Hintergrund Das Chemiedreieck der DDR

"Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit" - so warb die DDR zum Beispiel für das Chemiedreieck zwischen Merseburg, Halle und Bitterfeld. Der Preis dafür wurde wohlweislich verschwiegen ...

"Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit" – mit dieser Parole wurde kräftig geworben für die chemische Industrie zwischen Merseburg, Halle und Bitterfeld. Doch der Volksmund machte sich seinen eigenen Reim auf die Beschönigungen: "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt ..." Tatsächlich gehörte das sogenannte Chemiedreieck einerseits zu den hoch technisierten, andererseits zu den am meisten belasteten Regionen der DDR. Alte Fotos zeigen den Grauschleier, der über der Region hing. Wer nach Erinnerungen an die Luftverschmutzung fragt, bekommt etwas zu hören vom "sprichwörtlichen englischen Nebel", der des Öfteren in dunklen Schwaden durch die Stadt Halle kroch.

Krieg ist der Vater aller Dinge

Angefangen hatte alles mit Krieg – wie so oft in der Technik-Geschichte. Im ersten Weltkrieg war Deutschland abgeschnitten vom Salpeter-Import aus Chile. Findige Ingenieure erfanden die Ammoniak-Synthese – fortan konnte auch ohne Salpeter der Grundstoff für Sprengstoff und Düngemittel hergestellt werden. Die Firma BASF zog binnen eines Jahres ein riesiges Werk in Leuna hoch. Die Lage war ideal: Mitteldeutschland liegt verkehrsgünstig, die Tagebaue der Region bieten mächtige Vorkommen an Braunkohle. Sie liefert die Energie – und den typischen Geruch, der schon seit dem Beginn des Industriezeitalters aus Essen und Schornsteinen quillt und für Asthma und Bronchitis sorgt. Ausreichend Wasser gibt die Saale, Kalk kommt aus dem Harz.

Fossile Rohstoffe, fossile Produktionsmethoden

Zu DDR-Zeiten wird die Braunkohlenchemie teilweise umgestellt auf Erdöl. Die "Drushba-Pipeline" liefert das "Schwarze Gold" aus der Sowjetunion über Schwedt/Oder in den Chemiebezirk Halle. Hier wird der Rohstoff veredelt: Plaste und Elaste aus Schkopau bilden die Basis für eine Industrieproduktion, die oft auf Anlagen aus der Zwischenkriegszeit angewiesen ist. Umweltstandards spielen da eine sehr geringe Rolle. Und so ist die Umweltbelastung der gesamten Region mit Händen zu greifen: Saale, Mulde und Elbe verwandeln sich in Kloaken, die Luft ist beißend, im Boden lagern sich Schwermetalle und Giftstoffe ab. Besonders ätzend ist das Schwefeldioxid. Das giftige Gas aus der Braunkohlenverbrennung verpestet die Luft und sorgt für den "sauren Regen" – in den 1980er-Jahren eine Hauptursache des Waldsterbens.

Saurer Regen

Schon 1970 hatte sich die DDR mit dem Landeskulturgesetz ein sehr fortschrittliches Umweltrecht gegeben, als zweites europäisches Land nach Schweden. Und aus dem Umweltministerium kam die Order, der Schwefeldioxid-Belastung etwas entgegenzusetzen. Wie auch im Westen meinte man, durch höhere Schornsteine dem Problem Herr werden zu können. Bis zu 300 Meter hoch ragten die Schlote in den Himmel – das schuf etwas Entlastung für Halle, Merseburg und Bitterfeld – aber es verteilte die giftige Last an andere Stellen.

Wendezeit – als sich der Rauch verzog

In der Wendezeit wurde viel über Umweltschutz gesprochen. Ein Reflex auf die Geheimhaltungspolitik der SED, die jahrzehntelang Umweltdaten unter Verschluss hielt. Das "Chemiedreieck" galt in der Wendezeit als Musterbeispiel für die Umweltverschmutzung in der DDR. Kein Fernsehsender, der nicht Bilder vom "Silbersee" gezeigt hätte oder von der "Säurekreuzung".

Drei Prozesse schufen Abhilfe: Die Abwicklung der maroden Industrie, staatlich finanzierte Sanierungsmaßnahmen auf den mit Altlasten verdorbenen Flächen und nicht zuletzt die Durchsetzung neuer Umweltstandards für die sich neu ansiedelnde Industrie im Chemiedreieck.

Heute ist das "Chemiedreieck" ein hochmoderner Industriestandort und weiter der größte Arbeitgeber der Region.

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2011, 16:10 Uhr