Auszug Ein Schwejk in der NVA

Kurt W. Fleming leistet in den 70ern seinen Dienst bei der NVA. Im Folgenden - ein Auszug aus seinem gleichnamigen Buch - beschreibt er seine Selbstbeförderung zum Major (für zehn Minuten), selbstverständlich ganz nach schwejkscher Art...

von Kurt W.Fleming

Es gibt keinen Grund, es zu leugnen: Ich war ein guter Soldat, weil ich kein guter Soldat war! Das ist ein Paradoxon, ich weiß! Und für diaklektisch* ungeschulte Wesen dieser Erde, denen es an philosophischem Bewusstsein mangelt, ist dies selbstredend unverständlich! Aber das Paradoxon löst sich leicht auf: Weil ich ein schlechter Soldat war, wurde ich nie befördert. Es war in der NVA Usus, ab dem dritten Diensthalbjahr zum Gefreiten befördert zu werden, was auch mehr Geld bedeutete. Und weil ich ein nie beförderter, weil ich also ein schlechter Soldat war, mit dem unsere Armee keinen Krieg gewonnen hätte, war ich eben ein – guter Soldat.

Dennoch hatte ich das Vergnügen, eine höhere militärische Position einzunehmen, ja, selbst ein Beförderer zu werden. Die genauen Umstände, wie es dazu kam, dass ich, ein Soldat, der nie, zumindest nicht in dieser Zeit, ein Gefreiter wurde, einen Soldaten zum Gefreiten beförderte, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Aber dass es so war, wie es war – es war so! Vielleicht hing es damit zusammen, dass man als Soldat weniger Geld bekommt, als wenn man Gefreiter ist. Da muss es wohl einen Soldaten gegeben haben, der mehr Geld brauchte, obwohl es sich bestimmt nur um 30 Mark pro Monat mehr handelte.

Kurzum: ich schrieb einen Antrag auf Beförderung des Soldaten in den Rang eines Gefreiten und gab diesen im Regimentsstab ab. Ich unterzeichnete diesen Antrag sogar mit meinem Namen, denn hier mit dem Namen eines der beiden Majore G... oder E... zu unterschreiben, wäre tatsächlich lebensgefährlich gewesen. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen.

Der Hammer an dieser Sache war: dem Antrag auf Beförderung wurde stattgegeben. Keiner der Offiziere, woher sollten sie es auch wissen, prüfte nach, wer da unterschrieben hatte. Einen Offizier Fleming kannte niemand, wie sollte man auch. Es gab ja so viele Offiziere im Regiment. Aber irgendwann muss doch jemand stutzig geworden sein. Wer, weiß ich nicht mehr. Wie dem auch war: die Beförderung wurde rückgängig gemacht, und so bewährt sich auch der Spruch: "Nichts währt ewig!" Dass mir nichts passierte, lag wohl daran, dass man sich der Lächerlichkeit ausgesetzt hätte, wäre dies publik geworden.

Mindestens einer der beiden Majore, G... oder E..., hätte diese Suppe auslöffeln müssen, und das war meistens verbunden mit einer Degradierung. Den Regimentskommandeur hätte dann ein ähnliches Schicksal ereilt, da man ihm vorgehalten hätte, seinen Laden nicht im Griff zu haben.

Da es also meinerseits dauerhaft nicht klappte, andere zu befördern, entschied ich mich eines Tages für eine Selbstbeförderung, eine Selbstbeförderung der besonderen Art. Es konnte keine für die Ewigkeit sein, denn das wäre auch dem dümmsten Offizier meines Bataillons aufgefallen. Also blieb mir nur eine kurzfristige Beförderung meiner Person. Diese ergab sich ganz spontan, war also in keinster Weise von mir geplant.

Dass ich mich selbst zu einer Selbstbeförderung für wenige Minuten in die Lage versetzen konnte, lag daran, dass ich in der Bataillonsschreibstube in einem Schubkasten Schulterstücke für die Felddienstuniform (ein Strich, kein Strich) eines Majors fand. Vielleicht nistete sich in diesem Augenblick in meinem Unterbewusstsein der Gedanke ein, diese später auch einmal zu benutzen.

Als sie nun zu uns in die Kompanie kamen, wurden sie erst einmal gemeinsam in einem Zimmer untergebracht. Sie sahen schon irgendwie ulkig aus in ihren nagelneuen Uniformen und mit ihren ängstlichen Augen. Und da trat ich auf! Statt ihnen in dieser dramatischen Situation beizuwohnen, ihnen das Händchen zu halten und Trost zu spenden, kam ich, der gute schlechte Soldat, auf die gemeine Idee, ihnen zu zeigen, wo es hier tatsächlich langging.

In Anwendung kamen diese Schulterstücke auf meinen schmalen Schultern an jenem Tage, als neue Unteroffiziere und Unterfeldwebel zu uns stießen, frischgebacken in einer Unteroffiziersschule. Da wir immer Probleme mit solchen Leuten hatten, die sich mehr oder weniger freiwillig dazu breitschlagen ließen, länger als nötig zu dienen, wollten wir diesen auch zeigen, dass sie zwar rein formal unsere Vorgesetzten waren, aber dennoch uns nichts zu sagen hatten.

Andererseits hätten diese Leute uns eher leid tun müssen. Denn diese bedauernswerten Idioten, und Idioten waren sie ja, wurden von allen Seiten getreten. Sie hatten keine Autorität bei den Soldaten, und sie genossen keinen Respekt, keine Rückendeckung durch ihre Offiziere, von denen sie ebenso getreten wurden, weil sie, die Unteroffiziere, nicht fähig waren, uns Soldaten erfolgreich zu treten. Aber das interessierte uns nicht.

Wäre ich nur als der Soldat des zweiten Diensthalbjahres ins Zimmer reingegangen, hätte ich auf sie keinen Eindruck machen können. Und dass ich der Schreiber war, hätte sie in dem Moment auch nicht sonderlich beeindruckt. Also machte ich es anders: kurz entschlossen sagte ich den wenigen, die sich in der Kompanie unweit des Tisches vom UvD aufhielten: "Jungs, mit den Neuen machen wir mal unseren Spaß! Ich werde mich denen als Major präsentieren!" Gesagt, getan! Alle feixten sich eins, denn laut lachen wollten sie nicht, um mich nicht schon vorher zu verraten.

Nachdem ich also die Majorschulterstücke angebracht hatte, ließ ich mir vom UvD eine sehr laute Meldung machen: "Genosse Major, Kompanie X mit soundsoviel Soldaten...!" usw. usw. Ich erwiderte darauf ebenso laut wie der UVD – die Neuankömmlinge sollten ja hören, dass ein Vorgesetzter aufgetaucht war: "Danke! Sind die neuen Rekruten schon anwesend?" "Ja!" schrie der UvD. "Und wo sind sie?" schrie ich laut zurück. "Im Zimmer 0-8-15!" lautete seine Antwort (ein solches Zimmer gab es natürlich nicht, aber die genaue Zimmernummer kenne ich natürlich nicht mehr; und außerdem: 0-8-15 passt doch ganz gut zu dem Inhalt dieses Raumes!).

"Aha!" sagte ich laut mit gespieltem Erstaunen, als hätte ich den Stein der Weisen gefunden und damit den Beginn alles Philosophierens an mir selbst erlebt. Mit lauten Schritten, meine Stiefel knallten auf dem Steinfußboden, ging ich zur Tür des Zimmers 0-8-15, schlug mit meiner Hand wuchtig auf die Klinke und riss die Tür auf. Die darin befindlichen unschuldigen Wesen, unverdorben wie sie waren, standen dann tatsächlich vor mir stramm, weil ein Unterfeldwebel, der in diesem Zimmer höchste Dienstgrad, meine Majors-Person wahrnahm und laut schrie: "Achtung!"

Diese armen, jungen, bedauernswerten Rekruten, die partout mindestens drei Jahre und mehr dienen wollten, standen mit herausgepresster Brust vor mir. Ich ging auf sie zu, überlegend, was ich denn jetzt machen und sagen sollte. Mir fiel nichts weiter ein als: "Na, Genossen, schon eingelebt?" Das war eine saublöde Frage, waren sie doch gerade mal fünf Minuten in dieser Kompanie. Die kannten ja nicht einmal die Luxusausgabe unserer Toilette, wo jeder jeden beim Scheißen und Pinkeln beobachten konnte, um dabei zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln zu können.

"Danke, Genosse Major, prima!" erwiderte ein Unteroffizier, wobei er mit "prima" das schnelle Einleben gemeint haben müsste. "Gut so, Jungs!" sagte ich daraufhin. Ich bemerkte wohl, wie sie mich ansahen: ungläubig bis nachdenklich, letzteres eine Eigenschaft, die man bei drei- und mehrjährig Dienenden selten feststellen konnte. Was mögen sie gedacht haben? "Was für ein wunderlicher Kauz!", "Für einen Major noch ganz schön jung und unverbraucht."

So skeptisch mancher Blick mir in die Augen stach, wagte doch keiner von ihnen, ihrem Eindruck sprachlichen Ausdruck zu verleihen. Einige mochten den Braten gerochen haben, dass ich kein Offizier war, andererseits wollten sie nicht das Risiko eingehen, das zu hinterfragen. Denn es hätte ja sein können, dass ich tatsächlich, jung und gut aussehend, wie ich damals war, Major unserer sozialistischen nationalen Volksarmee war. Die Jungs wollten sich nicht gleich an ihrem ersten Tag mit einem möglichen Vorgesetzten anlegen, also schwiegen sie und dachten sich ihren Teil.

Da ich nichts weiter zu fragen wusste, sagte ich, um sie aus der Erstarrung des Strammstehens zu befreien, man ist ja Mensch: "Rühren!" Ich machte akkurat kehrt und verließ den Raum. Kaum hatte ich die Tür geschlossen, den Flur wieder betreten, sah ich die anderen, die sich um die offene Tür herum versammelt hatten und dieses Schauspiel beobachteten, wie sie wegrannten, um den 0-8-15-Insassen durch ihr dann wie ein Gewitter ausbrechendes Lachen nichts zu verraten.

Sie brüllten wie am Spieß des Spaßes, ihnen flossen die Tränen herunter. Schnell befreite ich mich von den Schulterstücken, brachte die des ewigen Soldaten wieder an und ging schmunzelnd davon.
Interessant ist, dass keiner der Drei- und Vieljährigen, zumindest jene, die in unserer Kompanie verblieben, später Meldung machte, als sie mich sahen, aber mit dem mickrigen Dienstgrad eines einfachen Soldaten. Danke, meine Herren, dachte ich später.

Es kann aber auch sein, dass es deshalb zu keinem Anzinken kam, weil sie zwar eine Ähnlichkeit zwischen mir und diesem seltsamen Major entdeckten, aber sich wohl doch nicht vorstellen konnten, dass ein Soldat dieser ruhmlosen Armee es wagen würde, so etwas zu tun.

Wie dem auch sei: mir war es eh wurscht, war ich doch Schreiber und die wichtigste Person nicht nur in der Kompanie, sondern im ganzen Bataillon, trotz mancher Scheiße, die ich als Ei den Offizieren auf den Schreibtisch gelegt hatte.

Der Autor Kurt W. Fleming ist Jahrgang 1953. Der Diplom-Philosoph ist tätig als Verleger, Autor und Dozent für Web-Design, Grafik- und Layoutgestaltung.
Der obenstehende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Ein SCHWEJK in der NVA", mit 21 Zeichnungen von Michael Blümel, ISBN 3-933287-68-5, Preis: 12,90 Euro, Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig, Reihe: edition unica. Er widmete das Buch "seinem damaligen Freund FIPS, der kurz vor seiner Entlassung aus der NVA verstarb. Außerdem all jenen, die jede Unart von Armee ohne körperliche und/oder psychische Schäden überstanden haben und hoffentlich in Gegenwart wie in Zukunft davor gefeit sind, sich erneut diesem Irrsinn hinzugeben und MAX STIRNER, dem Zerstörer aller fixen Ideen, seien sie schwachsinnig, d.h. moralisch, ethisch, religiös, politisch oder wie auch immer verbrämt!"

Zuletzt aktualisiert: 16. August 2005, 16:22 Uhr