Zeitzeuge Erich Wetzl

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gibt es die DDR nicht mehr. Alles, was zur DDR gehörte, wird "abgewickelt". Das neue, wiedervereinte Deutschland braucht beispielsweise auch keine zwei Botschaften im Ausland. Und so nimmt Erich Wetzl, der letzte Botschafter der DDR in Schweden, Abschied von Stockholm.

"Im September haben wir ein Telegramm vom Außenministerium der DDR bekommen, in dem stand, wie die Abwicklung vonstatten gehen soll und was wir an die Botschaft der Bundesrepublik zu übergeben haben. Das waren drei Gebäude, mein Dienstwagen, das Meißner Porzellan und zwei Bilder", listet Erich Wetzl auf.

Der Verwaltungsleiter der westdeutschen Botschaft kann es allerdings gar nicht erwarten, die DDR-Schätze in Beschlag zu nehmen und will sich das Meißner Porzellan schon vorab ansehen. Erich Wetzl ist empört:

Während der Verwaltungsleiter und seine Mitarbeiter mit der praktischen Auflösung der Botschaft beschäftigt sind, verabschiedet Erich Wetzl sich und die DDR am 28. September offiziell mit einem Empfang. Der Botschafter der Bundesrepublik ist einer der wenigen Gäste, die bis zum Schluss bleiben. Erich Wetzl und sein westdeutscher Kollege haben ein gutes Verhältnis zueinander. "Wir sind nie zusammen in der Öffentlichkeit aufgetreten, um etwa die deutsch-deutschen Querelen in Schweden auszutragen. Wir haben uns aber familiär besucht", erzählt er.

Wetzls letzte formelle Amtshandlung ist der Abschiedsbesuch beim König am 1. Oktober. In der Nacht vor der Wiedervereinigung setzt sich der scheidende Botschafter ein letztes Mal mit den noch anwesenden Mitarbeitern zusammen. "Manche wussten damals nicht, wo sie in Zukunft arbeiten sollten. Das waren ja Leute, die haben ihr ganzes Leben irgendwo in einer Botschaft gearbeitet. Da war es nicht so einfach umzusatteln. Außerdem war für mich und sicher auch für andere dieser Beruf Diplomat nicht einfach nur eine Tätigkeit zum Geldverdienen, das war mein Leben gewesen", beschreibt Wetzl die Ängste und Sorgen damals.

Am 3. Oktober verlassen Erich Wetzl und seine Frau Stockholm mit einem voll bepackten Auto wie ganz normale Bürger. Inzwischen sind alle Botschafter und Missionschefs der DDR zurücktreten – ein historisch einmaliger Vorgang. Von den 2.172 Mitarbeitern des diplomatischen Dienstes der DDR werden lediglich vier übernommen. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR wird zu einer Außenstelle des Bonner Außenministeriums – und wickelt sich selbst ab.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 11:19 Uhr