Bericht I.M. sein heißt Punk sein

Marcus Hugk erzählt von der kurzen Karriere einer DDR-Punkband, deren 14-jährige Mitglieder sich einen coolen Bandnamen gaben. Und er erzählt von der Stasi, die nicht an Zufälle glaubte...

von Marcus Hugk

Im Jahre 1983, als wir alle so um die 13 bis 15 Jahre alt waren, entschlossen wir uns, eine coole Punkband im kleinen Dorfe Adlershof* (Treptow/Berlin) zu gründen. Wir wollten Musik machen, wie sie uns in den Kopf kam, frei von jeder musikalischen Struktur und staatlichen Zwängen, von Texten etc. Man könnte hinzufügen, wir selbst waren von der "westlichen Volksverhetzungspropaganda-Maschinerie" verseucht worden - hörten also "John Peels Music", Rias oder andere Musiksender, die frei waren von den geistigen Sturzflugangriffen der offiziellen DDR-Musikszene.

Unsere ersten Besuche und Begegnungen bei Punkertreffen auf’m Kulturpark oder auf’m Alex 1982 hinterließen solch ein neues mentales Gerüst, das wir unbedingt dieser Szene etwas Positives hinzufügen wollten (ob musikalisch oder rein emotional sei heute dahingestellt).

Also begannen wir Musikinstrumente zusammenzubasteln (selbst gebaute E-Gitarren, Verstärker etc.) oder Teile von der Arbeitsstelle meines Vaters auszuborgen. (Er war Musiker beim Ministerium des Innern - wenn die gewusst hätten… haha).

Tape 1 und Tape 2 entstehen

In kürzester Zeit "entsprangen" uns zwei kurze Geräuschattacken, die wir mit "Karl Marx und seine Familie" Tape 1 (ein Slogan, den wir in unseren Schulbüchern fanden, mit dem man uns ein ganzes Jahr lernstofflich folterte) und "Schwarzer Kanal" Tape 2 (mit Intro aus dem Original Soundtrack) betitelten. Die gaben wir in der Gemeinschaft der damaligen anderen Punx herum (denn es gab ja keine Tape-Kopiermaschinen).

In unserer Blauäugigkeit merkten wir nicht, wie Mister Staat* sein Augenmerk auf jene Punk-Jugendsubkultur lenkte und anfing, Freunde und Bekannte aus nichtigen Gründen zu verhaften, Berlin-Verbot erteilte oder andere Strafen verhing. Wir waren eben doch noch Kinder, und spielerisch nahmen wir es überhaupt nicht ernst, dass weder unsere Texte noch unsere Musik den Genossen gefallen könnten. Oder sagen wir, wir gingen von einer Art Schock-Therapie* aus (Mut zur Kritik) und sahen nicht die anrollenden Konsequenzen.

Ein guter Name muss her

"Gut" dachten wir uns, "unsere geniale Musik ist aufgenommen, jetzt kommt die Werbung, und ein guter Name musste her..." Und da "Punk" so etwa mit "Abfall" ins Ostdeutsche übersetzt wurde und wir gleichzeitig die Internationale* kannten (ein Lied, das jeder kleine Jungpionier lernen musste) - aber nicht die Welt, kam unserer Gitarrist auf die lustige Idee, als Namen "Internationale Müllabfuhr" zu wählen.

So wollten wir der ganzen Welt verkünden - oder wenigstens unseren Punkerfreunden - wie cool wir und unsere Musik sind - international eben...

Also kauften wir uns Spraydosen und begannen sofort, unsere graue Umgebung mit tollen Graffitis zu verschönern. Nur merkten wir nach den ersten Sessions*, dass die lange Schreibweise unseres Bandnamens den Adrenalinspiegel des Sprühers ins Vielfache potenzieren ließ. Außerdem war uns schon klar, das solche Malereien auf dem all umgebenen Alltagsbeton des Ostens nicht gerne gesehen wurden. Deshalb entschlossen wir uns zu einem Kürzel, einer Abkürzung. Der Anfang vom Ende unserer steilen Karriere war damit besiegelt.

Es war das Kurzwort „IM“ und keiner ahnte, was wir damit auslösten...

Wir begannen unsere Werbeaktion in nächster Umgebung und verschönerten Adlershof und andere Stadtteile Berlins, in dem Versuch, so viele Punks wie möglich auf unser Kürzel aufmerksam zu machen. Die Fahndung auf anderer Seite lief da schon auf Hochtouren mit Schockwellen unbekannten Ausmaßes, denn wer außer einem internen Informanten des MfS konnte von diesem geheimen Kürzel etwas wissen?

Das ging so ein bis zwei Wochen gut, bis so genannte Kriminalpolizisten in unserer Schule erschienen, die wir ja auch mit "IM"-Logos verschönert hatten… Sie holten mich aus dem Unterricht, denn der Verdacht lag nur bei ein paar Verrückten* unserer Schule, wir sahen ja auch schon so aus wie Aufwiegler.

Verhöre durch die Stasi und erzwungene Abkehr

Schlussendlich landeten alle unsere Bandmitglieder in den Verhörzimmern der so genannten Kriminalpolizei. Wie sich herausstellte, natürlich bei den Kollegen der Staatssicherheit, die uns alle mit ewig wiederkehrenden Fragen nervten und traktierten. Auf deren Tischen fanden sich Fotos und Aufnahmen unserer Bandsessions, Texte etc. wieder. Zum Glück nicht jene staatsfeindlichen Songs, die uns sicher einige Jahre Jugendwerkhof eingebracht hätten.

Immer wieder kamen sie auf unseren Bandnamen zu sprechen. Wer die Idee für das Kürzel hatte und dessen bildliche Verteilung an Haustüren, Wohnblocks und so weiter. CIA, BND? Wir konnten uns ja nicht denken, dass dieser einmalige Name auch von der Staatsicherheit in internen Unterlagen benutzt wurde.

Unsere Kassetten und andere Bilddokumente wurden beschlagnahmt. Wir wurden zur einer politischen "Abkehr" aufgefordert, uns von der Punkgemeinschaft zu trennen. Was für uns natürlich nicht in Frage kam. Einer von uns musste trotzdem in den Jugendwerkhof. Irgendwie konnte man ihm wohl vorsätzlich politische Umtriebe in Verbindung mit Beschädigung sozialistischen Eigentums nachweisen - er war damals 14 Jahre alt.

Noch einmal Glück gehabt…

Schließlich aber stellten sie fest, dass es keinen Zusammenhang ihrer und unserer benutzten Kürzel gebe und stellten das Strafverfahren gegen "IM" ein. Man zwang uns zu einer Registrierung unseres musikalischen Gedankengutes bei der Stadt Treptow. Außerdem sollten wir uns einen neuen Namen geben. Der wurde uns aber auch nicht erlaubt - wir hatten uns den neuen Band-Namen "Cosaken Combo" ausgesucht...

So gaben wir es fürs Erste auf, denn der Schock saß tief: die Stunden, die wir in Dunkelzellen verbracht hatten, mit der Ahnung, vielleicht nicht mehr raus zu kommen - jedenfalls behaupteten das damals die Offiziere des MfS gegenüber. Ich für meinen Teil ging kurz darauf in den Westen, mit der Absicht, vielleicht mit Punk Karriere zu machen. as ist mir nie richtig gelungen, aber vielleicht auch gut so... ist eben nicht salonfähig.

Wir waren noch Kinder

Erst bei meiner Sichtung der Staatssicherheitsakten in den Neunzigern gingen mir viele neue Lichter auf und der Bearbeiter meiner Akte in der Gauck-Behörde sagte: "Ihre Akte ließt sich wie ein Krimi..." Danke auch. Zumal wir ja noch Kinder waren – egal ob wild gekleidet oder nicht.

Freiräume, egal ob in der Musik oder in anderen Bereichen, sollten überwacht und gegebenenfalls zensiert werden. Der Mief alter Diktaturen spiegelte sich im Alltag der DDR klar wieder. Man musste nur richtig hinschauen. Doch viele Bürger in der damaligen DDR verlernten es hinzuschauen, oder waren es gewöhnt wegzuschauen. Und dies ist kein Phänomen der Deutschen, es ist ein menschliches...

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2004, 12:34 Uhr