Zeitzeuge Teil 3 Wolfgang Engels

Wolfgang Engels rast mit einem Schützenpanzerwagen durch die Berliner Mauer. Nach der Flucht in den Westen sagt sich seine Mutter von ihm los.

Wolfgang Engels ist in Düsseldorf geboren und fühlt sich im Westen zu Hause. 1952 zieht seine Mutter mit ihm im Auftrag der Kommunistischen Partei von Düsseldorf nach Ost-Berlin, später nach Dresden. 1957 lernt er den Beruf eines Schlossers in Ost-Berlin. Mutter und Stiefvater, angestellt beim Innenministerium und bei der Staatssicherheit, verstehen sein Heimweh nach Düsseldorf nicht.

Wolfgang Engels wird 1960 Soldat, im August 1961 von Rügen nach Ost-Berlin zur "Grenzsicherung" versetzt, später auch zur Patrouille an der Grenze. Er wendet sich innerlich mehr und mehr von der DDR ab: "Zu dieser Zeit war ich am Aufbau des Sozialismus nur noch wenig beteiligt." Nach dem Wehrdienst wird er Kraftfahrer und Mechaniker bei einer NVA-Baueinheit.

Ein Erlebnis im Frühjahr 1963 ist Anlass für den Entschluss, die DDR zu verlassen. Wolfgang Engels ist eines Abends mit seinen Freunden in der Ost-Berliner Innenstadt in der Nähe der Mauer unterwegs. Plötzlich halten Grenzsoldaten sie fest. Der Vorwurf: versuchte Republikflucht. "Man nahm uns einfach nicht ab, dass wir ausgehen und im guten Anzug und in guten Schuhen nicht fliehen wollten." Die Jugendlichen werden verhaftet, im LKW zum Verhör gefahren, Konsequenzen drohen.

Die Reaktion der Mutter erschüttert Wolfgang Engels zutiefst: Sie verteidigt das Vorgehen der Grenzsoldaten. Für ihn steht fest: "Die nächste Gelegenheit ist deine." Auf die muss er nicht lange warten. Für die alljährliche Parade zum 1. Mai sammeln sich Soldaten und Fahrzeuge auf dem NVA-Gelände. Er geht auf die Fahrer der Schützenpanzerwagen zu, fachsimpelt mit ihnen, lässt sich die Technik erklären und die Soldaten im Gegenzug eine Proberunde mit "seiner" schnittigen Dienstlimousine fahren.

Als die Soldaten zum Essen abmarschieren, setzt sich Wolfgang Engels kurzerhand in einen Panzerwagen. Unbehelligt fährt er in Richtung Berlin-Treptow – dort kennt er eine geeignete Stelle für einen Durchbruch – über Betonplatten, durch Stacheldrahtrollen direkt auf die Mauer zu: "Da hat es den Motor abgewürgt". Das vordere Drittel des Fahrzeugs steht im Westen, der Ausstieg aber noch im Osten. Er verlässt das Fahrzeug und versucht die restlichen Meter zu überwinden – plötzlich "feuert mir einer der heraneilenden
Grenzsoldaten aus so ungefähr fünf Metern in den Rücken".

Trotz seiner schweren Verletzungen gelingt die Flucht, ein West-Berliner Polizist gibt ihm Feuerschutz, Zivilisten helfen ihm über die Stacheldrahtbarrieren. Nach seiner Genesung gelangt Wolfgang Engels in die alte Heimat, nach Düsseldorf. Er ruft seine Eltern an, die aber jeden Kontakt verweigern. Seine Mutter sagt sich von ihm los und schickt seine Briefe an die Staatssicherheit.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 11:27 Uhr