DDR-Mode - Models in Abendgarderobe
DDR-Mode: Models in Abendgarderobe Bildrechte: MDR/Arne Voigts

Der Westen war immer Vorbild

Einen eigenen Modestil gab es nicht: Die DDR orientierte sich an westlichen Vorbildern. Nur fehlte es dafür an hochwertigen Textilien. Die Alternative hieß Chemiefaser.

DDR-Mode - Models in Abendgarderobe
DDR-Mode: Models in Abendgarderobe Bildrechte: MDR/Arne Voigts

Selbst in puncto Rocklänge oder Kragenform orientierte man sich in der DDR an Vorbildern aus Frankreich oder Italien, oft verspätet, manchmal widerstrebend, aber immer auf die eigenen Fertigungsmöglichkeiten runtergebrochen. Soll heißen: Mal gab es die notwendigen Stoffe nicht, mal waren Doppelnähte oder aufgesetzte Taschen zu teuer, mal fehlten schlicht die notwendigen Textilfertigungsmaschinen. Die 50er- und 60er-Jahre versuchten sich noch in einer Ideologisierung, die aber eher auf das Frauenbild bezogen war als auf Modetrends. Das Ideal dieses Lebensgefühls war die freie Frau, berufstätig, unabhängig und selbstbewusst. Die Frau in der DDR sollte sich damit klar von dem "westlichen Frauenverständnis" abheben. "Bei dem harten Alltag konnte man sich nicht noch dauernd Gedanken um Cocktail-Kleider machen", meinte Dorothea Melis, Redakteurin der DDR-Modezeitschrift "Sibylle", 2002 am Rande einer Ausstellung zum Thema "Miss Germany – eine schöne Geschichte".

Modeschöpfer im Sozialismus

Zwar gab es seit 1952 ein Institut für Bekleidungsindustrie und später ein Modeinstitut. Modelinien sollten entwickelt und die Textilindustrie darauf vorbereitet werden. Allerdings sollten in der Bevölkerung auch in der Mode keine Bedürfnisse geweckt werden, die man dann nicht befriedigen konnte. Die Arbeit des Modeinstituts der DDR, die an den Produkten der Konfektionsindustrie gemessen wurde, geriet aus diesen Gründen bei der Bevölkerung in Misskredit.

Bormann Mode - Eleganter schwarzer Herrenanzug mit Weste, festlicher Damen-Kurzoverall mit Bindeguertel und Silberborte und Kopftuch
Mode aus dem Hause Bormann Bildrechte: dpa

Das Institut entwickelte Musterkollektionen, die der Industrie als Anregung und Anleitung dienen und den Stil der gesamten DDR-Mode prägen sollten. Die Ideen der Mode- und Textilgestalter waren nach der Umsetzung durch die verkrustete Textilindustrie und nach oft mehr als zehn Entscheidungsebenen meist nicht wiederzuerkennen und hatten nichts mehr mit den Bedürfnissen der Käufer zu tun. Die Modegestalterinnen sollen teilweise geweint haben, wenn sie das nach ihren Entwürfen gefertigte Kleid zu Gesicht bekamen. Doch es gab auch Ausnahmen. Eine war das Magdeburger Modehaus Bormann, wo sich bis 1972 nicht nur die Prominenten des Landes die Klinke in die Hand gaben. Bormanns Modelle fanden auch internationale Beachtung. Damit war es vorbei, als der bis dahin halbstaatliche Betrieb "freiwillig" dem Staat überlassen werden musste. Fortan regierte auch bei Bormann - nun unter anderem Namen - die Eintönigkeit.

Chemiefasern - der Stoff, aus dem die Albträume waren

Lederersatz Lederol, "Präsent 20", Dederon, Wolpryla und Grisuten waren Versuche der Textilindustrie, mit neuen preiswerten Fasern mehr Farbe und Qualität in den Handel zu bringen. Vor allem aber sollte damit dem permanenten Mangel an hochwertigen Textilien ein Ende haben. Den von den Käufern erwarteten West-Chic aber lieferten die Modehäuser nicht. Für den kleineren Geldbeutel wurde 1969/70 "anlässlich des 20. Jahrestages der DDR" ein Produkt geschaffen, das die "konsumbedürftige" Bevölkerung befriedigen sollte: die Stoffneuentwicklung "Präsent 20". Die neue Textilie wurde nach dem Großrundstrickverfahren hergestellt und verkörpert wie kein anderes Produkt den Traum der DDR nach wirtschaftlicher Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Überlegenheit.

Das anfangs wegen seinen Pflegeeigenschaften beliebte Rundstrick aus 100 Prozent Polyester geriet aber bald schon in die Kritik der Verbraucher. Das Straßenbild der DDR war geprägt durch die dunkelblauen und dunkelbraunen Kostüme und Anzüge "aus dem Stoff, aus dem die Albträume sind", wie manch' Unzufriedener monierte. Denn die Kleidungsstücke aus "Präsent 20" standen immer etwas steif ab und trugen durch ihre erhöhte Wärmeentwicklung zu unangenehmen Gerüchen bei. Die Kleidung neigte zudem zu elektrischer Aufladung, was besonders bei langen Röcken problematisch war: Sie blieben am Bein haften.

Models führen Kleider vor. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Exquisit" Läden als Geldabschöpfungsmaschine

Mode in der DDR
Skeptischer Blick ins Schaufenster des "Exquisit"-Ladens in Leipzig Bildrechte: Mahmoud Dabdoub

Eine Modernisierung der Bekleidungs- und Textilindustrie gelang aus wirtschaftlichen Gründen nicht - und auch, weil den zuständigen Ministerien die nötige Einsicht in die marktwirtschaftliche Umsetzung von Trends fehlte. Wenn in die Modernisierung der Produktionsanlagen investiert wurde, dann wurden die so geschaffenen Kapazitäten meist nur für den Export genutzt. Für die DDR-Konfektion zählten in erster Linie Menge und Planvorgaben, nicht aber die entsprechende Qualität.

Eine Lösung dieses Problems sollte das 1970 gegründete Volkseigene Produktions- und Handelsunternehmen "Exquisit" bringen, das die Bevölkerung "mit Bekleidungserzeugnissen mit hohem Gebrauchswert und moderner Gestaltung im oberen Preisgenre" versorgen sollte. Das Handelsunternehmen wurde dazu mit Sonderkonditionen ausgestattet. Es wurden Devisen bereitgestellt für Importe von Stoffen, Maschinen, selbst Ladeneinrichtungen. Anregungen konnten die Modegestalter aus Berichten der wenigen Mitarbeiter ziehen, die zu den großen Modenschauen nach Paris, Mailand oder Düsseldorf fahren durften. Meist noch ergiebiger an Anregungen und Informationen war die internationale Zeitschriftenbibliothek. Internationale Modeideen wurden jedoch nicht ungefiltert übernommen, sondern auf ihre Verwendbarkeit für die meist berufstätige Frau hin überprüft.

Anfänglich gab es von einem Entwurf nicht mehr als 30 bis 50 Modelle, in den 80er-Jahren wurden jedoch häufig 500 bis 1000 Modelle produziert. Dabei verlor die Kollektion an Qualität und Exklusivität. Auch die Preise stiegen. Dem Ministerium für Handel und Versorgung, dem "Exquisit" unterstellt war, lag viel daran, das angesparte Geld, dem kein entsprechendes Warenangebot gegenüberstand, "abzuschöpfen". Dennoch konnten sich meist nur Personen der oberen Einkommensklassen und Schwarzmarkthändler die überdurchschnittlich teuren Bekleidungsartikel leisten (eine Hose kostete zwischen 170 und 200 Mark, das Durchschnittsbruttoeinkommen in der DDR lag dagegen 1982 bei ca. 1.000 Mark).

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2011, 13:04 Uhr