Anekdote Die Braut im Kornfeld

von Lotti Buchwald

Lothar war kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren worden und als die Mauer gebaut und die Grenze für alle dicht gemacht wurde, gerade erst den Kinderschuhen entwachsen. Als er seinen Wehrdienst antrat, verließ er zum ersten Mal für längere Zeit die Berge und Täler seiner Heimat, um flachere Gefilde zu erkunden. Und dort, kaum waren die ersten Schießübungen verhallt, traf ihn ein Pfeil aus Amors Bogen. Er verliebte sich bis über beide Ohren. Doch mit seinem auserkorenen Mädchen kamen gleichzeitig auch fast unüberwindliche Schwierigkeiten auf ihn zu.

Wie gern hätte er Gerlinde seinen Eltern einmal vorgestellt, aber das war einfach nicht möglich. Als das Verhältnis inniger wurde, man sprach inzwischen vom Heiraten, erkannten alle Beteiligten die ganze vertrackte Situation in ihrer totalen Ausweglosigkeit. Lothar war ein äußerst Heimat verbundener Mensch. Die Verlobung sollte deshalb in der schönen Umgebung seines Elternhauses gefeiert werden. Da die zukünftige Braut aber richtigerweise weder mit ihm verwandt noch sonst irgendwie mit seinem Heimatort verflochten war, erhielt sie natürlich auch keinen Passierschein. Und ohne diesen Schein kam Gerlinde offiziell weder ins grenznahe Elternhaus des Bräutigams, noch konnte sie dort in aller Öffentlichkeit seine Braut werden.

Aber Not und Liebe machen bekanntlich erfinderisch, und wo viel Liebe ist, gibt es auch viele Wege. Da waren zum Beispiel die nicht so ganz legalen Schleichwege. Und diese mussten nun genutzt werden, um dem Glück schnellstens auf die Sprünge zu helfen.
Lothar war bereits damals stolzer Besitzer eines flotten Motorrades. Mit seiner “Jawa“ holte er die Zukünftige vom etwa zweihundert Kilometer entfernten Wohnort eines Tages ab, karrte sie bis kurz vors Sperrgebiet und versteckte sie vorsichtshalber zunächst einmal in einem Kornfeld. Dort musste die Ärmste still verharren.

Derweil fuhr der Bräutigam in spe langsam nach Hause, peilte die Lage und beobachtete die Gegend nach möglichen Gefahren. Die Luft war rein. Kein Posten oder sonst ein Kampfgruppenheld, der womöglich auf der Lauer lag und ihm gefährlich werden konnte, war zu sehen. Eiligst kehrte er zum Brautversteck zurück, lud Gerlinde auf die knatternde Maschine, und husch ging’s ab ins Elternhaus. Heimlich wurde die Verlobung dort am nächsten Tag gefeiert. Eltern, Geschwister oder andere Verwandte der Braut kamen aus Gründen der Passierscheinproblematik leider nicht in den Genuss des verschwörerisch und doch so fröhlich begangenen Festes.

Nach der Hochzeit, die ein Jahr später im Hause ihrer Eltern stattgefunden hatte, durfte Gerlinde endlich ihren neuen Heimatort ganz hochoffiziell betreten, und bald fühlte sie sich sehr wohl in diesem reizvollen, wenn auch abgesperrten Umfeld. Der Alltag begann. Es war ein guter Alltag, denn sie gehörte zu einer ausgewählten Gruppe von Privilegierten. Hier war sie wer, und die Leute behandelten sie mit großer Achtung und Respekt.

Erlernt hatte Gerlinde zwar einen völlig anderen Beruf, doch nun arbeitet sie als Verkaufsstellenleiterin in einem staatlichen Textilgeschäft. Und dort hatte sie die Fäden in der Hand, wer was bekam und wer nicht. Da lohnte es schon, sich mit Gerlinde gut zu stellen, denn modische Bettwäsche, fesche Handtücher, flotte Schlüpfer und vor allem die hübschen Staßfurter Stützen für die Damen waren meist knapp oder nur in wenig verlockender Ausführung und Qualität vorhanden. Sie handhabte die Sache so, wie das Personal in den meisten anderen Verkaufsstellen ebenfalls damit umging: Wurde Ware angeliefert, dann machte sie das Geschäft erst einmal dicht.

„Wegen Warenannahme geschlossen”, stand, wie überall im Lande üblich, auf einem Schild an der Tür. In aller Ruhe sondierte das Verkaufspersonal zuerst einmal für den eigenen und für den Bedarf von Freunden, Verwandten oder sonstigen netten Leuten.
Jeder packte eine große Kiste, die, mit dem jeweiligen Namen der zuständigen Verkäuferin versehen, in einem der hinteren Lagerräume abgestellt wurde. Der Rest der Ware war zum Verkauf freigegeben, und wer am nächsten Morgen schon in aller Frühe auf seinem mitgebrachten Stuhl erwartungsvoll vor der Tür saß, hatte hin und wieder Glück, auch mal ein seltenes Stück zu ergattern.

Die “Bückware” aus der Kiste im Nebenraum war hauptsächlich für gute Kunden oder Bekannte bestimmt, die aus anderen Bereichen von Zeit zu Zeit etwas Besonderes bieten konnten, und so gingen die berühmten Büstenhalter oft für Bananen oder Apfelsinen und die spitzenverzierten Schlüpfer für andere nicht alltägliche Kostbarkeiten weg.

Eines Tages aber machte Gerlinde ihr größtes Geschäft. Zu dieser Zeit waren Textilien besonders knapp. Gerade hatte sie zusammen mit ihrem Ehemann ein altes Häuschen erworben, das vor allem innen aber auch von außen dringend instand gesetzt werden musste und beide waren dabei, nach den benötigten Materialien Ausschau zu halten. Zufällig kam Gerlinde in ihrem Laden mit einer Dame ins Gespräch, die im staatlichen Baustofflager arbeitete und die ihr hinter vorgehaltener Hand so einiges verriet.

Vor kurzem waren dort wunderbar abgelagerte Bretter angeliefert worden. Natürlich ruhten diese in einer dunklen Lagerecke erst mal gut auf Halde. Nur auserwählte Empfänger erhielten die Chance, jemals glückliche Besitzer dieser hochgeschätzten Hölzer zu werden. Gerlinde machte nun der Dame gegenüber Andeutungen, dass es von der hart umkämpften Textilfront ebenfalls Neuigkeiten geben könnte, in Form von netten Dessous und anderen hübschen Sachen.

Jede der beiden Damen schielte lüstern auf die im Hintergrund lockende Schatztruhe der anderen. Rasch erkannten sie die äußerst günstige Gelegenheit und im Handumdrehen war der Tausch perfekt. Gerlinde bekam die Bretter zugesprochen, zahlte sie auf der Stelle an und meldete ihrem fassungslosen Mann umgehend den plötzlichen Erwerb derselben. Ein Griff in die Wunderkiste, und schon konnte sich, selbstverständlich unter Einhaltung besonderer Vorsichtsmaßnahmen (guckt auch keiner?), die Dame vom Holzlager mit flotter Bettwäsche, nicht ganz alltäglichen Handtüchern und vor allem mit den lang ersehnten spitzenbesetzten Höschen gleichermaßen eindecken.

Die Prunkstücke aber waren einige der schnuckeligen Staßfurter BHs, die wegen ihrer guten Qualität und Passform stets vergriffen oder eben nur “unter der Hand” zu haben waren. Auf diese Weise hatten sich wieder einmal zwei vom Engpass gebeutelte Familien trotz der oft geschmähten Mangelwirtschaft einen lang gehegten Wunsch erfüllt und noch heute kann man die zur Holzdecke verwandelten Büstenhalter, Handtücher und Spitzenschlüpfer im fein vertäfelten Wohnzimmer von Lothar und Gerlinde bewundern.

Das auch äußerlich in die Jahre gekommene Haus hatte das Ehepaar von einer Dame vorgerückten Alters erworben, die in einen anderen Ort zu ihren Kindern gezogen war. Was sollte sie auch hier allein? Immer gab es das Problem mit den Passierscheinen und an eine Renovierung ihrer Wohnung konnte sie nicht einmal im Traum denken.

Lange schon war im Inneren des alten Gebäudes nichts mehr ausgebessert oder erneuert worden, und das sah man deutlich. Besonders die große Küche, in der sich auch eine uralte Badewanne für die wöchentliche Körperpflege breit machte, bedurfte des Umbaus. Lothar organisierte Steine, zog eine Wand durch den Raum, und von nun an waren Küche und das zukünftige Badezimmer in zwei kleinere Räume aufgeteilt. Für den Waschraum gestaltete sich die Renovierung aber ziemlich schwierig. Das fing wie immer mit den benötigten Kacheln für die Wände an und hörte mit der notwendigen neuen Badewanne noch lange nicht auf.

Die Wanne war ein Problem für sich. Ein Geschäft, in dem man diese nun hätte erstehen können, gab es, wie wir bereits wissen, im ganzen Lande nicht. Das wäre auch zu einfach gewesen. Nein, zuerst musste beim Rat des Kreises ein Antrag auf Bezug einer Badewanne für den Altbau gestellt werden. Dort wurde er gewissenhaft bearbeitet, was die beiden Bad-Sanierer an der Länge der Zeit erkannten. Aber nach einer Weile flatterte schließlich doch ein Schreiben ins Haus, das zum Kauf einer Badewanne berechtigte.

Nachdem das junge Paar seit etwa einem halben Jahr bei der zuständigen Baugenossenschaft immer und immer wieder angerufen und auf die baldige Zuteilung der neuen Wanne gewartet hatte, war es dann eines Tages endlich doch soweit. Mit der Zusage vom Rat des Kreises in der Hand, der die Berechtigung zum Wannenerhalt bescheinigte und unter Mithilfe einer “Multiameise N 27” wurde die Badewanne im Triumphzug abgeholt.

Dabei kam es zu einem Vorfall, über den sich Lothar auch nach vielen Jahren noch immer so richtig schön aufregen konnte: Nachdem er monatelang auf seine Wanne warten musste und beim Ausbau des Badezimmers einfach nicht weiterkam, entdeckte er jetzt bei der Ausfahrt aus dem Hof der Baugenossenschaft einen schlimmen Schlendrian, der mit diesem raren Sanitärartikel getrieben wurde.

Gerade, als er das Tor verlassen wollte, tuckerte ihm ein Traktor mit Hänger, vollgeladen mit Badewannen, entgegen. Lothar blieb der Mund offen stehen. Doch ehe er aus dem Staunen so richtig herauskam, wollte der Trecker auf dem schmalen Platz drehen. Durch die enge Wendung kam der Hänger über den Drehkranz und kippte um. Ein schreckliches Geschepper ertönte, und ein bizarrer Badewannenberg lag auf der Straße. Große und kleine Emaillesplitter spritzten umher. Fast alle Wannen waren nun mit einer kräftigen Beule oder mit hässlichen Flecken versehen. Fassungslos griff sich Lothar an den Kopf.

Bis heute ließ sich das Rätsel nicht lösen: Wo kamen die vielen Wannen auf einmal her? Lange konnte er sich nicht beruhigen, und seine Wut über das Unvermögen der zuständigen Planer und Lenker legte sich erst nach ausgiebigen Spaziergängen im Wald. Hier fühlte er sich wohl, hier schöpfte er Kraft und hier kam er auch langsam wieder zur Ruhe.

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2005, 14:59 Uhr