Lexikon Polytechnische Oberschule (POS)

Mittlere Reife | Zehnklassenschule | Wehrkundeunterricht

Das Kernstück des Bildungswesens der DDR war die so genannte Polytechnische Oberschule (POS) als "staatliche, unentgeltliche, einheitliche Pflichtschule", die der "kommunistischen Erziehung" dienen und "allen Kindern eine hohe Allgemeinbildung" vermitteln sollte.

Die zehnjährige allgemeinbildende polytechnische Oberschule wurde ab 1959 schrittweise für alle Kinder eingeführt, ab 1980 besuchten etwa 94% aller Absolventen der 8. Klasse auch die 9. und 10. Die anderen, leistungsschwächeren Schüler, deren Zahl beständig sank, begannen nach dem 8. Schuljahr eine zwei- bis dreijährige Berufsaubildung. Das neue Schuljahr startete jeweils zum 1. September und hatte 210 Unterrichtstage, die auch den Sonnabend einschlossen.

Überwiegend weibliche Lehrkräfte

Die POS war in Unter-, Mittel- und Oberstufe gegliedert. In den Klassen 1-4 (Unterstufe) unterrichteten Unterstufenlehrer, die ihre Unterrichtsbefähigung an einem der zahlreichen "Institute für Lehrerbildung" erworben hatten, sowie Pionierleiter, die für die Fächer Kunsterziehung oder Musik eine Lehrbefähigung besaßen. In den Schuljahren 5-7 (Mittelstufe) und 8-10 (Oberstufe) übernahmen Oberstufenlehrer den Unterricht. Sie hatten an den Pädagogischen Hochschulen (PH) oder Universitäten des Landes studiert, verfügten über ein Diplom sowie die staatlich anerkannte Lehrbefähigung für zwei Fächer der unterschiedlichsten Kombinationen. Der Lehrerberuf war eine Domäne der Frauen. In der Unterstufe gab es fast ausschließlich weibliche Lehrkräfte, auch in der Mittel- und Oberstufe waren männliche Lehrer stark unterrepräsentiert. Zu dieser "Rollenverteilung" trug nicht zuletzt die bis in die 70er Jahre übliche schlechte Bezahlung der Lehrer bei, die unter dem durchschnittlichen Lohn eines Arbeiters lag.

Polytechnische Ausbildung

Nicht sehr umfangreich und effizient war die Fremdsprachenausbildung an der POS. Zwar umfasste sie nach amtlichen Angaben 7,3% der Unterrichtsstunden, doch ab dem 5. Schuljahr wurde ausschließlich Russisch, später (ab der 7. Klasse) fakultativ auch Englisch oder Französisch unterrichtet. Trotz der recht hohen Russischstundenzahl (sechs Wochenstunden in Klasse 5; fünf in Klasse 6; drei in Klasse 7-10) blieben die Russischkenntnisse der Schüler bescheiden. Kaum ein Schulabgänger beherrschte die Sprache aktiv. Dagegen rangierte die Ausbildung in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern auch im internationalen Vergleich auf hohem Niveau; ebenso wurde der produktionsbezogene polytechnische Unterricht, in dem die Schüler auf das Berufsleben vorbereitet werden sollten, als beachtlich eingeschätzt. In den Fächern "Einführung in die sozialistische Produktion" (ESP) und "Produktive Arbeit" (PA) sollten die Schüler anhand eigener praktischer Tätigkeit eine Einführung in die Theorie und Praxis des Arbeitsalltags gewinnen. Dennoch führte gerade der PA-Unterricht - alle zwei Wochen arbeiteten die Schüler für einen Tag in der Produktion eines Betriebes - zu zahlreichen Diskussionen unter Schülern, Eltern und Lehrern. Zu zeitig würden die Schüler mit der "Gammelei" eines sozialistischen Arbeitsalltags konfrontiert oder für wenig sinnvolle und anspruchslose Tätigkeiten eingesetzt, so die Kritikpunkte.

Wehrkundeunterricht

Darüber hinaus kam es nicht nur in Sachen Staatsbürgerkundeunterricht zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Betroffenen. Im Brennpunkt der Kritik stand auch der so genannte Wehrkundeunterricht. Die Staatsbürgerkunde wurde zunehmend als notwendiges Übel hingenommen; es war bekannt, dass eine gute Note für EOS- oder Studienplatzbewerbungen unabdingbar war. Der Wehrkundeunterricht wurde im Schuljahr 1978/79 ab Jahrgangsstufe 9 als Pflichtfach eingeführt. Damit wurde die von der GST betreute vormilitärische Ausbildung fester Bestandteil der Lehrpläne an den POS und EOS. Eine entsprechende Integration vormilitärischer Übungen und militärpolitischer Instruktionen in den Unterrichtsalltag galt auch für Berufsschulen und Studiengänge. An den POS und EOS erfolgte die Ausbildung sowohl während des Unterrichts als auch in der Freizeit. In der 9. und 11. Klasse hatten die Jungen zeitaufwändige Lehrgänge in speziellen Ausbildungslagern der GST zu absolvieren; die Mädchen wurden währenddessen für Aufgaben der Zivilverteidigung (Sanitätsdienste) ausgebildet, konnten aber auf Wunsch auch an den Ausbildungsprogrammen der Jungen teilnehmen.

Noten und Zeugnisse

Zweimal jährlich erhielten die Schüler Zeugnisse: das Halbjahreszeugnis vor den Winterferien im Februar und das Jahreszeugnis vor den Sommerferien im Juli. Bewertet wurde mit den Zensuren 1 bis 5, der Zensurendurchschnitt hatte bei allen möglichst gut zu sein. So war es keine Seltenheit, dass selbst Schüler mit einem Notendurchschnitt von unter 1,5 nicht zur EOS zugelassen wurden. Die Zensurengebung spielte eine große Rolle: Die Noten sollten die Leistungsfähigkeit des sozialistischen Bildungssystems demonstrieren; gleichzeitig wurden Schülerzensuren als Ausdruck der jeweiligen Lehrerleistung gewertet. Auch die weitere berufliche Entwicklung (ob Studium oder Berufswahl) hing vom Fetisch der Durchschnittsnote, den Leistungen in den so genannten Hauptfächern sowie vom gesellschaftlichen Engagement eines Schülers ab. Da es an den Hochschulen und Universitäten der DDR faktisch nur NC-Fächer gab (für jede Studienrichtung wurde die Zahl der zugelassenen Bewerber zentral festgelegt), wurden die Noten besser und besser: das Volksbildungssystem bewies seine Leistungskraft ...

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2010, 12:06 Uhr