Die Funkengarde aus Wurgwitz in den Achtziger Jahren.
Bildrechte: MDR/Jurowiec

Kontrollierter Frohsinn

Auch zwischen Fichtelberg und Kap Arkona wurde Fasching gefeiert – nicht so traditionell wie in den Karnevalshochburgen des Westens, aber allemal lustig genug und vor allem mit Spott und Häme für die Oberen.

Die Funkengarde aus Wurgwitz in den Achtziger Jahren.
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Eis- und Skifasching in einem sächsischen Erholungsort, 16.000 Zuschauer, das Motto "Märchenhaftes". Das alles klingt sehr harmlos, und doch ist das bunte Treiben in Geißing der Staatssicherheit höchst verdächtig. Im Protokoll wird vermerkt: "Massive Diffamierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Durch einige Teilnehmer wurden in diesem Umzug Gestaltungselemente mitgeführt, die in ihrer Aussage eindeutig gegen die sozialistische Staats- und Gesellschafts-ordnung gerichtet waren. Hervorzuheben sind folgende mitgeführte Plakate und Aufschriften: 'Im Westen viele Verwandte. Im Laden eine Tante. Raritäten unter der Hand. Wir leben im Schlaraffenland', 'Vitaminbasar Rot-, Sauer-, Rosen- und Weißkohl. Jawohl, wir brauchen Kohl!', 'Losung des Tages: Schlechte Luft, trübes Wasser, keinen Baum - ab über den Märchenzaun.' "

Was die Stasi damals zwecks "Bekämpfung feindlich-negativer Kräfte" notierte, ist heute ein Dokument für den Volkshumor, für die Spottlust und die karnevalstypische Verkehrung der Verhältnisse, die sich in der fünften Jahreszeit auch in der DDR ausdrückte.

Tolle Tage mit oder ohne Klub

Fasching im Kindergarten Landgrafenstieg in Jena im Jahre 1968.
Fasching in einem Jenaer Kindergarten, 1968. Bildrechte: dpa

Fasching und Karneval im Osten liefen nicht nach festen Ritualen oder Zeremonien ab, kein Vergleich zu den Traditionen im Rheinland oder in Süddeutschland. Typisch war ein Mix aus spontaner Verkleidungslust und organisiertem Karnevalstreiben – vom Kindergarten über Schule und Betrieb bis zu den Klubhäusern der Dörfer und Städte. Immerhin 1.344 registrierte Karnevalsklubs gab es in der Republik. Viele hatten sich in den Anfangsjahren der DDR gegründet, waren aus Männerchören und Sportvereinen hervorgegangen. Später waren es vor allem Betriebe, in denen sich neue Karnevalsclubs zusammenfanden – und diese Form der Kulturarbeit brachte neben dem Spaß für die Beteiligten auch eine gewisse Form des Zwangs mit sich. Denn oft bezahlte oder bezuschusste der Betrieb die Festivitäten, darüber musste Rechenschaft abgelegt werden und so war auch eine Kontrolle gegeben.

"Überkommenes bürgerliches Relikt" oder "Brauchtumspflege"?

Karneval wurde von der Staats- und Parteiführung zunächst als "konservativ-reaktionär" abgelehnt, 1950 aber vom DDR-Kulturministerium offiziell zu einem Teil der "Brauchtumspflege und Volkskultur" erklärt. Die einzelnen Karnevalsklubs unterstanden dem Zentralen Arbeitskreis Karneval (ZAK), mit dem alle Veranstaltungen, Mottos und Reden abgesprochen werden mussten. Die Zentrale sorgte für die entsprechende ideologische Abstimmung auf die von der Partei erlassenen Vorgaben. "Der Einfluss der SED war zwar riesig, aber man hatte seine Strategien", erinnert sich Martin Krieg, Büttenredner aus der Karnevalshochburg Wasungen. In der Praxis, so Krieg, hätten sich die Karnevalsklubs den herrschenden Umständen angepasst, sich bei Kritik der SED auf bedauerliche Missverständnisse berufen und Unwissenheit geheuchelt und am Ende Besserung gelobt.

"Durch die Blume, zwischen den Zeilen"

Trotz aller Bemühungen der leitenden Organe war es gerade der politische Spott, den die Karnevalisten mit ihrem Einfallsreichtum zur Blüte trieben, wie ein Auszug aus einem Stasi-Protokoll belegt: "Hervorzuheben sind folgende mitgeführte Gestaltungselemente: Symbolische Darstellung einer Mauer mit der Aufschrift 'Berlin, ich bleib Dir treu' auf einem Fahrzeug sowie Gestaltung des Anhängers dieses Fahrzeuges als Gefängnis, versehen mit den Aufschriften 'Ich will hier raus!' und 'Ich komme bald raus'". Aus legendären Büttenreden entstanden Witze, die republikweit die Runde machten: "Der Unterschied zwischen einer Waschmaschine und dem Politbüro? Die Waschmaschine kann man entkalken."

Der Unterschied zwischen einer Waschmaschine und dem Politbüro? Die Waschmaschine kann man entkalken.

ein aus einer legendären Büttenrede entstandener Witz

Für Büttenredner Krieg hatte der Karneval in der DDR gerade wegen der latenten Gefahr seinen besonderen Reiz. Krieg erinnert sich an die geschickten Strategien des Witzes. "Für einen guten Redner war der Kick viel größer als heute, damals war es eine Gratwanderung: Wie weit kann ich mich heraushängen?" Und der Büttenredner Rolf Fliedner aus Erfurt stimmt ihm zu: "Der Reiz der politischen Fastnacht war ungleich größer als heute. Die Stasi saß im Publikum und man musste sie immer wieder austricksen." Natürlich wurden Spott und Häme über die Oberen ausgegossen, aber man durfte sie – so eines der ungeschriebenen Gesetze – eben nicht beim Namen nennen. Wie das ging? Zum Beispiel so: "In den Delikatläden, da schmeckt es lecker, doch kaufen kann dort nur ..." Die Leute lachten, denn sie hatten das beredte Schweigen verstanden, auch ohne das Reimwort "Honecker".

Einfallsreich in der Mangelwirtschaft

Etwa 70.000 aktive Mitglieder zählten die Karnevalsklubs Ende der 80er-Jahre. Sie bestritten jedes Jahr 120.000 Veranstaltungen mit etwa 6,5 Millionen Besuchern. Offiziell gab es nur zwei Hersteller von Orden, Abzeichen und Plaketten, drei Anbieter von Masken und Scherzartikeln und einen Hersteller von Elferratsjacken und Kostümen. Dieser Engpass führte zu einem immensen Einfallsreichtum der Karnevalisten. So wurden nicht nur Kostüme und Narrenkappen selbst genäht, auch die Karnevalsorden wurden aus Plaste oder Holz im Hobbykeller hergestellt. "Damals war's ja so: Es gab keinen Stoff, es gab keine Girlanden, es gab keine Schminke … Wir mussten aus nichts etwas machen", erinnert sich der Karnevalist Rudi Leifer aus Wasungen. Doch glücklicherweise war in vielen "Volkseigenen Betrieben" der Fasching, zumal in den Hochburgen des Karnevals, gewissermaßen eine Betriebsangelegenheit - Arbeiter und Material wurden von den Direktoren großzügig zum Bau von Umzugswagen für die Straßenumzüge abgestellt ...

Quelle

(Zitate von Martin Krieg und Rolf Fliedner aus: "Sächsische Zeitung", 19.02.2009)

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2011, 15:30 Uhr