DDR-Künstler auf Tournee Oststars auf Gastspiel im Westen

Ab Mitte der 60er-Jahre gastierten nach Jahren der Abschottung wieder DDR-Künstler im Westen. Jedem Auftritt im Westen ging ein langer Genehmigungsweg voraus.

Der Dresdener Tenor Peter Schreier, sein Kollege Theo Adam und der Trompeter Ludwig Güttler traten regelmäßig in aller Welt auf. Peter Schreier reiste erstmals 1963 zu einem Gastspiel in die Schweiz. 1966 sang der gebürtige Meißener bei den Bayreuther Festspielen, im Jahr darauf trat er zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen auf, wo er ununterbrochen 25 Jahre gastierte. Es folgten Auftritte in Hamburg, Mailand, Buenos Aires, Kairo, London und Rom.

Die Künstler erhielten bei Gastspielen in Westdeutschland ihre festen Gagen in DDR-Mark und einen geringen Westmark-Tagessatz. Bei der Berichterstattung übten sich die DDR-Medien meist in Zurückhaltung. Zwar berichteten sie mit Stolz über das Gewandhausorchester in Japan und Gisela May in Amerika. Dass aber Peter Schreier regelmäßig bei den Salzburger Festspielen auftrat und im Besitz eines ständigen Reisepasses war, wurde nicht thematisiert. Man wollte keine Begehrlichkeiten beim durchschnittlichen DDR-Bürger wecken.

1967 wurde Schreier von der New Yorker Metropolitan Opera eingeladen, den Tamino aus der "Zauberflöte" zu singen. Nie zuvor war es einem DDR-Künstler gelungen, in der "Met" zu gastieren. Doch die DDR-Kulturbürokratie witterte eine Chance: Sie forderte von den Gastgebern, auf Werbeplakaten und Programmheften hinter Schreiers Namen das Kürzel "DDR" zu setzen. "Am liebsten", sagt Schreier heute, "hätten sie es gesehen, wenn auf dem ‚Tamino’-Kostüm wie auf einem Sportler- Trainingsanzug groß die drei Buchstaben gestanden hätten." Doch der Generaldirektor der "Met" lehnte ab, Schreier konnte auch ohne DDR-Schriftzüge auftreten.

Tiefsitzendes Trauma

Jedem Auftritt im Westen ging ein langer Genehmigungsweg voraus. Zu groß war die Angst davor, dass sich ein prominenter DDR-Künstler negativ über die DDR äußerte oder - schlimmer noch - ganz im Westen blieb. Es war schwer nachvollziehbar, wer wann wie oft wohin reisen durfte. Ein Ministerratsbeschluss vom 1. April 1982 legte fest, welche Materialien auf welchem Dienstweg eingereicht werden mussten.

Kurt Hager, im Politbüro zuständig für Kultur, musste alle Reiseanträge im Kulturbereich grundsätzlich genehmigen. Er entschied mit "Einverstanden", "Sehe keine Notwendigkeit", "Eher nicht" oder "Kann zugestimmt werden" in kurzen Worten über die Anträge der Ostkünstler, die im Westen auftreten wollten.

Die Sicherheitsüberprüfungen für "Reisekader" dauerten meist rund drei Monate. Das Ministerium für Staatssicherheit forschte nach politischer Zuverlässigkeit im Arbeitskollektiv, im Wohngebiet und nach "intakten Familienverhältnissen". Erst nach Abschluss aller Nachfragen und Hinterlegung der Ermittlungsergebnisse durch das MfS beim Büro Hager konnte die Reise beginnen.

Irgendwann platzte der Knoten

Frank Schöbel und eine Ballettgruppe
Frank Schöbel bei der WM-Eröffnung 1974 in Frankfurt/Main Bildrechte: dpa

Die Interpreten der leichten Muse hatten es zunächst schwerer, in den Westen zu fahren, kritisierten doch die Chefideologen gern die Dekadenz westlicher Unterhaltungskultur. So durften die ersten DDR-Unterhaltungskünstler zunächst nur auf Pressefesten und Veranstaltungen westlicher "Bruderparteien" auftreten. Aber irgendwann platzte der Knoten. Die Puhdys traten 1977 im Westberliner Quartier Latin und später sogar in westlichen Fernsehsendungen auf, Dagmar Frederic 1979 in der "Aktuellen Schaubude" des NDR, ab 1978 war auch die Rockgruppe Karat öfter zu Gast im Westen. 1974 hatte Frank Schöbel sogar als Vertreter der DDR bei der Eröffnung der Fußball-WM in Frankfurt/Main gesungen.

Mit dem Nato-Doppelbeschluss verschärfte sich zu Beginn der 80er Jahre zwischen Ost und West auch wieder der Ton in den Kulturbeziehungen zwischen Ost und West. Honecker persönlich wies an, den Austausch einseitig abzubrechen. Schlagartig wurden lange geplante Tourneen und Konzerte bedeutender DDR-Künstler in der Bundesrepublik abgesagt. Betroffen waren Peter Schreier, Theo Adam, Ludwig Güttler, aber auch Künstler der leichten Muse, Maler und Autoren.

Der damalige Chef der DDR-Künstleragentur, Hermann Falk, musste seinen Klienten die schlechte Nachricht übermitteln. Seine vorsichtigen Einwendungen Hager gegenüber bewirkten nichts. Erst als Peter Schreier, Kurt Masur und Ruth Berghaus persönlich bei Honecker intervenierten und auf den Image- und Devisenverlust für die DDR und sich selbst aufmerksam machten, lenkte Honecker ein und hob den Beschluss wieder auf.

"Großer Stern" statt Bundesverdienstkreuz

Im Juni 1989 wurde Politbüromitglied Kurt Hager von DDR-Außenminister Oskar Fischer um Zustimmung für ein wichtiges Anliegen gebeten: Den DDR-Künstlern Peter Schreier und Theo Adam sollte im Westen das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Kurt Hager sah darin eine westdeutsche Einmischung und schrieb: "Rücksprachen mit den Künstlern haben ergeben, dass sie keinen Wert auf diese Auszeichnung legen." Sie sollten dafür zum 40. Geburtstag der DDR mit dem "Stern der Völkerfreundschaft" in Gold ausgezeichnet werden. In den Akten des Politbüros liegt eine Notiz Hagers an Honecker mit dem Verweis, den deutsch-deutschen Bestrebungen des Bundespräsidenten der BRD damit entgegenzuwirken. Honecker quittierte die Bemerkung mit der handschriftlichen Ergänzung "Großer" vor "Stern der Völkerfreundschaft".

Bei der Verleihung dieser Auszeichnungen am 7. Oktober 1989 stand die DDR kurz vor dem Zusammenbruch. Nach dem Mauerfall schließlich waren alle einstigen Privilegien nichts mehr wert. Jetzt mussten sich die Künstler selbst auf dem Markt behaupten - manche mit mehr, andere mit weniger Erfolg.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2011, 14:32 Uhr