Zeitzeugin Evelyn Zupke

Die Veränderungen in der Sowjetunion - Gorbatschows Reformversuche - geben vielen Menschen Mut. Sie wollen Veränderungen, die SED-Führung aber nicht. Das bedeutet Hochbetrieb bei der Stasi. Zersetzung, Vereinzelung, IM einschleusen, Oppositionelle kriminalisieren, Ordnungsstrafen, Vorladungen aufs Polizeirevier, um Teilnahme an Veranstaltungen zu verhindern – das sind die Methoden der Stasi.

"Am 7. September 1989 hatten wir folgende Aktion geplant: Wir hatten weiße T-Shirts mit Buchstaben beziehungsweise Zahlen bemalt, die - wenn man sich in entsprechender Reihenfolge nebeneinander stellte – 7. Mai Wahlbetrug ergaben. Wir wollten, dass diese Protestaktion zu einer festen Institution an jedem 7. des Monats wird", erinnert sich Evelyn Zupke. Regelmäßig vor den geplanten Protestdemonstrationen wird sie von der Stasi zu "Gesprächen" und Belehrungen abgeholt. Ziel ist es, die Bürgerrechtlerin einzuschüchtern. Sie wird unter Hausarrest bzw. Innenstadtverbot gestellt. Oft wird ihr dabei gedroht, dass sie ohne Kooperation eine Zeit lang ihr Kind nicht sehen kann.

Auch von der am 7. September geplanten Aktion ist die Staatssicherheit informiert. Evelyn Zupke wird verboten, an diesem Tag auf den Alexanderplatz zu gehen. Ihr gelingt es, die Stasi-Leute, die sie bespitzeln, abzuschütteln. Noch vor der Protestaktion um 17 Uhr erreicht sie den Alexanderplatz. Ein westdeutsches Kamerateam wird von Polizei und Staatssicherheit zurückgedrängt. Bilder von Protesten in der DDR sollen nicht gezeigt werden. Stattdessen positioniert sich die Stasi mit mehreren Kameras in den umliegenden Gebäuden und filmt das Geschehen.

Brutales Vorgehen der Stasi

An diesem 7. September sind mehr Polizisten und Stasi-Mitarbeiter im Einsatz als bei früheren Aktionen. Den Kellnern in den Cafes ringsum hat man erzählt, dass nur ein Film gedreht wird und sie sich nicht wundern sollen.

"Der Zugriff der Staatssicherheit am 7. September unterschied sich deutlich von den vorangegangenen Protestaktionen. Es war eine unglaubliche Gewalt, Gewaltbereitschaft und Brutalität zu spüren. In der Form hatte ich das noch nicht erlebt", schildert Evelyn Zupke ihren Eindruck. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Weißenseer Friedenskreises wird sie ins Untersuchungsgefängnis Rummelsburg gebracht. Dort wird die Gruppe aufgeteilt, in verschiedene Zellen gebracht und einzeln zum Verhör geholt.

Die damals 27-Jährige bekommt wieder die üblichen Drohungen zu hören: Sie wollen doch wieder zurück zu ihrem Kind oder nicht, Frau Zupke? "Ich war also wirklich heilfroh, als ich dann irgendwann gegen Morgen draußen stand. Das war ’ne große Erleichterung", erzählt Evelyn Zupke. In den Schubläden des Ministeriums für Staatsicherheit lagen streng geheime Pläne, wo und wie "innere Feinde" inhaftiert werden sollen. Überall im Land hatte man Orte für Isolierungslager ausgewählt, in Dresden sogar das Stadion des Fußballklubs Dynamo. Das bleibt Evelyn Zupke erspart.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 09:50 Uhr