Bericht Herbsterinnerungen

Am 9. Oktober 1989 kommt es in meiner Heimatstadt Halle/Saale wahllos zu zahlreichen, gewalttätigen Übergriffen durch Polizei und Angehörige der Staatssicherheit. Dies geschieht im Anschluss an das montags stattfindende Friedengebet in der "Marktkirche".

von Steffi Beckmann

6. November 1989

Seit vier Wochen bereits bin ich mit meiner Tochter in "Sankt Georgen". Die Mahnwache begann am 10. Oktober 1989. Pfarrer Hans H. öffnete die Pforten seiner Kirche unter dem Motto "Freiheit für die zu Unrecht Inhaftierten", auf Grund der Übergriffe am Abend des 9. 10. 1989. War es wirklich nur ein Zufall, als ich mit meiner Tochter am Abend des 10. Oktobers an der Kirche vorbei fuhr? Sie sah die Kerzen auf den Mauern brennen, die Leute welche unablässig durch die weit geöffneten Pforten strömten. Dann sagte sie: "Mami, ich glaube die feiern hier ein Fest, lass uns doch einfach hineingehen und nachschauen." Wir gingen und blieben.

Ich stehe im Innenhof des Kirchengeländes. An einen Mauervorsprung gelehnt, rauche meine, ich weiß nicht wievielte, Zigarette. Es ist still. Über mir ein klarer Sternenhimmel, als ob absolut nichts die Welt erschüttern könnte. Während ich den Himmel betrachte, kreisen die Gedanken wild in meinem Kopf. Sie wollen sich einfach nicht sortieren lassen. Zu viel hat sich in den letzten Wochen ereignet. Nicht nur in meinem Privatleben. Sondern auch in meinem Leben, innerhalb einer Gesellschaft in die ich hinein geboren wurde, in der ich aufwuchs und in der ich seit etwas mehr als 25 Jahren lebe.

Mein Leben plätscherte bis vor kurzem ganz gemächlich, jedoch wohl geordnet und organisiert vor sich hin.

Ich war ab und an unzufrieden, hatte mich schon oft geärgert, wenn ich alltägliche Dinge nicht kaufen konnte. Doch ich hatte mich mit diesem Leben arrangiert. Ich hatte mich beispielsweise daran gewöhnt, dass ich mir keine Hose kaufen konnte, wenn ich Lust darauf hatte. Ich kaufte Hosen, wenn der Buschfunk wohl funktionierend signalisierte, "in der Jugendmode gibt es welche". Passten sie zufällig und gefielen mir, dann ging das schon in Ordnung.

An vieles hatte ich mich gewöhnt, nur an Eines nicht. Nicht daran, dass in unseren wöchentlichen Arbeitsberatungen ständig erzählt wurde, welch große Errungenschaften die DDR zu feiern hatte. Wie großartig doch alles ist, dass der "produzierende Bereich" stets seine Pläne erfüllt und meistens sogar über erfüllt. Nicht daran, dass die Kinder in meiner Kindergartengruppe bereits mit 4 oder 5 Jahren wissen mussten, welche Rolle das Politbüro des ZK der SED in unser aller Leben spielte.

Ich konnte und wollte mich nicht daran gewöhnen, dass die Kleinen zum 1. Mai, inbrünstig singend "mein Bruder ist Soldat", mit ihren Eltern marschierten. An der großen Haupttribüne vorbei zogen um Papierfähnchen schwenkend, den politisch Verantwortlichen zu winken. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen, als in einer eilig zusammen gerufenen Beratung mitgeteilt wurde, dass ein Kind aus unserem Kindergarten ab sofort nicht mehr zu uns kommen wird, da die Eltern über Nacht aus der DDR ausgewiesen wurden und Hals über Kopf das Land verlassen mussten. Man tuschelte so einiges, hinter vorgehaltener Hand, damals.

Etwas musste sich ändern, dass ahnte ich längst. Doch ich fühlte mich hilflos, bis zu diesem Friedensgebet am 09. Oktober 1989.

Ich stehe immer noch an den Mauervorsprung gelehnt, meine Zigarette ist längst herunter gebrannt, mir ist kalt, ich bin müde, ich kann mich nicht von dem Anblick meiner Umgebung lösen. Jetzt noch nicht. Ich bin gefangen in diesem fast gespenstischen und unwirklich erscheinenden Moment.

Entlang der Kirchenmauern und im Innenhof brennt ein Meer von Kerzen. Menschen kommen und gehen, manche schweigend, andere leise flüsternd und einige versuchen vorsichtig kurze Diskussionen in Gang zu bringen. Die meisten von ihnen blicken ängstlich und teilweise ratlos um sich. Irgendwer ist immer damit beschäftigt, neue Kerzen zu entzünden, eben erst verloschene Lichter durch Neue zu ersetzen. Es scheint als ob alle darauf bedacht sind dafür zu sorgen, dass die einmal entfachte Flamme nun nicht mehr erlöschen kann. Trotz dieser fast beängstigenden Lautlosigkeit scheint in diesem Moment eine einzigartige Einigkeit zu herrschen, die keines Wortes mehr bedarf.

Die an der Kirche vorüber fahrenden Autofahrer geben durch ein kurzes Hupsignal zu erkennen, "Wir sind mit euch, auch wenn wir jetzt nicht bei euch sein können. Wir unterstützen euch, auf unsere eigene Art."

Eine ältere Dame kommt auf mich zu. Das Gehen fällt ihr sehr schwer. Auf ihren Stock gestützt steht sie vor mir und hat Mühe einen Gesprächsanfang zu finden. Einige Augenblicke stehen wir uns stumm gegenüber. Zögernd streckt sie mir ihre, von harter Arbeit gezeichnete, Hand entgegen, öffnet sie. Sie überreicht mir, fast schon feierlich, einen 20 Mark Schein und sagt: "Ich bin schon sehr alt und habe in meinem Leben bereits viel erlebt. Jetzt habe ich eine kleine Rente und kann ihnen nicht viel geben. Doch das was ich geben kann, kommt aus meiner innersten Überzeugung und von ganzem Herzen". Sie blickt mir dabei fest in die Augen und berührt in diesem Moment mein Herz in seinem tiefsten Inneren. Dann dreht sie sich um und so langsam wie sie gekommen war, entfernt sie sich wieder. Ich blicke ihr nach, meine Augen füllen sich mit Tränen. Heiß laufen sie über mein Gesicht. Von meinen Emotionen überwältigt, finde ich in diesen Sekunden keine Erklärung dafür.

Es wird Zeit wieder zurück in das Pfarrhaus zu gehen. In den vergangenen Wochen saß ich am "Kontakttelefon" 24 Stunden, meist jedoch länger. Ich weiß nicht, wie hoch mein Zigarettenkonsum derzeit ist und seit dem 10. Oktober habe ich begonnen, Kaffee zu trinken. Nein, ich trinke ihn nicht, ich schütte Becher um Becher in mich hinein. Nur nicht müde werden, nur nicht einschlafen. Ein ständiges Kommen und Gehen herrscht auf dem Kirchengelände.

Es hat sich ein "Besetzungs-Stamm" in unserer Mahnwache herauskristallisiert bestehend aus ca. 30 bis 40 Leuten, die ständig auf dem Gelände sind. Pfarrer Hans H. und seine Familie, einige Mitglieder der "Jungen Gemeinde St. Georgen", der Bautrupp von "St. Georgen", Pfarrer S. und viele mehr. Eine Gruppe von Punks ist seit dem ersten Tag ebenfalls dabei.

Bis vor einigen Wochen wusste ich nicht einmal so genau, was ein Punk eigentlich ist. Ich glaube wenn ich einigen von ihnen früher auf der Straße begegnet wäre, hätte ich ängstlich die Gehwegseite gewechselt. Doch jetzt bin ich gerade ihnen sehr dankbar. Sie machen sich in der Küche nützlich, kochen Kaffee und bemühen sich darum, dass alle mit Essen versorgt werden. Viele Menschen haben in den letzten Tagen Lebensmittel für uns gespendet.

Einige der Punks kümmern sich liebevoll um meine sechsjährige Tochter, sie spielen mit ihr, sie lesen ihr vor und wenn sie Hunger hat, geben sie ihr etwas zu essen. Wenn sie müde ist, bleiben mindestens zwei von ihnen immer an ihrer Seite und bewachen ihren Schlaf. Während ich am Telefon sitze und Informationen quer durch die ganze DDR weitergebe, nach Vermissten suche, Kontakt zu anderen Mahnwachen halte, von kurzfristigen Aktionen erfahre und die Gruppe in St. Georgen darüber informiere.

Viele Menschen haben sich Hilfe suchend an Hans gewandt, um die schrecklichen Erlebnisse vom 9. Oktober verarbeiten zu können. Es kam zu unzähligen Zuführungen, Menschen wurden geschlagen, verschleppt, erkennungsdienstlich erfasst, eingeschüchtert und eingesperrt.

Hans hat sich entschlossen, mit jedem Einzelnen Gespräche zu führen, und "Gedächtnisprotokolle" zu erstellen. Dort wo erkennbar war, dass Gewaltanwendungen vorlagen, organisierte er Arztbesuche und sorgte dafür, dass die Verletzungen somit auch medizinisch begutachtet und in Krankenberichten durch den untersuchenden Arzt protokolliert wurden.

Ich habe keine Angst um meine Tochter oder um mich selbst, fühle mich sicher, nützlich und geborgen in dieser Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Es ist mir nicht klar, dass wir uns alle in Gefahr befinden. Erst Monate später, als die Aufarbeitung der Geschehnisse begonnen hatte weiß ich, es war zu diesem Zeitpunkt eine Gratwanderung.

9. November 1989

Zwei junge Männer aus der Gruppe begleiten uns zum ersten Mal nach langer Zeit, nach Hause. Überhaupt, geht keiner von uns allein vom Kirchengelände. Nur so können wir uns gegenseitig schützen.

Es ist bereits nach 20.00 Uhr. Ich möchte endlich wieder in meinem eigenen Bett schlafen, in meiner Badewanne liegen. Also sage ich Hans Bescheid, schnappe meine Tochter und bitte Jürgen und Torsten uns nach Hause zu begleiten. Wir alle sind ziemlich erschöpft und es bleibt nicht aus, dass meine Kleine auf dem Heimweg in meinen Armen einschläft. Nichts und niemand kann sie wachrütteln.

Beim Öffnen der Wohnungstür fällt mir ein, was ich seit Wochen verdrängt habe. Ich bin allein und wiederum auch nicht. Seit dem 15. 09. 1989 bin ich geschieden, mein Ex – Mann bewohnt zwar noch ein Zimmer in meiner Wohnung. Doch seit Wochen habe ich ihn weder gesehen noch gesprochen. Das ist auch gut so. Im Moment ist er nicht zu Hause. Zum Glück. Also bringe ich zuerst die Kleine in ihr Bett, lasse mir in der Zwischenzeit ein heißes Bad ein. Nach den vergangenen Erlebnissen ist das jetzt Luxus pur. Ich tauche unter, entspanne mich und genieße seit langer Zeit die Stille um mich herum.

Später schlafe ich auf meinem Sofa im Wohnzimmer ein, falle in einen fast todesähnlichen Schlaf.

4.00 Uhr am Morgen

Ich werde unsanft von meinem Ex–Mann aus dem Schlaf gerissen. Er rüttelt an mir herum und ich habe das Gefühl, er schreit mich viel zu laut an. Ich höre nur von ihm: "Die haben die Mauer aufgemacht, die haben die Mauer aufgemacht". Immer wieder wiederholt er diese Worte. Begreifen kann ich im Moment überhaupt nichts. So versuche ich, ihn im Halbschlaf abzuwehren und trotz allem höre ich mich in diesem Augenblick selbst sagen: "Wer weiß, was los ist, die machen sicher einen Testlauf, um zu sehen, wie viele abhauen, heute Abend ist bestimmt wieder alles zu" . Dann schlafe ich erneut ein, erst gegen 10.00 Uhr bin ich wirklich wach und glaube noch immer, dass ich etwas zu lebhaft geträumt habe.

Benommen gehe ich in die Küche, um meinen Kaffee zu kochen, wie immer stelle ich den Fernseher an. Die Meldungen in den Nachrichten überschlagen sich und die Bilder der Nacht bzw. der frühen Morgenstunden sprechen eine deutliche Sprache. Ich kann nicht glauben, was ich sehe und höre. Ist der Spuk jetzt wirklich vorbei oder ist es der Anfang vom Ende?
Und ich? Ich habe diesen geschichtsträchtigen Augenblick letztendlich verschlafen.

Ich wecke meine Kleine und mache mich mit ihr auf den Weg nach "St. Georgen". Die Straßen sind wie leer gefegt, eine Stadt mit ca. 300.000 Einwohnern war über Nacht zur Geisterstadt geworden. Eine merkwürdige Stille umgibt uns.

Als wir in "St. Georgen" ankommen, nichts. Ich muss eine ganze Weile suchen, bevor ich Hans finde. Wir stehen uns gegenüber um uns im nächsten Moment in den Armen zu liegen. Wir weinen beide.

Viele von uns haben sich noch in der Nacht auf den Weg nach Berlin gemacht. Um diese einzigartige Stimmung an der "Mauer" mitzuerleben. Jubel auf allen Plätzen und Straßen. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, Lachen, Weinen, Tanzen, Feiern.

Es ist still heute in St. Georgen, wenige sind jetzt hier um noch einmal die Kerzen anzuzünden, sich an die vergangenen vier Wochen zu erinnern, um vielleicht jetzt schon von dem Einen oder Anderen Abschied zu nehmen. Um ein ganz neues Leben zu beginnen.

Ich kann bis heute diese Situation kaum mit Worten beschreiben. Überwältigt ließ ich mich damals von der herrschenden, euphorischen Stimmung tragen, ohne mich auch nur von der Stelle bewegen zu können.

Was auch in der Zukunft geschehen wird, ich werde mich immer an diese Tage mit Euch erinnern.

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2004, 14:48 Uhr