschärfte sich die Situation noch einmal: Das Ultimatum der Sowjets an die Westalliierten sollte ihren Weggang aus Berlin erzwingen, scheiterte aber und bewirkte eine Art "Torschlusspanik" in der DDR-Bevölkerung. 1960 flüchteten 200.000 Menschen von Ost nach West. Bis Ende Juli 1961 verlor die DDR noch einmal 130.000 Einwohner. Der Arbeitskräftemangel führte zu Produktionsausfällen in den Schlüsselbetrieben der DDR-Wirtschaft – eine Existenz bedrohende Krise. Ulbricht reagierte mit dem Bau der Berliner Mauer im August 1961. Ab jetzt wurde auch an der Grenze in Berlin geschossen.

Betonmauer und Minenfelder

Im September 1961 übernahm das Ministerium für Nationale Verteidigung die Deutsche Grenzpolizei, die nun "Kommando Grenze der Nationalen Volksarmee" hieß. Eine interne Bestandsaufnahme dokumentierte, dass bis dahin lediglich zehn Prozent der Westgrenze mit einreihigen Stacheldrahtzäunen gesichert waren und auch die Postendichte wurde als zu gering eingeschätzt. Mit der Einführung der Wehrpflicht 1962 mussten Wehrpflichtige auch bei den Grenztruppen dienen. Sie stellten etwa die Hälfte der Truppe, die 1963 etwa 52.000 Mann betrug.

Nach Plänen des sowjetischen Marschalls Konjew begann der Ausbau der Grenzanlagen unter anderem mit Drahtsperren, Beobachtungstürmen und Minenfeldern. Insgesamt wurden zwischen 1961 und 1983 etwa 1,3 Millionen Bodenminen auf 770 Kilometer Grenzlänge verlegt. Die Minen sollten Flüchtenden den Fuß abreißen. Ab den 1970er-Jahren kamen Splitterminen vom Typ SM 70 zum Einsatz – diese sogenannten Selbstschussanlagen waren so konstruiert, dass bei Be- oder Entlastung eines lose gespannten Drahtes immer drei Minen gleichzeitig detonierten. Aus einem Trichter verschossen sie etwa 100 scharfkantige Metallwürfel von fünf bis acht Millimeter Seitenlänge, Reichweite bis zu 280 Meter. 1982 war etwa ein Drittel der Grenze mit Splitterminen bestückt. Offiziell wurden Minen und Selbstschussanlagen in der DDR nie erwähnt – und doch hatten die Berichte aus dem Westen über verletzte oder getötete Grenzflüchtlinge eine abschreckende Wirkung. Bis 1993 waren 34 Todesopfer durch Boden- oder Splitterminen bekannt.

Entlastung, Entspannung, Erlösung

Zehn Millionen Mark kostete allein die Ausrüstung der Grenze mit den Minen des Typs SM 70 – nur ein geringer Teil der immensen Ausgaben, die von der DDR für die Grenzsicherung aufgebracht wurden. Allein zwischen 1961 und 1964 kostete der Bau und Betrieb der Grenzanlagen 1,8 Milliarden Mark. Ein echter Belastungsfaktor für die Wirtschaft war auch, dass mehr als 50.000 arbeitsfähige junge Männer durch den Grenzdienst der Volkswirtschaft fehlten.

Das Grenzregime schlug aber nicht nur wirtschaftlich ins Kontor – vor allem schadete es dem internationalen Ansehen der DDR. Der 1983 von Franz Joseph Strauß vermittelte Milliardenkredit war unter anderem an die Bedingung gebunden, die Minen abzubauen. Schon ein Jahr vorher hatte die NVA den Neubau von Grenzsicherungsanlagen eingestellt. Bei den Grenztruppen selbst wurde der nun beginnende Rückbau der Minenfelder als Beitrag zur Entspannungspolitik ausgegeben.

Wie gefährlich die Mauer blieb, zeigten immer wieder gescheiterte Fluchtversuche. Der letzte durch Schüsse an der Berliner Mauer getötete Flüchtling war im Februar 1989 Chris Gueffroy. Vor dem Überwinden des letzten Metallgitterzauns trafen ihn zehn Kugeln. Am 3. April 1989 verfügte Erich Honecker, dass die Schusswaffe gegen Grenzverletzer nur noch zur Selbstverteidigung einzusetzen sei. Mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs 1989 in Ungarn begann eine neue Fluchtbewegung aus der DDR über die nunmehr "grüne" Grenze nach Österreich. Damit war ein absurdes Grenzregime "von hinten" ausgehöhlt worden – es fiel am 9. November 1989 in sich zusammen.

Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2010, 13:16 Uhr