7. Oktober 1989 Die Gründung der SDP in Schwante

Harald Seidel aus Greiz ist ein Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei (SDP) in der DDR. Der Kulturpolitiker war bis 2004 Mitglied des Thüringer Landtags, ist Vize-Kreisvorsitzender der SPD und im Greizer Kreistag tätig. Als Leiter der Projektreihe "Prominente im Gespräch" interviewt er erfolgreich seit Jahren Minister, Schauspieler und Schriftsteller.

von Harald Seidel

Am 7. Oktober 1989 fuhren in aller Frühe vier Greizer im Trabant in das kleine Dorf Schwante bei Berlin. Im Pfarrhaus von Schwante wollten sich eine Reihe Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Bürgerbewegungen der DDR treffen, um die Sozialdemokratische Partei in der DDR wieder ins Leben zu rufen. Das damalige politische System krachte an allen Ecken und Enden. Massenflucht, brennende Kerzen, Fürbitt-Gottesdienste und gewaltige Demonstrationen bestimmten das Bild im Osten Deutschlands. Dennoch feierte die DDR am gleichen Tag in perfider Weise ihren 40sten Geburtstag. Es sollte der letzte sein.

Die am 7. Oktober ´89 von Gorbatschow in Berlin getroffene Aussage: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", wurde zum Richterspruch für die ewig Gestrigen um Honecker. Nur wenige Kilometer vom Ort der Jubelfeier entfernt, in Schwante im Kreis Oranienburg, vollzog sich zum gleichen Zeitpunkt die illegale Neugründung der Sozialdemokratischen Partei (SDP).

Nach der Vernichtung der SPD durch die Zwangsvereinigung zur SED auf ostdeutschem Boden war die Neugründung der Sozialdemokratie in der DDR nach fast einem halben Jahrhundert ein Ereignis von historischer Tragweite. Viele Sozialdemokraten Ostdeutschlands, die sich der Zwangsvereinigung und der Gruppe um Ulbricht widersetzten, waren verhaftet, verschleppt, in Gefängnisse und Lager gebracht worden oder gingen zwangsweise ins deutsch/deutsche Exil. (Erwähnt sei in diesem Zusammenhang die Biographie des großen Thüringers und Sozialdemokraten Hermann Brill).

Im Gemeindesaal des Pfarrhauses von Schwante hatten sich 43 Frauen und Männer aus fast allen Bezirken der damaligen DDR eingefunden, um die Wiedergründung der Sozialdemokratischen Partei in die Wege zu leiten. Neben den vielen politischen Gruppierungen des Herbstes ´89 hatten sich hier Menschen zusammengefunden, die ein klares Bekenntnis sowohl zur Bürgerbewegung der DDR als auch zur langen Tradition der Sozialdemokratie zum Ausdruck brachten.

Gern erinnere ich mich an die Ankunft vor dem Pfarrhaus in Schwante. Neben Markus Meckel waren wir Greizer die ersten, die eintrafen. Der kleine Gemeindesaal musste aufgeräumt werden. Überall standen Stiegen mit Äpfeln und Birnen herum, die schon als Wintervorrat eingelagert waren und erst einmal zur Seite geräumt werden mussten. Das Gestühl wurde aus der schlichten Kirche herbei getragen. Der kalte Raum wurde anschließend mit Kohle beheizt.

Eine Kuriosität am Rande: Pfarrer Joachim Kähler, der Gastgeber, wurde von furchtbaren Zahnschmerzen geplagt und empfing uns mit dick verschwollenem, schmerzverzerrtem Gesicht. Es kam einer "Tragikomödie" gleich, dass sich unter den 43 anwesenden Personen vier Zahnärzte befanden, die sich aber leider aufgrund nicht vorhandener Gerätschaften außer Stande sahen, Pfarrer Kähler von dem schmerzenden Weisheitszahn zu befreien.

Wir waren 43 Gründungsmitglieder, darunter – wie bereits erwähnt – vier Zahnärzte und 17 Theologen. Etwas spöttisch wurde deshalb in den folgenden Wochen unsere junge Partei die "Pfarrer-Partei" genannt, zumal die Zahl der Theologen in der SPD noch zunahm. Umso unglaubwürdiger muteten deshalb damals die Vorwürfe aus Kreisen der Ost- und West-CDU an, die SPD rekrutierte sich vorwiegend aus SED-Kadern.

Zur Gründung selbst herrschte eine erwartungsvolle Spannung. Der Gründungsakt wurde vollzogen, indem auf mehrheitlichen Wunsch und Beschluss die sofortige Wahl eines Vorstandes als erster Schritt in die Tat umgesetzt wurde. Denn die Gefahr einer Zerschlagung der Gründungsveranstaltung durch das Ministerium für Staatssicherheit schwebte über uns.

Daher brauchte man gewählte Entscheidungsträger, die für diesen Fall im Namen der Partei zur Aussage befugt waren. Der Wahlakt bzw. der Anfang der Versammlung wurden auf Video aufgezeichnet und umgehend über eine ausländische Botschaft nach West-Berlin den Medien zugespielt. Zudem wurden Willy Brandt und die sozialistische Internationale von der Wiedergründung der Partei informiert.

Nach den Vorstandswahlen – als Geschäftsführer wurde Ibrahim Böhme, als erster Sprecher Stefan Hilsberg, als zweite Sprecher Angelika Barbe und Markus Meckel gewählt – hielt Markus Meckel eine programmatische Rede. Im Anschluss daran gab es eine lange und ausführliche Diskussion, in deren Rahmen auch eine Geschäftsordnung erstellt wurde. Damit war die Sozialdemokratie auf den Boden der damaligen DDR wieder als Partei zurückgekehrt.

In der Folge gründeten sich in vielen Orten Initiativ- und Basisgruppen. Überall erwachte der sozialdemokratische Gedanke neu. Die SDP verzeichnete einen riesigen Zulauf. Ortsvereine und Kreisverbände schossen wie Pilze aus dem Boden. Die SDP – später SPD – wurde zum Hoffnungsträger im Osten. Am 27.01.1990 gründete sich der SPD-Landesverband Thüringen im historischen "Tivoli" in Gotha. Willy Brandt sprach an diesem Tag zu 50.000 Menschen auf dem Gothaer Hauptmarkt und zu 30.000 Menschen auf dem Eisenacher Marktplatz.

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2005, 17:07 Uhr