Günther Skibbe
Bildrechte: Edith Skibbe

DDR-Aufbauhelfer in Lebensgefahr Tödliches Attentat in Mosambik

Neun DDR-Entwicklungshelfer fahren am 6. Dezember 1984 auf die Staatsfarm Unango. Wegen der unsicheren Lage in Mosambik werden die Landwirte von Bewaffneten eskortiert. Von den neun Männern kehrt aber nur einer zurück. 2009 kommen vier ehemalige DDR-Aufbauhelfer nach Mosambik und erinnern sich an das Attentat von 1984.

Günther Skibbe
Bildrechte: Edith Skibbe

1980 startet die DDR eines der größten landwirtschaftlichen Projekte in Afrika überhaupt. 120.000 Hektar Land sollen kultiviert werden. In Unango, im Norden Mosambiks, entsteht deshalb ein sozialistischer Musterbetrieb. Hier arbeiten auch viele Aufbauhelfer, die aus der Nähe von Jena kommen und von ihrer LPG nach Mosambik delegiert wurden. Im Februar 1979 kommt der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker in die mosambikanische Hauptstadt Maputo und unterzeichnet einen weitreichenden Vertrag über Freundschaft und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Zehntausende Mosambikaner werden als Ausbildungs- und Arbeitskräfte in die DDR geschickt. Im Gegenzug kommen zahlreiche DDR-Spezialisten als Aufbauhelfer.

Für viele ist es die einzige Möglichkeit, etwas von der großen, weiten Welt zu sehen. Sie lernen Portugiesisch und bereiten sich auf ihren Aufenthalt in Mosambik vor. Die DDR-Hilfe ist allerdings nicht umsonst: das rohstoffreiche Mosambik bezahlt u.a. mit Steinkohle aus Moatize. Hans-Joachim Döring, Autor einer Studie über die Solidarität der DDR mit Mosambik, entlarvt die eigentliche Motivation unter dem Deckmantel der Solidarität: die Devisenschwäche der DDR. Denn die Rohstoffe aus Mosambik lässt sich die DDR devisenfrei liefern.

Die DDR-Landwirte werden in einem noch von den Portugiesen Mitte der 70er-Jahre errichteten Wohnblock in Lichinga untergebracht. Auch Edith Skibbe und ihr Mann Günther wohnen in dem U-förmigen Gebäude. Ihre Kinder dürfen nicht mit nach Afrika, weil sie schon zur Schule gehen. Aber Wasserboiler und Möbel kommen extra aus der DDR. So steht dann die DDR-Schrankwand in einer Wohnung mit Balkon, von dem man auf die heiße, rote Erde Mosambiks blickt.

Bürgerkrieg in Mosambik

1984 ist die Situation in Mosambik schwierig. Mittlerweile herrscht Bürgerkrieg, in dem marxistische FRELIMO gegen die von Südafrika unterstützte RENAMO kämpfen. Die DDR unterstützt die FRELIMO militärisch, doch die Fronten sind unklar. Für die Aufbauhelfer wird das Leben in Mosambik immer gefährlicher. Auch die Staatsfarm Unango ist von Überfällen betroffen. Der Vogtländer Klaus Pohl, der 1984 auch in Lichinga wohnt, erinnert sich an die Sorgen und an den Entschluss, erst einmal zu bleiben und mit militärischer Begleitung nach Unango zu fahren.

Der Anschlag

Monika Smardz, die als einzige Frau auf der Musterfarm Unango arbeitet, wohnt mit ihrem Mann Wolfgang ebenfalls in Lichinga. Doch während ihr Mann am 6. Dezember 1984 mit seinen acht Kollegen nach Unango fährt, bleibt sie zu Hause. Auch Edith Skibbe verabschiedet sich wie jeden Morgen von ihrem Mann. Die neun Männer verlassen früh um 06:30 Uhr Lichinga, 07:00 Uhr setzt sich der Konvoi mit zwölf Mann Begleitschutz in Bewegung.

Kurz vor Unango muss der Laster, ein W50, an einem Berg langsamer werden. Plötzlich wird mit einer Panzerfaust auf den LKW geschossen. Klaus Pohl lässt sich aus dem Führerhaus des W50 fallen und schafft es ins Dickicht des Straßengrabens. "Es war wirklich wie im Krieg", blickt Klaus Pohl auf das Geschehen zurück. Ein Lastwagen nimmt ihn mit, auf der Ladefläche liegen seine ermordeten Kollegen.

In Lichinga angekommen, muss Klaus Pohl den wartenden Ehefrauen seiner Kollegen die schreckliche Nachricht mitteilen. Bereits am nächsten Tag werden die toten Männer, alle Frauen und Kinder mit einer Sondermaschine in die DDR ausgeflogen. Die Nachrichtensendung der DDR, die "Aktuelle Kamera" vermeldet, dass "bei einem brutalen Überfall konterrevolutionärer Banden sieben Bürger der DDR heimtückisch ermordet" wurden. Ein achter DDR-Bürger stirbt noch kurz darauf an seinen schweren Verletzungen. Neben einem jugoslawischen Helfer kommen auch Mosambikaner ums Leben - wie viele es sind, ist bis heute nicht geklärt.

Zur Klärung des Attentats auf den Konvoi am 06.12.1984 kommt es nie. Selbst das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) kann in seinem Bericht nur "vom kapitulantenhaften Verhalten fast aller Sicherungskräfte" sprechen. Doch das eigentlich Verwunderliche ist der Obduktionsbericht des Gerichtsmedizinischen Instituts der Charité Berlin. Die DDR-Volkspolizei, inzwischen mit den Ermittlungen betraut, kommt nun nämlich zu der Erkenntnis, dass die tödlichen Projektile aus "Waffen vom Typ Kalaschnikow aus sowjetischer Bauart verschossen" wurden. Die ehemaligen DDR-Aufbauhelfer Manfred Grunewald, Wilfried Meinert, Dieter Obendorfer sowie Witwe Edith Skibbe wollen mehr wissen. Nachdem die Staatsanwaltschaft Gera das Verfahren in Deutschland 2009 einstellte und den Fall an das Gericht in Maputo verwies, sind die Hintergründe des Anschlags immer noch unklar.

Wofür mussten unsere Männer sterben?

Die vier Deutschen fahren am 6. Dezember 2009 wieder die Strecke nach Unango. Von der Musterfarm ist kaum etwas übriggeblieben, nachdem die DDR-Helfer fort waren. Die Provinz-Regierung hat 2009 einen Gedenkstein für die toten Deutschen errichten lassen. Sichtlich gerührt übergibt Edith Skibbe während der Einweihungszeremonie symbolisch die Toten der Erde Afrikas und resümiert traurig: "Eigentlich ist es sehr, sehr bitter, dass nichts geblieben ist. Und da fragt man sich, wofür mussten unsere Männer sterben?"

Buchtipp Hans-Joachim Döring:
"Es geht um unsere Existenz. Die Politik der DDR gegenüber der Dritten Welt am Beispiel von Mosambik und Äthiopien"
Aus "Forschungen zur DDR-Gesellschaft. Band 8"
Christoph Links Verlag, Berlin, 2001

Stichwort: RENAMO Sie wurde 1975 gegründet und vor allem durch das Apartheid-Regime von Südafrika unterstützt. Die RENAMO überzog Mosambik mit Anschlägen auf Infrastruktureinrichtungen und Terrorangriffen, bei denen auch zivile DDR-Bürger ermordet wurden. Nach einer politischen Annäherung zwischen Südafrika und Mosambik Mitte der 1980er-Jahre willigte die RENAMO ein, die Waffen niederzulegen und als politische Partei bei freien Wahlen anzutreten. Sie bildet seit der Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen 1994 die stärkste politische Oppositionskraft im Lande.

Stichwort: FRELIMO Sie wurde 1962 als Unabhängigkeitsbewegung für Mosambik gegründet. Nach dem Rückzug der Kolonialmacht Portugal übernahm die FRELIMO in der Hauptstadt Maputo die Macht und führte einen sozialistischen Einparteienstaat ein. Die im wesentlichen von Südafrika unterstützte antikommunistische RENAMO führte seit 1975 einen Guerillakrieg gegen die FRELIMO, der nach und nach das ganze Land überzog. Ab 1984 kam es zu einer Annäherung der FRELIMO an Südafrika und 1990 zu einem Friedensschluss, der zugleich das Ende des bewaffneten Kampfes der RENAMO beinhaltete. Seit den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen 1994 hat die FRELIMO alle Präsidentschafts- und Parlamentswahlen gewonnen.

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2011, 16:14 Uhr