Anekdote Glasbausteine gegen Speck

von Lotti Buchwald

Bei Herbert zeigten sich bereits die ersten grauen Haare, als ihm endlich das ersehnte Stückchen Gartenland zugewiesen wurde. Lange hatte er darauf warten müssen, denn schon vor Jahren stand es für ihn fest, sich in die große Schar der glücklichen Garten- und Laubenbesitzer einzureihen.

Von staatlicher Seite war dann eines Tages ein brachliegendes Feld am Rande der Stadt in einzelne Parzellen aufgeteilt und unter der immensen Anzahl von Bewerbern vergeben worden. Frohgemut griff Herbert zu.

Die Wartezeit, bis es schließlich mit dem Gärtnern und Bauen so richtig losgehen konnte, wusste er sinnvoll zu nutzen. Seit langem schon hatte er mit dem Organisieren und Sammeln von Material, das vielleicht irgendwann einmal gebraucht wurde, begonnen. Das fing mit solide geformten Türgriffen oder ordentlichen Beschlägen an und hörte mit einigen Brettern und Balken, die er ebenfalls (das muss man einfach mal gestehen) in seinem volkseigenen Betrieb still und leise "abgegriffen" hatte, noch lange nicht auf.

Auch ein Wasserhahn war ihm im passenden Moment auf diese Weise so mir nichts dir nichts in die Tasche gerutscht. Im Kellerverschlag seiner Hochhauswohnung bildete sich langsam ein ansehnliches Lager.

Hin und wieder war er allerdings gezwungen, auf sein sorgsam gehütetes Sortiment zurückzugreifen, um andere wichtige Sachen dafür einzutauschen, die es auf normalem Wege nicht zu kaufen gab. So ging es ihm auch mit den Glasbausteinen, zu denen er vor einiger Zeit ganz unverhofft gekommen war und die aus diesem Grunde den Besitzer inzwischen leider wechseln mussten.

Ach, wäre doch die Sache mit der Beschaffung von Baumaterial nur einfacher gewesen! Gerade jetzt hätte er die Steine für seine Laube, die langsam in die Höhe wuchs, sehr gut gebrauchen können. Nun trauerte er ihnen nach und musste zusehen, wie er anderweitig zurechtkam.

Ein guter Geist hatte ihm die durchsichtigen Objekte eines Tages einfach in den Schoß fallen lassen, und dieser glückliche Umstand soll hier noch einmal offen gelegt werden:

In seiner Heimatstadt hatte man damit begonnen, die alte Sporthalle aus längst vergangener Zeit auf Vordermann zu bringen. Das war auch überfällig, denn weder von innen noch von außen machte sie nach all den Jahren einen ansprechenden Eindruck. Drinnen fiel der Putz von den Wänden, die Fenster waren morsch, und draußen schien rein gar nichts mehr in Ordnung zu sein.

Herbert warf fast täglich einen Blick auf die Baustelle und den Fortgang der Arbeiten, denn sein sechster Sinn meldete unterschwellig, dass da vielleicht - eventuell - bald irgendwelche interessanten Sachen passieren könnten.

Und die geschahen dann auch recht schnell. Es fing damit an, dass neben dem alten Eingang zur Halle ein Loch in die Wand geschlagen wurde, das die Form eines großen Fensters hatte. Ja, und einige Tage später war plötzlich hinter diesem patenten Durchblick für aufmerksame Beobachter ein ganzer Haufen fein säuberlich aufgesetzter Glasbausteine zu erkennen.

Donnerwetter, dachte Herbert, das ist ja was richtig Tolles. Die kann ich bestimmt mal für irgendwas verwenden. Zu kaufen gab es für den ganz normalen Bürger so etwas Schönes kaum. Und so kam es, dass sich eines dunklen Abends plötzlich zwölf Glasbausteine in der Ecke seines Schlafzimmers wieder fanden.

Rasch wurde ein Tuch darüber gebreitet, und hurtig verwandelte sich der schwere Packen in ein Podest, auf dem das Kinderbett seinen Platz fand. Dort lag der gläserne Vorrat erst einmal blickdicht, trocken und warm, fraß kein Brot und wartete in Ruhe ab, bis seine große Stunde kam. Die sollte dann schon recht bald kommen, wenn auch nicht für den Zweck, für den die Steine eigentlich gedacht waren.

Gerade zu dieser Zeit herrschte, ob man es glauben will oder nicht, ein gewisser Speckmangel in besagtem Land hinter der Mauer. Lebensmittel waren zwar in reichlichem Maße vorhanden, doch manchmal trat ganz unversehens, aus heiterem Himmel sozusagen, ein Engpass auf, mit dem man anschließend eine Weile zu kämpfen hatte. Zur Zeit der zwölf im Untergrund harrenden Glasbausteine war’s eben der Speck, der sich rar machte.

Fleisch gab es ja zu kaufen, doch der Speck hatte sich auf wundersame Weise verflüchtigt. Weder vom fetten noch vom mageren konnte man ein Schnipselchen ergattern. Was war passiert? Wo war der Speck geblieben? Wurden die Schweine auf Schmalkost gesetzt, hatten die staatlichen Mäuse in den Specklagern gehaust? Niemand konnte es so richtig erklären. Auch dass nun, da es keinen Speck mehr gab, alle plötzlich einen Riesenappetit auf Geräuchertes bekamen, war schon ein merkwürdiges Phänomen.

Und der leicht verwirrte Westbesuch, der sich ahnungslos im Laden angestellt hatte, erhielt auf seinen Wunsch, "Ich hätte gern ein Stückchen Speck", vom Fleischer die lapidare Antwort: "Ick ooch!" Und so kam der Gute auch nicht in den Genuss von speckdurchwürfelten, knusprigen Bratkartoffeln, die ihm sein Gastgeber so gerne vorgesetzt hätte.

Bei Herbert ließ sich die Gier nach Speck schon gar nicht mehr bremsen. Doch ehe wir dieses leidige Thema weiter verfolgen, wollen wir zunächst darauf zu sprechen kommen, warum die Glasbausteine, die er eine ganze Weile neben seinem Bett versteckt gehalten hatte, viel zu früh wieder verschwanden.

Nun, das hängt ebenfalls mit Herberts unstillbaren Gelüsten nach frisch Geräuchertem zusammen, und schon der Gedanke an gebratenen Speck ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. An einem solch specklos-traurigen Tag traf er seinen alten Spielkameraden Werner, den er schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte.

Watzi, wie dieser seit seiner Schulzeit mit Spitznamen genannt wurde, hatte sich mächtig raus gemacht und ein kleines Fettbäuchelchen angesetzt. "Na, hältst Du immer noch Schweine?", fragte Herbert sogleich interessiert. "Klar", sagte der etwas aus dem Leim gegangene Freund, "was denkst denn Du? Ich baue sogar den Stall um, und wenn ich ein paar Glasbausteine hätte, wäre ich längst damit fertig."

Bei Herbert klappten die Lauscher hoch. "Mensch Watzi", rief er begeistert "da können wir ein prima Geschäft machen!" Und so kam es, dass Herbert in dieser mageren Zeit mit schönen dicken Speckstullen zur Arbeit zog, während seine Kollegen sich nur am Duft derselben laben konnten.

Doch eine Weile später hätte er sich in den Hintern beißen können. Aus war’s mit den netten Glasbausteinen in der Laubenwand, aber Speck, den gab’s nun wieder reichlich.

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2005, 14:43 Uhr