Jörg Weißflog, Michael Ballack
Die Oberligaspieler Jörg Weißflog und Michael Ballack 1990. Bildrechte: Karl Wagner

Fußball im Osten 1990 "Der nackte Existenzkampf"

1990 stand der ostdeutsche Fußball vor dem Ruin. Nur wenige Klubs schafften den Sprung in die Bundesliga, die meisten verschwanden in der Versenkung. Die besten Spieler wechselten zu Vereinen im Westen.

Jörg Weißflog, Michael Ballack
Die Oberligaspieler Jörg Weißflog und Michael Ballack 1990. Bildrechte: Karl Wagner

Der Kampf um den Titel des letzten Fußballmeisters der DDR in der Saison 1990/1991 war eine trostlose Angelegenheit. Zwar verhalf die deutsche Einheit der "Oberliga Nordost", wie die "Oberliga", die einstige höchste Spielklasse der DDR, nun hieß, auf den ersten Blick zu neuem Glanz - die Kicker liefen mit westlicher Trikotwerbung auf und überall prangten Werbeplakate für Bier und schicke Autos. Doch die Zeichen des Niedergangs waren bereits allgegenwärtig. "Es ist der nackte Existenzkampf", konstatierte Uwe Reinders, damals Trainer des FC Hansa Rostock. Die 14 Mannschaften in der so genannten "Pleiteliga" konnten sich nur noch an die verzweifelte Hoffnung klammern, irgendwann einmal in der Bundesliga kicken zu dürfen. Dort, wo Fernseh- und Transfergelder fließen und Sponsoren Schlange stehen.

Fußball ist immer ein Spiegelbild der ortsansässigen Wirtschaft.

So formulierte es Hans Meyer, damals Trainer des Chemnitzer FC.

Keine Sponsoren, keine Zuschauer

Trainer Hans Meyer (Chemnitz) winkt ab
Hans Meyer, Trainer des Chemnitzer FC. Bildrechte: IMAGO

Doch die Betriebe im Osten kämpften selbst ums Überleben oder waren bereits bankrott. Und die Kommunen hatten auch kein Geld übrig. Zudem blieben die Zuschauer weg. Ein Minus von über 50 Prozent mussten die Klubs verzeichnen. "Die Leute haben jetzt andere Sorgen", sagte Hans Meyer. Und noch einen anderen Nachteil hatten die DDR-Klubs: Anders als die zum Teil ebenfalls hoch verschuldeten West-Klubs erhielten sie keine Kredite von den Banken, da sie weder Bürgschaften noch Vermögenswerte vorzuweisen hatten. "Wir sind auf Goodwill-Hilfe aus dem Westen angewiesen", klagte Werner Dürrschmidt, Vorstandsmitglied beim Chemnitzer FC. Und so kauften sich in der "Oberliga Nordost" westdeutsche "Werbepartner" für Beträge zwischen 100.000 und 150.000 Euro ein - darüber hätten selbst Amateurclubs in der Bundesrepublik nur müde gelächelt. Nur eine Einnahmequelle blieb den Ost-Klubs: der Verkauf der besten Spieler.

Schnelle Vereinigung als Rettung der ostdeutschen Klubs

In dieser Situation forderten ostdeutsche Vereinsbosse und Fußballfunktionäre statt des bislang proklamierten "vernünftigen Zusammenwachsens" ein forscheres Tempo bei der Vereinigung der beiden deutschen Fußballverbände. Auch Hans-Georg Moldenhauer, Chef des DDR-Fußballverbandes DFV, sah allein in einer schnellen Vereinigung eine Chance für die klammen DDR-Klubs: "Im Osten gibt es keinen Sponsor, der zwei Millionen zahlt. Echte Chancengleichheit besteht erst dann, wenn die westdeutsche Wirtschaft hier mitspielt."

Im Westen sah man die Probleme durchaus. Gerhardt Mayer-Vorfelder, Vorsitzender des Liga-Ausschusses und DFB-Präsidiumsmitglied, konstatierte für 1990 eine starke "Völkerwanderung von Osten nach Westen". Der gelte es Einhalt zu gebieten: "Ein totaler Ausverkauf muss verhindert werden." In der Bundesliga selbst sollte sich aber durch den Zusammenschluss von DFB und DFV kaum etwas ändern. Den Wünschen aus dem Osten nach einer deutlichen Präsenz ihrer Klubs in der Bundesliga wollten die DFB-Granden keineswegs entsprechen. "Man kann keine Regionalgarantien geben", sagte Mayer-Vorfelder, "schließlich ist die DDR ein Land, nur so groß wie Nordrhein-Westfalen."

DDR-Stürmer Ulf Kirsten (mitte) kommt mit dem Ball vor den französischen Gegenspielern Alain Giresse (links) und Maxime Bossis zu Fall.
Ulf Kirsten "Wenn bei einem Auswärtsspiel keiner ruft 'Kirsten, du Arschloch!', dann weiß ich, dass ich schlecht bin." Aber Kirsten, der von 1991 bis 2003 für Bayer Leverkusen spielte, hat das fast immer gehört - er war einer der besten Torjäger in der Geschichte der Bundesliga. Dreimal war er "Torschützenkönig". "Dort, wo andere den Fuß wegziehen, geht Kirsten mit dem Kopf hin", sagte der Trainer Eduard Geyer einmal bewundernd. Kirsten, der 1990 letzter "Fußballer des Jahres" der DDR war, bestritt 100 Länderspiele, 49 für die DDR und 51 für die BRD. Heute ist er Trainer der 2. Mannschaft von Bayer Leverkusen. Bildrechte: dpa

Nur zwei ostdeutsche Klubs in der Bundesliga

Am 21. November 1990 trat der "Nordostdeutsche Fußballverband" in Leipzig dem DFB bei. Die Einheit des deutschen Fußballs war damit vollzogen. Auf der Gründungssitzung wurde beschlossen, dass zwei ostdeutsche Mannschaften in die Bundesliga übernommen würden, der Meister sowie der Vizemeister der "Oberliga Nordost". Die vier nächstplatzierten Mannschaften sollten der Zweiten Liga zugeschlagen werden. Der Rest käme in die Regionalliga.

Rostock und Dresden in der Ersten Bundesliga

Co Trainer Günter Konzack, Funktionär Günter Behne, Siegmund Mewes, Wolfgang Abraham, Manfred Zapf, Wolfgang Seguin, Trainer Heinz Krügel, Torwart Bernd Dorendorf, Detlef Enge, Torwart Hans Werner Heine, Jörg Ohm, Helmut Gaube, Detlef Raugust, Martin Hoffmann, Torwart Ulrich Schulze, Axel Tyll, Jürgen Pommerenke
Der 1. FC Magdeburg, Europacupsieger von 1974, verschwand in der Regionalliga. Bildrechte: imago/Kicker/Eissner, Liedel

Ein halbes Jahr später, im Juni 1991, wurde der FC Hansa Rostock letzter DDR-Meister, Dynamo Dresden Zweiter. Beide spielten ab Herbst 1991 in der ersten Bundesliga. Die Mannschaften FC Rot Weiß Erfurt, FC Carl Zeiss Jena, der Hallesche FC sowie der Chemnitzer FC qualifizierten sich für die zweite Bundesliga. Traditionsclubs wie Lokomotive Leipzig oder der einstige Europapokalsieger FC Magdeburg verschwanden hingegen in der Regionalliga.

Unmut über den "Anschluss" und Angst vor dem Bankrott

Die ostdeutschen Klub-Bosse sahen sich nach der Entscheidung des DFB "übern Tisch gezogen", "unterrepräsentiert" oder schlicht "beschissen". Doch der Unmut darüber wich schnell der Angst vor der Pleite. Und diese Angst war auch bei den Mannschaften virulent, die im bezahlten Fußball mitspielen durften. Sie sahen ihre Teams lediglich als "Kanonenfutter" für die reichen und etablierten Westklubs und fürchteten sich vor einer Blamage. Uwe Reinders, Trainer bei Hansa Rostock: "Schon bei einem Freundschaftsspiel gegen Werder Bremen hat sich die Mannschaft vor Ehrfurcht in die Hosen geschissen. Wie soll das erst vor 40.000 Zuschauern in Kaiserslautern werden?"

Nicht verkraftbarer Aderlass

Rostocks Trainer Uwe Reinders zeigt lachend den eroberten FDGB-Fuߟballpokal, 1991.
Rostocks Trainer Uwe Reinders jubelt über den FDGB-Pokalgewinn 1991. Bildrechte: dpa

Uwe Reinders wünschte sich wie seine ostdeutschen Trainerkollegen "neues Spielerpersonal". Doch das war im Osten nicht mehr zu finden. Spieler mit Profiniveau verdingten sich längst im Westen. Und so sollte das auch weitergehen: Bis 1995 wechselten mehr als 150 ehemalige Oberliga-Spieler zu Westvereinen, ebenso wie drei Dutzend hoffnungsvolle Nachwuchskicker. Ein Aderlass, den der Ost-Fußball nicht verkraftete. Uwe Reinders orakelte 1991: "Einige der ostdeutschen Klubs werden das Ende der Saison gar nicht mehr erleben. Und wer bis dahin noch nicht pleite ist, wird entweder sportlich oder finanziell ausgelaugt sein oder sogar beides."

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in MDR Aktuell 05.10.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 17:48 Uhr